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Tonart | Beitrag vom 22.09.2017

Nick Cave wird 60Arbeitstier im schwarzen Anzug

Von Marcel Anders

Der australische Sänger Nick Cave mit seiner Band "Nick Cave and the Bad Seeds" 2013 während eines Konzerts in Wien (picture alliance / dpa / Herbert P. Oczeret)
Der australische Sänger Nick Cave mit seiner Band "Nick Cave and the Bad Seeds" 2013 während eines Konzerts in Wien (picture alliance / dpa / Herbert P. Oczeret)

Schauspieler, Songwriter, düsterer Romantiker, Literat und bestgekleideter Mann im Musikgeschäft: Nick Cave hat viele Gesichter, die ein mystisches Gesamtbild ergeben. Wer steckt hinter der Fassade? Wir haben ihn aus Anlass seines 60. Geburtstags in seinem Büro besucht.

"Es ist ein Job, den ich liebe. Der beste Job der Welt. Und wenn ich morgens aufwache und fühle mich nicht inspiriert, heißt das nicht, dass ich zu Hause bleibe. Sondern: Ich gehe trotzdem ins Büro. Ich führe keine Diskussion in meinem Kopf, ob ich das nun will oder nicht. Ich tue es einfach."

Nick Cave outet sich als Bürohengst. Sein "Office" liegt in einer Seitenstraße hinter dem Royal Palace, im Zentrum von Brighton. Hier unterhält er ein Ein-Zimmer-Apartment, das aus Schreibtisch, zwei Sesseln, halbvertrockneten Blumen und einem schiefen Regal mit Klassikern der Weltliteratur besteht. Ein spartanisches Reich, aber ordentlich, fast pedantisch und so gar nicht Rock'n'Roll. Kein Telefon, keine Playstation, keine Couch und kein Computer. Den ersetzte Cave vor Jahren durch eine altmodische Schreibmaschine. Dazu trinkt er Tee, beobachtet Menschen und Möwen aus dem Fenster und fühlt sich an seine Jugend an der australischen Ostküste erinnert:

"Im Grunde ist Brighton wie Melbourne – außer, dass ich hier völlig anonym sein kann. Keiner kennt mich, und das mag ich. Gleichzeitig verzehre ich mich nach meiner Heimat. Ich lebe nur wegen meiner Familie in England. Ansonsten vermisse ich Australien sehr."

Buße für seine Jugendsünden?

Heimweh im beengten Kreativ-Gefängnis. Kein Wunder, dass Cave ein Workaholic ist: Der Sohn eines Lehrers und einer Bibliothekarin hat die wilden Jahre als Sänger der Gothic-Punks von The Birthday Party und harter Drogen-Konsument hinter sich gelassen, und ist zum Arbeitstier im schwarzen Anzug geworden, der - wie einst Karl May - seiner Fantasie Freilauf lässt. Der Songs, Romane, Gedichte und Drehbücher erträumt – und sich einem derart rigiden Arbeitspensum unterwirft, als könne er damit Buße für seine Jugendsünden tun.

"Wahrscheinlich ist es das, was mich von meinen Zeitgenossen im Musikgeschäft unterscheidet: Nämlich, dass ich hart arbeite – und sie nicht. Denn Musiker arbeiten nicht hart, sonst wären sie nicht Musiker geworden. Aber ich stehe darauf – ich mag das Gefühl, hierherzukommen und etwas zu schaffen. Das ist eine Bestätigung, die ich nirgendwo anders bekomme."

Distanziert und unterkühlt

Arbeiten fürs gute Gefühl. Cave ist kein Genussmensch und keine Frohnatur, sondern sachlich, ruhig und konzentriert - aber auch distanziert und unterkühlt. Wie jemand, der viel unterdrückt und immer kontrolliert sein will. Auch, wenn er sich mit jeder Gesprächsminute weiter entmystifiziert. Etwa was seine rabenschwarzen Texte zu Liebe und Tod betrifft.

"Worüber sollte man sonst schreiben? Mit Politik will ich mich nicht auseinandersetzen – und ich will keine Songs, die den Leuten vorschreiben, was sie zu denken haben und wogegen sie demonstrieren sollen. Es gibt schon zu viele, die sich daran versuchen. Und ich sehe mich selbst eher am Rand der Gesellschaft – warum sollte ich sie also mit meiner Meinung zur Armut in der Welt behelligen? Das machen schon Bono und Bruce Springsteen. Das sind die Helden, die die Leute brauchen."

Ein Kritikerliebling

Nick Cave spielt seine Relevanz in der Rockkultur herunter. Wahrscheinlich weil keines seiner 16 Alben Millionen-Umsätze erzielt hat, weil er mit "Where The Wild Roses Grow" nur einen einzigen Hit hatte und nie ein Stadion gefüllt hat. Doch der spindeldürre 1,89-Meter-Mann bedient ein eingefleischtes Publikum, das kontinuierlich wächst. Er ist ein Kritikerliebling und genießt hohes Ansehen unter Kollegen. Nicht umsonst hat er mit PJ Harvey, Marianne Faithfull, Emmylou Harris oder Kylie Minogue gearbeitet. Und seine Stücke wurden von den Artic Monkeys, Metallica oder Johnny Cash gecovert. Für Cave ein Ritterschlag.

"Ich war überwältigt. Und dann wurde ich noch gefragt, ob ich während eines Tour-Stopps in Los Angeles zwei Stücke mit ihm singen wolle. Einer dieser ganzen raren, wirklich besonderen Momente im Leben. Und er war jemand, der dir sofort ein gutes Gefühl gegeben hat. Sich mit ihm zu unterhalten, war ein großes Vergnügen. Ich fürchte, dass eine Stimme wie die seine nie ersetzt werden kann. Schon gar nicht von irgendwelchen Nachwuchssängern."

Ein seltener Augenblick, in dem der Kopfmensch Cave ins Schwelgen gerät – nur, um gleich wieder gesteigerten Kulturpessimismus abzusondern. Doch seit dem Tod seines Sohns Arthur, der im Sommer 2015 unter Drogeneinfluss verunglückte, ist Cave noch zynischer, gibt kaum noch Interviews und wirkt leicht angeschlagen. Trotzdem schaut er nach vorne, arbeitet an Songs für ein neues Album und nimmt sein Alter betont gelassen. Schließlich hat er sich gut gehalten. Selbst wenn das Haar dünner, die Schläfe höher und die Augenringe tiefer sind.

"Ich schaue nicht mehr so oft in den Spiegel"

"Ich habe noch ein paar Jahre vor mir. Da mache ich mir keine Sorgen. Aber ich schaue nicht mehr so oft in den Spiegel. Ich schätze, ich bin das Ergebnis von 20 Jahren Drogenmissbrauch und guter Feuchtigkeitscreme. Das hält jung."

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