Länderreport / Archiv 01.03.2019

Niedersachsen testet Brennstoffzellen-Zug Beim Bremsen wird Strom gewonnenVon Dietrich Mohaupt

Beitrag hören Der blaue Coradia iLint fährt durch einen Wald. (Alstom/Rene Frampe)Der Coradia iLint produziert aus Wasserstoff in den Tanks auf dem Dach und Sauerstoff aus der Umgebungsluft Strom für den Antrieb. (Alstom/Rene Frampe)

Wasserdampf statt stinkender Abgase - wer von Cuxhaven nach Buxtehude fährt, kann das testen. Dort fährt der hochmoderne Nahverkehrszug Coradia iLinit mit Brennstoffzellen-Hybrid-Technologie. Sieht so die Zukunft der emissionsfreien Mobilität aus?

Etwas abseits am Bahnhof in Bremervörde steht der Coradia iLinit auf einem Abstellgleis – nicht etwa weil er schon ausrangiert wurde, nein – er soll aufgetankt werden. Jeden Morgen und jeden Abend die gleiche Routine: Ein Mitarbeiter des Zugherstellers Alstom bereitet die mobile Tankstelle vor, koppelt den Schlauch am Einfüllstutzen an und dann drückt ein Kompressor den Wasserstoff in die Tanks auf dem Dach des Zuges. Sieht alles ganz unspektakulär aus, fast wie ein ganz normaler Zug, meint auch der technische Projektleiter von Alstom, Stefan Schrank:

"Wir haben auf dem Fahrzeugdach einmal in der Mitte des Wagenkastens, relativ groß, den Wasserstofftank. Von außen eigentlich nur zu erkennen durch eine große Abdeckung, unter der sich die einzelnen Druckbehälter befinden. Dann – mit den vielen Ventilatoren und den Lüftern – das ist unsere Brennstoffzelle, das Herz der ganzen Technik. Und dieser unscheinbare Kasten unter dem Zug, da ist die Lithium-Ionen-Batterie drin untergebracht, die den Betrieb der Brennstoffzelle unterstützt." 

Nach dem Tankvorgang ist der Brennstoffzellen-Zug einsatzbereit. Die Fahrgäste für die Fahrt nach Buxtehude können einsteigen:

"Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt im Coradia iLint, dem Nahverkehrstriebzug mit Brennstoffzellen-Hybrid-Technologie." 

Modern und leise

Spätestens jetzt dürfte jedem klar sein , das ist eben doch kein ganz normaler Zug. Es ist ein Treffen der Generationen: Draußen setzt sich lärmend und schwarze Rußwolken ausstoßend ein Vorgänger des iLint in Bewegung – ganz anders sein Nachfolger: So klingt die Zukunft auf den Nahverkehrsstrecken, auf denen eine Elektrifizierung mit Oberleitung nicht wirtschaftlich ist.

Bei den Fahrgästen im Zug sammelt der Brennstoffzellen-Zug fleißig Punkte. Man ist recht angetan.

"Er ist leiser, fährt ein bisschen schneller als der andere, finde ich. Ist eigentlich ein ganz schöner Zug. Das ist allerdings wahr. Das Ding ist irgendwie moderner im Allgemeinen. Halt nicht so ein alter Stinker, sondern man sieht: Es geht auch modern. Wahrscheinlich kostet er ein bisschen mehr, aber  ich find’s gut. Der Planet geht ja immer mehr vor die Hunde wegen der Erderwärmung. Und wenn wir sowas hinkriegen, finde ich das schon nicht schlecht." 

Weltweites Interesse

Leiser, moderner, praktisch keine Abgase. Auf zwei Umläufen pro Tag, so heißt das im Eisenbahner-Deutsch, dürfen die beiden iLint Prototypen sich derzeit bewähren. Dabei haben sie schon viel Aufsehen erregt – nicht nur bei den Fahrgästen im Regionalverkehr zwischen Cuxhaven und Buxtehude. Das weltweite Interesse für die neue Technik "Made in Salzgitter" hat selbst Alstom-Manager Jens Sprotte ein wenig überrascht.

"Wir hätten nie gedacht, dass wir so viele Anfragen bekommen, und man muss wirklich sagen, ein touristischer Boom ist da ausgebrochen! Wir haben über Russland, Australien, Kanada, Singapur, Indien – ich könnte jetzt noch viel mehr aufzählen – wirklich weltweit Besuchergruppen, und es hört und hört nicht auf und ich finde es toll, dass man auch mal zeigen kann, Niedersachsen ist nicht nur ein schönes Bundesland, sondern ist auch Vorreiter in emissionsfreier Mobilität." 

