Existenz der Niederlande

Hochwasserschutz und Klimawandel

22:23 Minuten
Ein Deichwächter der Limburger Wasserbehörde dreht seine Runde an kritischen Punkten in und um das Dorf Arcen in den Niederlanden.
Die Situation immer im Blick: Ein Deichwächter der Limburger Wasserbehörde dreht seine Runde an kritischen Punkten in einem Dorf in den Niederlanden. © picture alliance / ANP / Robin von Lonkhuijsen
Von Marten Hahn · 18.01.2022
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Die Niederlande sind Experte für Hochwasserschutz: Rund ein Viertel des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Wasserbehörden verhindern Überschwemmungen - und entwickeln Methoden für die Zukunft, in der Starkregen aber auch Dürre zunehmen werden.
Rogier van der Sande steht in der Sonne und zeigt auf einen seiner Lieblingsorte: eine Pumpstation an der niederländischen Küste.
„Wir sind hier in Katwijk am Ende des Rheins. Weiter hinten mündet der Rhein ins Meer. Dazwischen sitzt ein Damm und diese Pumpstation hier. Die sorgt dafür, dass wir das Wasser in die Nordsee pumpen können.“
Van der Sande ist nicht einfach irgendein Fan des niederländischen Wassermanagements.
Rogier van der Sande ist Deichgraf, also Vorsitzender einer regionalen Wasserbehörde. Er ist verantwortlich für das Gebiet Rijnland und damit dafür, dass von Haarlem bis Gouda alles trocken bleibt und das Wasser da fließt, wo es soll. 21 dieser Behörden gibt es heute in den Niederlanden. Sogenannte Waterschappen. Die ältesten unter ihnen heißen Hoogheemradschap. Und Rijnland ist die älteste.

Erste Wasserbehörden im 12. Jahrhundert

Wenn Rogier van der Sande zu einem historischen Exkurs ausholt, fallen Namen wie Kaiser Friedrich Barbarossa und Willem der Zweite. Bis ins 12. Jahrhundert geht die Geschichte der Wasserbehörde zurück. Damit ist sie älter als die Niederlande. 
Eine Pumpstation von außen
In Katwijk an der niederländischen Küste: die größte Pumpstation im Rheinland.© Deutschlandradio / Marten Hahn
„Und das hier ist die größte Pumpstation im Rheinland.“
Wir treten ein. Instinktiv legt man die Hände über die Ohren und erwartet Lärm. Aber dann: Stille.
„Die Motoren laufen jetzt nicht. Das ist nicht immer nötig. Jetzt warten wir, bis sie wieder gebraucht werden. Und wir versuchen auch, die natürlichen Gezeiten zu nutzen. Bei Ebbe ist es einfacher, das Wasser abzulassen als bei Flut. Aber wir können auch bei Flut pumpen, wenn es nötig ist.“
Die Halle ist riesig. Eigentlich zu groß für die heutigen Anlagen.
„Früher gab es hier ein Dampfpumpwerk, dann ein Dieselpumpwerk und jetzt stehen hier vier Elektromotoren. Wir haben also auf grüne Energie umgestellt.“

Nichts wird dem Zufall überlassen

Wasserbehörden wie die Hoogheemraadschap Rijnland sind aber nicht nur alt. Sie erfüllen bis heute lebenserhaltende Maßnahmen für die Niederlande. Entsprechend überlässt man hier nichts dem Zufall. Der Deichgraf zeigt auf einen Computer-Turm hinter verschlossenen Türen.
„Das ist die Prozessautomatisierung. Diese Computer werden von der Zentrale in Leiden aus gesteuert. Aber wenn die Internetverbindung unterbrochen wird, können wir die Computer immer noch von hier aus steuern. Oder wenn wir von Hackern angegriffen werden. Dann können wir alle Stecker ziehen und immer noch alles von Hand ein- und ausschalten.“
Das Pumpwerk hier ist so wichtig, dass es auch für die Elektromotoren eine Notlösung gibt. Fällt durch Überschwemmungen der Strom aus, stehen noch Dieselmotoren bereit. Die springen dann an, pumpen das Wasser von der Flussseite ins Meer und verhindern so eine Katastrophe.
„Wir verlassen uns nicht nur auf die neue Technologie, sondern auch auf die alte. Und die Schleuse, die weiter unten am Meer liegt, können wir immer noch von Hand öffnen und schließen. Wir müssen es nicht, aber wir können es, wenn wir es müssen.“

