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Studio 9 | Beitrag vom 20.09.2018

Niedrige Mieten in Wien"Wohnen als Menschenrecht"

Von Srdjan Govedarica

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Gelbes und weißes Haus nebeneinander im 18. Bezirk von Wien (Imago / allOver)
Die Einkommensobergrenze für den Anspruch auf die Gemeindebauten liegt in Wien bei 44.000 Euro netto für eine Einzelperson. (Imago / allOver)

Wien hat einen Wohnungsmarkt, von dem andere Städte nur träumen können. Das Geheimnis: Die Stadt investiert seit 100 Jahren in den sozialen Wohnungsbau und hat in dieser Zeit dem Privatisierungsdruck standgehalten.

Eine Dachgeschosswohnung in Wien Simmering, etwa zehn U-Bahn-Minuten von der Stadtmitte entfernt. Die Wohnung ist zu haben, sie hat zwei Zimmer, Küche und Bad, außerdem einen großen Abstellraum und einen Balkon. Sie ist hell und gut in Schuss.

"Das ist eine Dachgeschosswohnung, wie sie jede Wienerin und jeder Wiener im Gemeindebau kriegen kann", sagt Markus Leitgeb von der städtischen Hausverwaltung Wiener Wohnen. Sie ist für die sogenannten Gemeindebauten zuständig, wie Sozialwohnungen in Wien heißen.

Einheitliche Mietpreise

"Das Tolle an den Wiener Gemeindebauten ist, dass es sie in allen 23 Bezirken gibt, also vom ersten Bezirk knapp neben dem Stephansdom bis in den 11. Bezirk. Und wir verlangen überall die gleiche Miete. 5,80 Euro pro Quadratmeter, dazu kommen die Betriebskosten und 10 Prozent Steuern. Aber es gibt keine Aufschläge, keine Maklerprovision, keine Gebühren."  

Für die freie Dachgeschosswohnung in Simmering ist eine Warmmiete von ca. 600 Euro fällig. Werner Zossinger zahlt deutlich weniger, weil er schon seit über 40 Jahren hier wohnt:  Der 72-jährige Rentner wohnt in einer 57-Quadratmeter-Wohnung. Mit Strom, Gas und Telefon kommt Werner Zossinger auf eine Warmmiete von 400 Euro: "Da kannst ned sage, du bist unzufrieden."

Wilhelm-Weber-Hof in Wien Simmering.  (Deutschlandradio / Srdjan Govedarica)Wilhelm-Weber-Hof in Simmering. Die Wiener Gemeindebauten sind gepfelgt, grün und bezahlbar. (Deutschlandradio / Srdjan Govedarica)

Hier im sogenannten Wilhelm-Weber-Hof in Simmering leben ca. 700 Menschen in 300 Wohnungen. Die Anlage stammt aus den 50er Jahren, ist aber kürzlich renoviert worden. Die Wohngebäude wirken gepflegt und modern, große Innenhöfe verbinden sie, überall ist viel grün. So oder so ähnlich sehen die meisten Gemeindebauten in Wien aus. 220.000 Wohnungen gehören direkt der Stadt Wien, an weiteren 200.000 Wohnungen ist sie beteiligt. 62 Prozent der Wiener wohnen in einer dieser Wohnungen mit gedeckelten Mieten. Das wirkt sich auf den gesamten Mietmarkt aus und drückt die Preise nach unten.

Die Stadt lässt sich das einiges kosten, sagt Kurt Stürzenbecher, sozialdemokratischer Gemeinderat und Vorsitzender des Wohnausschusses der Stadt. 600 Millionen Euro im Jahr gehen in die Wohnbauförderung: "Das ist einfach gesellschaftlich akzeptiert, dass 0,5 Prozent der Bruttolohnsumme abgezogen werden und in diesen Topf Wohnbauförderung fließen."

Nicht nur die Armen profitieren von der Wohnbauförderung

Besonders stolz ist die Stadt Wien darauf, dass in den Gemeindebauten Menschen unterschiedlicher sozialer Strukturen leben. Das hängt damit zusammen, dass ca. 75 Prozent der Wienerinnen und Wiener die Grundvoraussetzungen für eine städtische Wohnung erfüllen. Es gibt zum Beispiel eine Einkommensobergrenze von üppigen 44.000 Euro netto für eine Einzelperson.

"Das heißt, dass die Wohnbauförderung wirklich eine Mittelstandförderung ist. Dass nicht nur die Armen davon profitieren, sondern auch der Mittelstand bis in die obere Mittelschicht hinein", so Stürzenbecher.

Wohnungsschild einer Wohnanlage der Gemeinde Wien, die 1949-1951 erbaut wurde. (Deutschlandradio / Srdjan Govedarica)In der renovierten Wohnungsanlage Wilhelm-Weber-Hof wohnen ca. 700 Menschen in 300 Wohnungen. (Deutschlandradio / Srdjan Govedarica)

Der Soziale Wohnungsbau hat in Wien eine fast 100-jährige Tradition. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Großstädten hat die Stadt außerdem ihren Wohnungsbestand im Laufe der Jahre behalten und nicht verkauft. Deshalb ist das Wien-Modell schwer auf andere Städte zu übertagen. Aber das Grundprinzip der Stadt könne dennoch als Orientierungshilfe dienen, sagt Gemeinderat Kurt Stürzenbecher:

"Das Wichtigste ist: Nicht auf den Markt alleine vertrauen, sondern den Markt korrigieren und Wohnen als Menschenrecht sehen und dieses Menschenrecht muss mit den staatlichen und kommunalen Mitteln durchgesetzt werden."

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