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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.09.2017

Nichtwähler-Aktivierung in Anhalt"Wenn ich nicht selbst wähle, entscheiden andere"

Annalena Rehkämper im Gespräch mit André Hatting

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Zwei SPD-Politiker beim Haustürwahlkampf. Dieses Prinzip nutzte auch der Verein "Denkende Gesellschaft", sie sind aber parteipolitisch neutral. (picture alliance / Sophie Rohrmeier/dpa)
Haustürwahlkampf der SPD in München. Dieses Prinzip nutzte auch der Verein "Denkende Gesellschaft", sie sind aber parteipolitisch neutral. (picture alliance / Sophie Rohrmeier/dpa)

Politik geht alle an! Das ist das Motto der 25-jährigen Annalena Rehkämper und der rund 60 Freiwilligen vom Verein "Denkende Gesellschaft". Im Wahlkampf haben sie an zahlreichen Haustüren geklingelt, um die Motive von Nichtwählern herauszufinden. Die Folge: zahlreiche Erkenntnisse.

André Hatting: Apropos morgen: Da werden wir ja wissen, ob wieder die Partei der Nichtwähler gewinnt. 2013 war das so. Annalena Rehkämper setzt sich dafür ein, dass das nicht wieder passiert. Die 25-Jährige hat Ende letzten Jahres gemeinsam mit Mitstreitern das Projekt "Denkende Gesellschaft" gegründet. Das ist ein Verein, der sich dafür einsetzt, dass mehr Menschen wählen gehen, indem er zu den Menschen geht. Guten Morgen, Frau Rehkämper!

Annalena Rehkämper: Guten Morgen!

Hatting: Was war denn der Auslöser für dieses Projekt?

Rehkämper: Im Endeffekt, genauso wie für viele andere Projekte auch, die sich so gerade im letzten Jahr gegründet haben, waren für uns gerade der Brexit, aber eben auch die US-Präsidentschaftswahl ausschlaggebend. Im Endeffekt haben wir halt gesehen, wie eine geringe Wahlbeteiligung wie bei der Präsidentschaftswahl, aber nachher eben auch eine geringe Beteiligung der jungen Wähler dazu führen konnte, dass man irgendwie doch das Gefühl hatte, so ein böses Erwachen erleben zu müssen. Da haben wir uns eben Gedanken gemacht, was können wir eigentlich tun, damit es in Deutschland so sich nicht wiederholt, und haben überlegt, was wir machen können, dass Leute erkennen, was ihnen wichtig ist und letztlich dann auch verstehen, dass die demokratische Stimme dazu beitragen kann, dass die Politik sich in diese Richtung entwickelt. Und so sind wir eigentlich im November, Dezember auf diese Idee gekommen und haben uns dann relativ schnell gegründet.

Hatting: Und ein Ergebnis dieses Denkens darüber, wie man das ändern kann, ist, dass Sie im September mit ungefähr 60 Freiwilligen in den Wahlkreis Anhalt gefahren sind und dort mit Menschen über Politik gesprochen haben. Warum ausgerechnet dieser Wahlkreis?

"Eine gesunde Naivität an den Tag gelegt"

Rehkämper: Wir hatten im Endeffekt im Vorhinein uns einige Kriterien rausgesucht, was wollen wir eigentlich machen, und uns war genau der Grund der wichtigste, warum gehen Menschen nicht wählen. Also gehen wir in Gebiete mit geringer Wahlbeteiligung. Und gleichzeitig haben wir dann geschaut, wo die mediale Aufmerksamkeit noch am niedrigsten ist. Und letztlich hat dann noch entschieden, wie die Infrastruktur vor Ort so ist.

Das heißt, wir haben da eigentlich so eine gesunde Naivität an den Tag gelegt, möchte ich sagen. Wir haben uns jetzt nicht mit großartigen Daten beschäftigt, die vielleicht auch die Parteien nutzen, um ihren Haustürwahlkampf zu organisieren. Das heißt, wir haben nicht geschaut, wo finden wir welche Wähler, sondern wir haben einfach nur geguckt, wo ist die Wahlbeteiligung niedrig, gerade eben auch zur Bundestagswahl 2013, und wo kommen wir ganz gut unterwegs hin und her. Und so sind wir eben zu diesem Wahlkreis 71 gekommen, das ist der Wahlkreis Anhalt in Sachsen-Anhalt.

Hatting: Sie haben gerade von einer gesunden Naivität gesprochen. Gehört zu dieser gesunden Naivität auch, dass Sie da einfach an den Haustüren geklingelt haben, geguckt haben, wer aufmacht und wen man so ansprechen kann?

Rehkämper: Ja, durchaus. Das ist eben auch genau das Schöne an diesem Projekt oder dieser Idee, dass wir halt an die Haustüren gehen, ohne zu wissen, wer da eigentlich wohnt. Dabei ist es eben genau ganz wichtig, dass wir nicht gucken, welche Parteien wurden in dieser und der Straße gewählt, sondern dass wir eben einfach hingehen, klingeln und gucken mal, wer uns da die Tür aufmacht.

Hatting: Frau Rehkämper, ganz ehrlich, wenn bei mir einfach jemand klingelt, dann befürchte ich immer, es sind Zeugen Jehovas oder irgendein Vertreter, der was von mir will. Wie haben denn die Menschen in Anhalt reagiert, als Sie da geklingelt haben?

Rehkämper: Das ist im Endeffekt auch wirklich ganz witzig, weil wir uns den Gedanken natürlich auch vorher gemacht haben. Und wir haben überlegt, wie würden wir reagieren, wenn einfach jemand vor der Tür steht und uns dort etwas über Politik erzählen oder uns danach fragen möchte. Und dementsprechend haben wir im Vorhinein auch schon einige Probeläufe gemacht und waren nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch zuvor in Kiel. Wir waren in Berlin, wir waren in Halle an der Saale unterwegs und haben dort schon mal geschaut, wie die Menschen eigentlich so reagieren. Und auch in Sachsen-Anhalt war die Reaktion dann die gleiche. Es war natürlich erst mal so eine leichte Skepsis – was wollen Sie jetzt hier? Und wenn wir dann erklärt haben, wir kommen von diesem Projekt, wir sind parteipolitisch neutral unterwegs, und wir interessieren uns in erster Linie eben dafür, was ihnen wichtig ist, da waren die Menschen sehr schnell sehr offen und haben sich eigentlich auch sehr gefreut, sich einfach mal mitteilen zu können und haben uns ziemlich gern und viel von sich erzählt.

Und in diesen Gesprächen haben wir natürlich schon, wie man dann auch erwartet, recht viele interessante Lebensgeschichten gehört. Das Schöne war aber, dass wir da auch oft sehr schnell herausfinden konnten, welche politischen Stationen in diesen Leben zu finden waren, und da hatten wir gleich dann die Anknüpfungsstelle zu dieser politischen Ebene, die dann auch zur Bundestagswahl geführt hat.

"Eine Protestnichtwahl würde nichts bringen"

Hatting: Was haben Ihnen denn die Menschen gesagt? Warum gehen sie nicht wählen, wenn sie nicht wählen gehen?

Rehkämper: Der größte Grund war wirklich: Die machen ja eh nichts. Wenn ich wählen gehe, ist ja schön und gut, aber nachher werden die Politiker trotzdem nichts ändern. Und das ist natürlich eine Herausforderung, darauf zu antworten. In vielen Punkten kann man das auch irgendwie nachvollziehen und hat das Gefühl, ja, vielleicht habt ihr ein bisschen recht damit.

Gleichzeitig war dann aber irgendwie ganz wichtig, einfach mal so herauszufinden, waren sie mal wählen, und welche Beweggründe gab es damals, dass sie wählen gegangen sind. Und man hat eben doch oft herausgefunden, oder auch ich gerade in meinen eigenen Gesprächen sehr oft, dass viele Leute wichtige Gründe und Punkte haben, die sie zu einer Wahl bewegen und dass diese auch nicht außen vor sein sollten und dass letztlich eine Nichtwahl gar nicht in dem Sinne etwas bringt, was sie sich vorher vielleicht erwartet haben. Also eine Protestwahl oder eine Protestnichtwahl würde in dem Sinne ja nichts bringen, weil die Stimme einfach unter den Tisch fällt.

Hatting: Und wie konnten Sie sie trotzdem davon überzeugen, dass Wählen möglicherweise doch was ändert, wenn die Menschen aufgehört hatten zu wählen mit der Erfahrung, es ändert sich doch nichts?