"Land muss dauerhaft abgepumpt werden"

„Die Wasserbehörden sind eigentlich die conditio sine qua non für die Existenz der Niederlande“, sagt Petra van Dam.
„Das Land muss dauerhaft abgepumpt werden. Wenn die Wasserbehörden morgen nicht mehr arbeiten würden, ständen innerhalb einer Woche viele Häuser unter Wasser. Vor allem in den Vororten der Großstädte, die liegen zwei bis vier und manchmal schon sechs Meter unter dem Meeresspiegel, weil sie sich am Boden eines Torfmoors befinden. Die wurden früher abgepumpt und sind dann weiter abgesackt.“
Van Dam ist Professorin an der Freien Universität in Amsterdam. Sie lehrt hier Umwelt- und Wassergeschichte. Kaum jemand kennt die Aufgaben und Geschichte der Waterschappen so gut wie sie.
„Es gab immer mehr Wasserbehörden. Um 1900 gab es mehr als 2000. Und jetzt gibt es 21! Die Kleinen und die Großen sind fusioniert und die Großen haben die Kleinen aufgegessen. Und das hat damit zu tun, dass das jetzt technisch auch möglich ist.“
Früher wurde für die Landgewinnung und für die Instandhaltung der Kanäle viel Personal gebraucht. Deswegen organisierten sich die Bauern lokal in Waterschappen. Fast jeder Polder hatte seine eigene.
„Die Bauern haben den Schlamm aus den Kanälen geschöpft und die Wasserpflanzen weggeschnitten. Das mussten sie jedes Jahr machen. Das machen wir noch immer jedes Jahr. Die Wasserbehörden kommen jedes Jahr bei jedem kleinen Kanal, um die zu reinigen. Weil die sonst zuwachsen.“
Aber bald ersetzten Maschinen die Handarbeit. Schleusen, Windmühlen, Pumpen – erst betrieben mit Dampf, dann mit Kohle, Öl und Gas. All diese Entwicklungen führten dazu, dass die kleinen Waterschappen in den größeren aufgingen. Mit der Industrialisierung bekamen die Wasserbehörden im 19. Jahrhundert sogar eine neue Aufgabe.
„Viele Bauern sind in die Stadt gezogen, um zu arbeiten in der Industrie. Das heißt, die Städte sind wirklich gewaltig gewachsen und die haben immer mehr Schmutzwasser produziert aus den Häuser heraus, aus dem Klo.“
All das landete ungeklärt in den Kanälen, Seen und Flüssen, sagt die Historikerin.

Verwaltung sorgt auch für Wasserqualität

„Und dann so um 1900 hat man angefangen zu sagen: Ja, das geht so natürlich nicht. Das wird ja ein großes, stinkendes Gewässer. Und dann hat man angefangen, Kläranlagen zu bauen. Aber es hat noch bis 1972 gedauert, bis die Wasserbehörden offiziell die Aufgaben bekommen haben, um das Wasser von den Städten zu reinigen.“
Seitdem sind die Behörden nicht nur für die Wassermenge, sondern auch für die Wasserqualität zuständig – zum Beispiel hier in den Kanälen der idyllischen Universitätsstadt Leiden. Millionen von Menschen wurden so zu neuen Kunden der Waterschappen - und zur größten Einkommensquelle. Denn eine Sache hat sich bis heute nicht verändert: Die Behörden erheben ihre eigene Steuer.
„So kann jede Wasserbehörde genau berechnen, was sie tun muss und was sie an Steuern dafür einnehmen muss. Dann wissen die Einwohner auch genau, wofür sie zahlen“, sagt Deichgraf Rogier van der Sande.
Verboten zu fischen und zu schwimmen, steht auf Schildern der Wasserbehörde Rijnland.
Viele Niederländer halten die Arbeit der Wasserbehörden, so wie Polizei und Feuerwehr, für selbstverständlich.© Deutschlandradio / Marten Hahn
Wer Steuern zahlt, darf übrigens auch wählen. Alle vier Jahre werden die Bewohnerinnen und Bewohner aufgerufen, den Verwaltungsrat ihrer regionalen Wasserbehörde zu wählen.
„2023 gibt es neue Wahlen.“
Viele Niederländer halten die Arbeit der Wasserbehörden, so wie Polizei und Feuerwehr, aber für selbstverständlich. Damit auch genügend Menschen ihre Stimme abgeben, hat man die Wasser-Wahlen deswegen mit den Provinzwahlen zusammengelegt.
Gelegentlich wird auch diskutiert, die Aufgaben der Waterschappen zu zentralisieren und zum Beispiel mit dem Ministerium für Wasserwirtschaft zusammenzulegen. Die Steuer würde dann auf staatlicher Ebene eingenommen und verteilt. Behördenchef van der Sande hält das für keine gute Idee. Er hätte Angst, dass bei Haushaltskürzungen dann nicht genug Geld bei den Waterschappen ankommt.

