Seit 05:05 Uhr Studio 9

Freitag, 20.07.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Weltzeit | Beitrag vom 04.07.2018

Niederlande will weniger AutopendlerArbeitnehmer sollen fürs Radfahren bezahlt werden

Stientje Van Veldhoven im Gespräch mit Andre Zantow

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mann transport in seinem Fahrradkorb vorne am Lenker seine Einkäufe, während entlang einer der Amsterdamer Grachten fährt. (AFP/Timothy Clary)
Fahrradfahren könnte sich künftig auch finanziell stärker lohnen in den Niederlanden. (AFP/Timothy Clary)

Die niederländische Staatssekretärin für Infrastruktur will Pendler finanziell fördern, die mit dem Rad zur Arbeit fahren. Sie spricht von "19 Cent pro Kilometer", um 200.000 Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen.

Andre Zantow: Seit 2010 sitzt Stientje Van Veldhoven im niederländischen Parlament, für die sozial-liberale Partei "D66". Ihre Schwerpunkte sind Klima-, Umwelt- und Energiepolitik. Diese bringt sie nun erstmals in der Regierungskoalition als Staatssekretärin für Infrastruktur und Wassermanagement ein. Ihr jüngstes Vorhaben betrifft die finanzielle Förderung von Menschen, die mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren. Warum jetzt diese Gesetzesinitiative?

Stientje Van Veldhoven: In den Niederlanden haben wir eine Region zwischen Amsterdam, Rotterdam und Utrecht, die jetzt schon sehr dicht besiedelt ist, und wir rechnen damit, dass weitere 500.000 Leute in diese Gegend ziehen, in den nächsten zehn Jahren. Gleichzeitig wird die Wirtschaft wachsen und das bedeutet sehr viele Staus, Luftverschmutzung und Wartezeiten. Wir prüfen jetzt alle Möglichkeiten, das zu verhindern, und sind darauf gekommen, dass Radfahren eine sehr kostengünstige und gesunde Lösung für all diese Probleme ist.

Unser Plan sieht vor, dass 200.000 Menschen, die jetzt noch mit dem Auto zur Arbeit pendeln, künftig mit dem Fahrrad fahren. Das ist möglich, weil die Hälfte aller Arbeitswege in den Niederlanden kürzer als 7,5 Kilometer ist. Also einfach leistbar per Rad.

Für dieses Ziel haben wir ein Paket an Maßnahmen erarbeitet, und eine davon ist der finanzielle Anreiz. In den Niederlanden kann jeder Arbeitgeber in der Regel 19 Cents pro Kilometer an seinen Angestellten geben, der per Auto zur Arbeit kommt. Das wollen wir auch für Fahrradfahrer – und zwar sehr einfach, damit es viel genutzt wird. Und in den Branchen, wo Autofahrer nur sechs Cents pro Kilometer bekommen, sollen Fahrradfahrer trotzdem 19 Cents bekommen.

Die niederländische Staatsministerin für Infrastruktur, Stientje van Veldhoven, will, dass weniger Menschen mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Hier sitzt sie im Zug. (Pressefoto der niederländischen Regierung)Die niederländische Staatsministerin für Infrastruktur, Stientje van Veldhoven, will, dass weniger Menschen mit dem Auto zur Arbeit pendeln. (Pressefoto der niederländischen Regierung)

Zantow: Das heißt Fahrradfahrer werden künftig stärker gefördert?

Stientje Van Veldhoven: Naja, es gibt jetzt die Möglichkeit zu differenzieren. Einige müssen natürlich mit dem Auto kommen, sie erhalten den geringeren finanziellen Anreiz und die Fahrradfahrer kriegen mehr. Diese neue Regelung soll auch die Arbeitgeber dazu anregen, allen Angestellten, die mit dem Rad kommen, diesen Betrag auszuschütten. Noch tun es nicht alle. Und wir wollen auch den Leuten mit einem Firmenauto sagen – holt euch ein Firmen-Fahrrad, nutzt es – und dann bekommt ihr auch die Förderung.