Wasserdampf als Nebenprodukt

Das mit der emissionsfreien Mobilität, das ist allerdings so eine Sache. Der Zug selbst fährt natürlich emissionsfrei: Aus Wasserstoff in den Tanks auf dem Dach und Sauerstoff aus der Umgebungsluft produziert er Strom für den Antrieb.  Sonst nichts, also fast nichts, erläutert Stefan Schrank.

"Grundsätzlich erzeugt dieser Zug, wenn man so will, als Abgas Wasser. 90 Prozent dieses Wassers geht als Wasserdampf in die Umgebung – manchmal sieht man es so ein bisschen.  Und ein ganz kleiner Anteil kondensiert im System und tropft dann durch so ein kleines Röhrchen nach unten aus dem Zug weg. Das ist reinstes, sauberes Wasser, nichts anderes erzeugt dieser Zug als Nebenprodukt." 

Oft wird Strom aus Kohlekraftwerken genutzt

Etwas problematischer dagegen ist die Produktion des notwendigen Wasserstoffs. Denn in der Regel kommt bei der Elektrolyse – also der Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff – auch Strom aus Kohlekraftwerken zum Einsatz, bei dessen Produktion wiederum viel CO2 freigesetzt wurde. Das gilt auch für den Wasserstoff, den die beiden iLints aktuell in Bremervörde tanken. Noch, betont Thomas Schrank. Denn schon bald soll die bisher genutzte mobile Anlage durch eine neue Tankstelle ersetzt werden – und die soll mittelfristig auch "grünen" Wasserstoff liefern.

"Die Tankstelle, die hier errichtet wird, ist dahin gehend geplant, dass sie einen signifikanten Anteil künftig auch mit regenerativer Energie erzeugen kann. Und die Zielstellung ist schon, in den ersten drei bis fünf Jahren des Betriebes auf einen signifikanten Anteil dahin gehend auch umzustellen."

Das Ziel: 1000 Kilometer Reichweite

Was genau er mit dem "signifikanten Anteil" meint , das lässt Thomas Schrank offen. Er spricht lieber über die äußerst positive Testphase mit den beiden Zügen im Alltagsbetrieb. Stichwort Verbrauch zum Beispiel. 1000 Kilometer Reichweite war das angestrebte Ziel, und die vielen Tests in den vergangen Monaten hätten gezeigt:

"Wir werden unter den ungünstigsten Betriebsbedingungen die 1000 Kilometer fahren können. Das heißt im Hochsommer, wenn die Klimaanlagen stark beansprucht werden, im Winter, wenn sehr viel geheizt werden muss. Neben dem Betrieb, den wir hier machen, hatten wir einen Zug für einige Tage auf anderen Strecken im Einsatz. Wir haben eine Fahrt schön den Schwarzwald hoch gemacht, zwischen Offenburg und Freudenstadt. Für uns mal gesehen, wie der Verbrauch dann auf einer gebirgigeren Strecke, als wir sie hier in Norddeutschland haben, tatsächlich ist. Und die Zahlen sind in dem Bereich, wie wir sie uns vorgestellt haben." 

Alles vorbereitet für die Serienproduktion

Möglich wird das unter anderem durch eine speziell entwickelte Software, die haarklein jeden Beschleunigungs- und Bremsvorgang des Zuges protokolliert, auswertet und mit dem Fahrplan abgleicht. Rekuperation, Rückgewinnung der Bremsenergie, heißt das Stichwort. Dabei wird kinetische Energie aus dem Bremsvorgang in Strom umgewandelt, in Akkus gespeichert und bei Bedarf wieder abgerufen. Für Jens Sprotte ist dieses Energiemanagement das eigentliche Herz des Zuges.

"Bedingt durch diese Software haben wir natürlich auch Möglichkeiten, das Energiesystem zu speisen. Also wir wissen jetzt ganz genau: Wie fahren die Fahrer? Wie ist der Fahrplan? Und jetzt ist es ganz wichtig, dass natürlich das Fahrzeug nur so viel Energie abgibt, wie auch genau gebraucht wird, dass ich diesen Fahrplan fahren kann. Das sind so Sachen, wo wir auch stolz sind, dass das für uns hier in Eigenregie entwickelt werden konnte,  weil das ist das Knowhow des Fahrzeugs. Diese Komponenten, die wir haben, die haben wir am normalen Markt zugekauft. Diese intelligente Steuerungstechnik Made in Salzgitter, das ist das, was den Zug wirklich einzigartig macht." 

Im Alstom-Werk in Salzgitter ist bereits alles vorbereitet für die Serienproduktion des iLint. Bis Ende 2021 sollen dort insgesamt 14 Brennstoffzellenzüge gebaut werden, die dann im Auftrag der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen, LNVG, im Streckennetz der Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser zum Einsatz kommen sollen.

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