Hochwasserschutz ist kein Spielball der Politik

„Dann kann man die Deiche nicht auf einer sicheren Höhe halten. Deswegen ist es so wichtig, dass wir für unsere Aufgaben – das Säubern des Wassers und das Schützen des Landes – auch genügend Geld aufbringen können.“
Die Wasserverwaltung sei zu wichtig, um sie zum Spielball der Politik zu machen.
„Die Deiche müssen sicher sein. Und man kann einen Deich nicht zu 80 oder 90 Prozent sicher machen. Der muss 100 Prozent sicher sein. Und das muss man zu 100 Prozent finanzieren können.“
Historikerin Petra van Dam hört deswegen von vielen Leuten: „Diese Wasserbehörden sind semi-unabhängig. Bitte lassen wir das so! Das ist ein großes Argument.“
Ein Mann mit Krawatte steht lachend in einem Pumpwerk.
Viele Waterschappers würden vor Freude in die Hände klatschen, wenn es regnet, sagt Rogier van der Sande. Denn dann könnten die Pumpen angeworfen werden.© Deutschlandradio / Marten Hahn
12.000 Menschen – Waterschappers - arbeiten heute für die niederländischen Wasserbehörden. Allein Rogier van der Sandes Behörde Rijnland hat 900 Mitarbeiter. So wie Ron Vredenduin.
„25 Jahre arbeite ich hier.“ 
Vredenduin - kurz und kräftig, sonnengegerbtes Gesicht - ist der Leiter der Pumpstation in Katwijk.
„Wo sitzen Sie normalerweise, wenn sie hier arbeiten?“
„Ja da!“
Vredenduins Arbeitsplatz ist ein Glaskasten im Pumpwerk, mit schöner Aussicht Richtung Fluss. In einer Ecke ist ein Touchscreen montiert.
„Wir haben hier einen Bedienungscomputer. Damit kann ich die Maschinen starten und abschalten.“

Steigende Wasserpegel mobilisieren die Pumpen

Später beim Mittagessen erzählt Vredentuins Chef van der Sande: Viele Waterschappers würden vor Freude in die Hände klatschen, wenn es regnet. Denn dann steigen die Wasserpegel und die Pumpen können angeworfen werden. Vredenduin wirkt wie jemand, der sich über Regen freuen würde. Aber heut bleibt alles trocken und die Pumpen still. Sollte es nötig sein, würde der Computer die Maschinen anwerfen. Vieles hier läuft automatisch.
“Es sind viel mehr Software und Computer im Spiel. Früher, mit den Dieselmotoren war das mehr Arbeit mit den Händen. Jetzt wird mehr mit Computern gearbeitet.“
Vredenduin hat deswegen mittlerweile viele Kollegen mit IT-Wissen.
„Wir wissen etwas mehr von der mechanischen Seite. Und die Leute wissen dann etwas mehr von der Computerseite.“
Aber nicht nur in den Pumpwerken wird die Arbeit der Wasserbehörden digital unterstützt, erzählt Historikerin Petra van Dam.
„Das letzte ist, dass die die Deiche überwachen mit einer Drohne. Damit kann man Karten machen. Übersichten. Das ist jetzt sozusagen das Neueste.“

