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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2016

Nina Hoss über Venedig und das dortige Filmfestival"Die Stadt ist schwer zu toppen"

Moderation: Nana Brink

Ein Porträt der Schauspielerin Nina Hoss (picture alliance / dpa / Felix Zahn)
Nina Hoss (picture alliance / dpa / Felix Zahn)

"Ich würde mich freuen, wenn uns ein Film völlig von den Socken haut", sagt Schauspielerin Nina Hoss, die in diesem Jahr in der Jury des Filmfestivals in Venedig sitzt. Zum Auftakt spricht sie mit uns über die Erwartungen, die Folgen des Erdbebens und ihre Lieblingsfilme.

Nana Brink: Die Schauspielerin Nina Hoss sitzt in der Jury der Filmfestspiele von Venedig. Ich grüße Sie, Frau Hoss!

Nina Hoss: Hallo, freut mich!

Brink: Die Eröffnung in diesem Jahr wird ja weniger glamourös ausfallen. Die große Eröffnungsparty fällt aus Respekt vor den Erdbebenopfern aus. Aber natürlich wird das Festival auch vom roten Teppich leben, von den Stars, die darüber laufen. Wie laufen Sie denn am liebsten über den roten Teppich, als Schauspielerin oder als Jury-Mitglied?

Hoss: Ich glaube, entspannter ist es als Jury-Mitglied. Ich weiß es nicht ganz genau, weil es ist natürlich auch schön, seinen Film und seine Arbeit und das Werk, wenn es fertig ist und dann hat es einen tollen Rahmen und erblickt das Licht der Welt und dann geht man über den roten Teppich und dann guckt man das alles zusammen an. Das hat schon auch was, aber die Aufmerksamkeit ist ja dann doch sehr auf einem und bei der Jury kann man so schön im Hintergrund verschwinden. Das ist manchmal auch ganz schön. Dann lässt man den anderen den Vortritt.

"Eine aufregende Zeit"

Brink: Was verbindet Sie mit diesem ältesten Filmfestival? Sie haben ja das Festival mehrfach erlebt, waren dort mit eigenen Filmen, wie Sie es gesagt haben, schon mit Wettbewerbsfilmen vertreten.

Hoss: Es ist erst mal der Ort. Er ist so besonders und Venedig ist einfach eine Stadt – man fährt mit dem Boot schon vor. Man ist so durchweicht und sonnengewärmt und ich weiß nicht, also...

Brink: Man ist irgendwie schon ein bisschen bei Thomas Mann, nicht?

Hoss: Ja, wirklich, es ist schwer zu toppen. Und das bedeutet es mir. Und dass man dann noch die Chance bekommt, so in Filme eintauchen zu können, mit einer fantastischen Jury zusammen in einen Austausch zu treten, über das Filmemachen zu reden, mitzubekommen, worauf die achten und was ihnen wichtig ist. Oder man selbst lernt wieder, worauf man selbst eigentlich achtet oder was man spannend findet an Kino und am Filmemachen. Das ist einfach eine aufregende, großartige Zeit. Und es ist sehr traurig, natürlich ist es belastet durch das, was in Italien jetzt passiert ist mit dem Erdbeben und das wollen wir auch alle nicht vergessen. Aber wir freuen uns natürlich trotzdem auf das Festival selbst.

Brink: Sie haben es schon angedeutet, es ist ja eine ganz illustre Runde, die Jury. Sam Mendes, der Regisseur von "American Beauty", der letzten James-Bond-Filme, ist ja der Jury-Präsident. Dann gibt es noch die Avantgarde-Musikerin Laurie Anderson, ihre französische Kollegin Chiara Mastroianni oder der Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer, die sind alle mit von der Partie. Auf was freuen Sie sich da am meisten? Ich habe gerade herausgehört, auf die Diskussion, dass jeder etwas aus unterschiedlichen Blickwinkeln sieht?

Erst durch die Diskussion versteht man Dinge

Hoss: Ja. Das ist eigentlich das Spannendste an so einer Jury. Für mich ist das Kino. Also dass man zusammen einen Film anguckt und dann hat man sich ja schon per se eine Meinung gebildet oder man hat ein Gefühl für einen Film, vielleicht kann man es noch gar nicht genau gleich äußern danach. Und dann fängt man an, darüber zu reden und plötzlich werden einem Dinge bewusst, weil jemand anders es mit anderen Augen ansieht oder mit anderen Erfahrungen anfüllen kann. Und plötzlich versteht man Dinge anders oder man selbst ringt darum, sich verständlich zu machen und den anderen zu überzeugen. Das ist Kino, das ist einfach für mich – darauf freue ich mich am meisten.