Rehkämper: Der wichtigste Punkt war wirklich, wenn ich selbst nicht wählen gehe, dann entscheiden andere Leute für mich. Und hier gab es immer so zwei Punkte. Das eine ist wirklich eben dieses Rechenbeispiel. Wenn man sich anschaut, wenn maximal 71,5 Prozent wie bei der Bundestagswahl 2013 an der Wahl teilnehmen, dann sind es nachher nur etwas mehr als die Hälfte der Menschen, die für die Gesamtheit in Deutschland entscheiden, wie die Politik eigentlich aussieht.

Und das war oft so ein erschreckendes Beispiel, da haben sich die Leute einmal so vor Augen gehalten, okay, wenn wirklich nur so 70 Prozent zur Wahl gehen, dann fehlen viele Perspektiven und viele Sichtweisen auf unser alltägliches Leben. Und dementsprechend haben sie oft verstanden, meine eigene Perspektive ist nicht nur meine eigene, sondern die zählt ja auch für viele andere und womöglich eben auch für Personen, die nicht die Möglichkeit haben, zur Wahl zu gehen.

Und das waren doch Punkte, die oft dazu überzeugt haben, sich noch mal Gedanken zu machen. Und das waren natürlich auch so die schönen Momente in so einem Gespräch, wenn vom Gesprächspartner oder der Gesprächspartnerin dann der Satz kam, 'Ja, da werde ich mir vielleicht noch mal Gedanken machen'. Oder, was mich sehr erfreut hat, in einem Gespräch hat eine Dame dann gesagt 'Dann werde ich morgen beim Rathaus anrufen und mir die Briefwahlunterlagen bestellen'.

Hatting: Das klingt fast danach, Mission Wahlkreis Sachsen-Anhalt erfüllt?

Rehkämper: Ja, wir haben die Hoffnung, dass wir einiges bewegen konnten. Wir müssen mal schauen, was die Ergebnisse nachher zeigen, was dabei herauskommt. Aber wir haben sehr viel gelernt, und ich glaube, wir konnten durchaus einen Denkanstoß anregen.

"Verstehen, was dazu führt, nicht wählen zu gehen"

Hatting: In dieser Woche hat der Kanzleramtsminister Peter Altmaier großen Wirbel verursacht. Er hat nämlich gesagt, lieber nicht wählen als AfD wählen. Würden Sie jetzt ihm mit Ihren Erfahrungen, die sie Sie gemacht haben, widersprechen?

Rehkämper: Das ist genau das, was uns auch, glaube ich, etwas geärgert oder oft auch schockiert hat, wenn wir eben auf Nichtwähler treffen. Wir konnten das durchaus nachvollziehen und auch verstehen, was dazu führt, nicht wählen zu gehen.

Gleichzeitig ist es aber eben sehr wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, was ist mir wichtig. Und nur wenn ich das so ein bisschen klar definieren konnte, konnte ich überhaupt auch entscheiden, welche Wahl eigentlich dazu führen würde, dass die Politik sich so entwickelt, wie es mir persönlich wichtig ist, und sich dafür einsetzt, für die Dinge, die ich sehen möchte.

Und wir haben in unseren Gesprächen herausgefunden: Klar gibt es viele Leute, die sagen, sie werden aus Protest die AfD wählen. Wenn man dann ein bisschen nachfragt, kommt oft so heraus, na ja, sie haben sich damit noch nicht so richtig auseinandergesetzt. Und dann ist es eben immer ganz schön gewesen, wenn wir gemeinsam im Gespräch irgendwie über Dinge gesprochen haben, die wir uns wünschen für das Land oder wie es sich entwickeln soll. Dass dann doch dieser Denkanstoß stattgefunden hat. Und wir haben oft darauf verwiesen, es gibt auch viele kleine Parteien, wo man eben mit Hilfe des Wahl-O-Mats und anderen Angeboten kann man das herausfinden, was eigentlich am besten zu mir passt. Und letzten Endes ist es immer besser, wählen zu gehen und seine eigene Perspektive mit in diesen demokratischen Prozess zu geben, als das sein zu lassen. Da würde ich dann doch dem Herrn Altmaier widersprechen.

Hatting: Annalena Rehkämper vom Projekte "Denkende Gesellschaft", das sich für das Wählen einsetzt. Ich bedanke mich!

Rehkämper: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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