Sensoren und Drohnen überwachen das Wasser

Dazu kommt, dass das ganze Land mit Sensoren überwacht wird.
„Jedes Wasser hat einen Sensor, meistens auch an verschiedenen Stellen. In einem zentralen Lokal wird das alles auf Computern gezeigt, welches Wasser niedrig ist, welches Wasser hoch ist und man kann auch die Schmutzigkeit beurteilen.“
Auch Rogier van der Sandes Wasserbehörde Rijnland behält so alles im Blick. Der Deichgraf steigt ins Auto. Es geht nach Leiden. Hier laufen alle Wasserdaten in der Zentrale zusammen.
„Hier kommen alle Informationen zusammen. Von allen Schleusen und Pumpen. Alle Wasserstände. Und das kombinieren wir dann mit den Wettervorhersagen.“
Jeder Arbeitsplatz ist mit sechs Bildschirmen ausgerüstet. Hier blinken Daten der Wassersysteme und Wasseraufbereitung. Zwei große TV-Bildschirme an der Wand zeigen Wetterdaten, Wasserpegel und einen Graph mit einer grünen Linie.
„Die grüne Linie ist unsere Norm: Wie es sein sollte. In diesem Bereich müssen wir versuchen zu bleiben. Liegen wir zu weit drüber, läuft das Wasser über. Liegen wir zu weit drunter, kann das bedeuten, dass die Deiche nicht feucht genug sind und anfällig werden.“
Denn nicht nur zu viel Wasser kann gefährlich werden, sondern auch zu wenig. Trocknen die Deiche aus, können Risse entstehen. Der Klimawandel und extreme Wettereignisse – Dürreperioden genauso wie Starkregen - stellen die Waterschappen deswegen zunehmend vor neue Herausforderungen.

Grenzen der Manipulation von Natur

„Wir stoßen an die Grenzen dessen, wie viel wir die Natur beeinflussen und manipulieren können. Man muss dem Wasser also Raum geben. Denn wenn man ihm keinen gibt, nimmt es sich selbst Raum. Und das ist vielleicht die größte mentale Veränderung in unseren Köpfen.“
Hochwasser der Ijssel im Winter in den Niederlande, Overijssel, Terwolde
Hochwasser der Ijssel: Höhere Deiche sind nur bedingt eine Lösung.© picture alliance / blickwinkel/AGAMI/E. Tempelaar
Höhere Deiche sind da nur bedingt eine Lösung, weiß auch Wasserhistorikerin Petra van Dam.
„Die Deiche entlang der Flüsse sind schon mehrere Male erhöht worden. Ich bin oft auf den Deichen in meiner Freizeit. Und da siehst du auch, dass die Häuser hinter dem Deich fast in den Deich verschwunden sind, weil der Deich ist hochgewachsen auf der einen Seite.“
Auch die Deiche um das Ijsselmeer, eins der größten Wasserreservoirs des Landes, wurden in der Vergangenheit schon einmal erhöht.
„Das könnte man noch mal machen. Aber da gibt es natürlich auch wieder ein Ende. Denn sonst werden die Niederlande ganz eingeschlossen von riesigen Mauern.“
Stattdessen schaffen Rogier van der Sande und Kollegen mehr Platz für Flüsse und Regenwasser. Zum Beispiel im Neuen Driemans-Polder.
„Ein Gebiet zwischen Den Haag und Zoetermeer im südlichen Rheinland. Die Fläche von 350 Hektar ist als Naturschutzgebiet und Erholungsgebiet ausgewiesen. Aber wenn es zu viel Wasser gibt, können wir das Gebiet mit überschüssigem Wasser auffüllen. Wir kombinieren also drei Dinge: Natur, Erholung und Wassersicherheit. Das ist die Zukunft.“

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Doch die Zukunft sieht nicht rosig aus. Nicht nur Hitzewellen und extreme Regenfälle kommen immer häufiger vor. Auch der Meeresspiegel steigt.
Niederländische Wissenschaftler denken mittlerweile über gigantische Dämme in der Nordsee nach. Auch ein geordneter Rückzug gen Osten, gen Deutschland wird als Möglichkeit diskutiert. Aber bis es soweit ist, halten die Waterschappers weiter die Stellung.
In Katwijk klatscht Ron Vredentuin jetzt wahrscheinlich in die Hände und wirft die Pumpen an.

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