Brink: Sie waren ja schon öfter in Jurys. Bereiten Sie sich eigentlich besonders auf so eine Tätigkeit vor?

Hoss: Nein, das kann man eigentlich fast nicht. Das Einzige, was ich immer versuche und was ich jetzt auch relativ gut hingekriegt habe, ist, die Filme, die relevanten, die zurzeit draußen sind oder auch ins Kino kamen, dass ich die gesehen habe, damit ich weiß, in welchem Umfeld diese Filme jetzt hier entstanden sind und entstehen. Und das ist es eigentlich. Ich kenne viele der Regisseure, es ist ja ein fantastisches Programm. Darauf freue ich mich also auch. Es sind, glaube ich, also wirklich viele fantastische Regisseure dabei. Leider nur zwei Frauen, aber egal. Von vielen von denen kenne ich die Filme, von manchen nicht. Und da lasse ich mich einfach überraschen…

Brink: Überraschen – macht Sie etwas besonders neugierig?

Hoss: Ich freue mich natürlich auf den Film von Wim Wenders, ist ja klar. Ich freue mich auch auf den neuen Film von Derek – ich weiß leider nie, wie man seinen Nachnamen ausspricht – Cianfrance oder so, er möge es mir verzeihen. Dessen Filme finde ich spannend. Tom Ford finde ich spannend, Kusturica auch, fällt mir so ein. Also, das sind – oder Malick – das sind jetzt natürlich die großen Namen. Von den anderen weiß ich – teilweise kenne ich sie, teilweise nicht. Und da gucke ich mir – ich würde mich auch freuen, wenn uns ein Film völlig von den Socken haut, mit dem keiner gerechnet hat. So was ist natürlich auch toll.

Was macht einen guten Film aus?

Brink: Ich fand das interessant, als Sie eben auch von der Diskussion geschildert haben innerhalb dieser Jury. Da würde man ja wahnsinnig gern Mäuschen spielen, weil es ja wahrscheinlich im Endeffekt dann doch um die Frage geht, was ist ein guter Film. Was erwarten Sie von einem guten Film?

Hoss: Schwer zu sagen. Bei mir geht das so in Stadien. Manchmal – ich meine, letztendlich geht es darum, dass ich in einem Film versinken kann, dass ich mich identifizieren kann oder ich andocken kann. Manchmal stelle ich dann im Nachhinein fest, dass ich, während ich diese zwei exklusiven Stunden mit diesen Menschen verbracht habe, auch so nebenbei ganz viel über das Land und die Umstände, in denen diese Figuren sich bewegen, gelernt habe. Das ist für mich tolles Filmemachen, dass ich individuell in eine Geschichte abtauchen kann und trotzdem ganz viel über die Umstände drumherum erfahren darf. Das ist eines der Kriterien.

Dann gibt es aber auch manchmal Sachen, da kann ich gar nicht beschreiben, was es ist erstmal, und bin einfach nur wie weggeblasen. Das ist für mich – Kino ist auch Traum, ist auch etwas, was ich – dann brauche ich vielleicht noch vier Stunden danach, um genau sagen zu können, was es eigentlich war. Aber während ich drin sitze, versuche ich, relativ unanalytisch zu gucken.

"Ich habe gelacht und geweint"

Brink: Wenn Sie uns jetzt noch verraten, was für drei Filme haben Sie denn mitgenommen? Wo sind Sie denn versunken?

Hoss: Ich habe jetzt kürzlich "Toni Erdmann" gesehen. Den fand ich umwerfend. Ich meine, da blase ich ja jetzt ins Horn, was alle sagen, aber das schadet ja auch nichts. Wenn der gut ist, ist der gut. Und da war ich wirklich hingerissen, ich habe gelacht, geweint, wenn man es jetzt mal vom emotionalen Standpunkt sieht. Und gleichzeitig, was ich vorhin gesagt habe, ganz viel über die Umstände und das Leben der Menschen gelernt in unserer Zeit. Und dann habe ich aber eben auch Ken Loach aus Interesse, der Gewinnerfilm, "I, Daniel Blake", gesehen und ich muss sagen, der hat mich auch begeistert. Das ist ein Film, den kann man nicht so einfach abtun, bloß, weil er ein Altmeister ist. Das ist ein großartiger Film für mich und da bin ich auch sehr abgetaucht. Aber das heißt jetzt nicht, dass ich die gegeneinanderstelle. Ich finde, es hätten alle absolut was gewinnen müssen in Cannes.

Brink: Vielen Dank! Die Schauspielerin Nina Hoss in der Jury der Filmfestspiele von Venedig. Danke für Ihre Zeit!

Hoss: Ja, dankeschön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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