Niederlande sind schon EU-weit führend beim Radfahren

Zantow: Und warum sollte der Arbeitgeber das machen, wenn sein Mitarbeiter dann vielleicht länger braucht mit dem Rad als mit dem Auto?

Stientje Van Veldhoven: Der Arbeitgeber wird Geld sparen – allein wegen der Parkplätze. Ein Rad benötigt ein Zehntel des Platzes. Und ein Rad benötigt auch viel weniger Platz auf den Straßen. Es gibt viele Gründe, ins Radfahren zu investieren. Wir haben da auch einiges in unserem Paket: Wir bauen neue Fahrrad-Stellplätze an Bahnhöfen, neue Hochgeschwindigkeits-Radwege in der Stadt, damit man nicht an Ampeln warten muss, und dafür investieren wir zusammen mit den Gemeinden eine Viertelmilliarde Euro. Weil es gut ist für die Luft, für die Gesundheit der Menschen und gegen Staus hilft.

Zantow: 250 Millionen Euro – das klingt erstmal viel – aber wenn wir beim finanziellen Anreiz bleiben mit den 19 Cents pro Kilometer, dann sind das bei einem Arbeitsweg von zehn Kilometern ungefähr 80 Euro im Monat, die man bekommt fürs Fahrradfahren. Klingt nicht so für meine deutschen Ohren, als ob dafür viele Autofahrer umsteigen würden.

Stientje Van Veldhoven: Na gut, 80 Euro im Monat sind knapp 1000 Euro pro Jahr fürs Radfahren, also ist das schon ein guter Anreiz. Und Radfahren ist sehr günstig, man hat minimale Kosten. Und wie ich sagte, die Arbeitgeber können jetzt differenzieren und den Autofahrern weniger geben als den Radfahrern.

Zantow: Braucht die Niederlande überhaupt noch eine Förderung der Radfahrer? Europaweit sind Sie ja schon führend: 36 Prozent der täglichen Fahrten werden mit dem Rad gemacht, in Deutschland sind es nur zwölf Prozent, im EU-Durchschnitt nur acht Prozent. Aber Verkehr ist ja ein wesentlicher Luftverschmutzer und Klimawandel-Beschleuniger – wie kann denn Ihr Modell bei Politikern in anderen EU-Ländern ankommen - was raten Sie?

Stientje Van Veldhoven: Wenn Sie Radfahren stärken wollen, brauchen sie eine gute Infrastruktur, sichere Radwege, viele Radstellplätze, finanzielle Anreize und Arbeitgeber, die Radfahren fördern wollen. Es ist wirklich ein Paket. Und hier möchte ich auch das E-Bike erwähnen als innovative Möglichkeit, bis zu 15 Kilometer entspannt zur Arbeit zu fahren ohne die Distanz wirklich zu spüren. Den Kauf solcher Elektro-Räder sollte man finanziell fördern, besonders, wenn Ihr Land nicht so flach ist, wie die Niederlande.

Mehr zum Thema

200 Jahre Fahrrad - Erobert das Rad die Städte zurück?
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 25.04.2017)

Fahrrad-Aktion von Rügen bis zum Bodensee - BUND: Mehr Schutz für die Alleen!
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 01.06.2018)

Radfunk - Video - Richtig radeln - Wie stelle ich mein Fahrrad richtig ein?
(Deutschlandfunk, Radfunk, 28.05.2018)

Weltzeit

Duma in SyrienWar der Giftgasangriff inszeniert?
Angriff auf die syrische Stadt Duma - Rauchsäulen stehen über der Stadt (dpa / Ammar Safarjalani)

Im April dieses Jahres fand mutmaßlich ein Giftgasangriff auf die syrische Stadt Duma statt. Das Assad-Regime und Russland leugnen bis heute das Verbrechen. Unser Reporter sucht in Duma nach Zeugen - doch zu Gesicht bekam er nur ausgewählte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur