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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.02.2011

Nichts geschieht aus heiterem Himmel

François Jullien: "Die stillen Wandlungen", Merve Verlag, August 2010, 184 Seiten

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Wo das Land endet: Düne in St. Peter-Ording (Jan-Martin Altgeld)
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Es ist Julliens großer Verdienst, westliche Probleme mit östlichem Denken zu konfrontieren, immer auf der Suche nach der besten Erklärung für ein bestimmtes Phänomen. Politik, Natur und Existenz werden in eine gemeinsame Schwingung versetzt.

Die Erde erwärmt sich. Ein Mensch wird alt. Die Liebe geht fort. In seinem neuen Buch "Die stillen Wandlungen" beschäftigt sich der französische Philosoph und Sinologe François Jullien mit Übergängen, die so diskret vonstatten gehen, dass es westlichen Augen schwer fällt, sie in ihrem Voranschreiten wahrzunehmen. Das chinesische Weltverständnis hingegen bietet eine bessere Möglichkeit, solch subtile Veränderungen zu bemerken und zu beeinflussen. Jullien verbrachte viele Jahre im Fernen Osten und hat sich in zahlreichen Publikationen mit dem chinesischen Denken auseinandergesetzt. Immer geht es ihm darum, aus den beobachteten Unterschieden zwischen West und Ost neue Erkenntnisse zu gewinnen – die beiden Weltweisen sollen sich bereichern, nicht ausschließen.

Dem chinesischen Denken zufolge geschieht nichts aus heiterem Himmel; Ereignisse brauen sich zusammen und werfen ihre Schatten voraus. Diese Logik entspringt einem Weltzugang, der sich der Beobachtung des Werdens verschrieben hat – jeder Anfang enthält sein Ende, jeder Aufstieg seinen Niedergang. Alles ist in ständiger diskreter Bewegung, daran erinnert sowohl das Symbol des Yin Yang wie auch das I Ging, das "Buch der Wandlungen", das diese subtilen Kräfteverschiebungen abzubilden versteht.

Das griechische Denken hingegen beruht seit Platon auf Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit; seine Fixpunkte sind Sein und Subjekt. Die Unfähigkeit, Übergänge als Bewegungen wahrzunehmen, führt zu Problemen wie der Frage nach Anfang, Zeit, Ende oder dieser typisch westlichen Verblüffung, wenn eine sich langsam abzeichnende Veränderung wie der Klimawandel die Wahrnehmungsschwelle überschritten hat.

Es ist Julliens großer Verdienst, westliche Probleme mit östlichem Denken zu konfrontieren, immer auf der Suche nach der besten Erklärung für ein bestimmtes Phänomen. So wird das Altern zu einer Weise, auf die sich das Leben an einem selbst vollzieht. Ereignisse werden zu rekonstruierten Folgen sich schon lange abzeichnender Prozesse, deren Überraschungseffekt eher auf den europäischen Mangel am Denken des Übergangs zurückzuführen ist als auf die Unmöglichkeit langfristiger Vorhersagen. Oder diskreter Einflussnahmen.

Von allen Seiten umkreist der Autor so die stillen Wandlungen, setzt sie aus ebenso schlichten wie kunstvollen Fragmenten zusammen. Politik, Natur und Existenz werden in eine gemeinsame Schwingung versetzt, hinter welcher im Leser ein Gefühl entsteht für das Geheimnis einer sich fortlaufend entfaltenden Wirklichkeit, der man sich bestenfalls annähern kann.

Jullien versteht es meisterhaft, die Bedingtheiten und dadurch resultierenden blinden Flecke der jeweiligen Weltzugänge aufzuzeigen. Die östliche Anpassung an den Moment bietet keine Möglichkeit des privaten oder politischen Widerstandes; die westliche Überindividualisierung schafft einen ständigen Riss zwischen Subjekt und Welt. Das fruchtbare Zwischenreich, das Jullien so produktiv zu bewohnen versteht, verspricht das Beste aus beiden Welten. Man sollte ihm zuhören.

Besprochen von Ariadne von Schirach

François Jullien, Die stillen Wandlungen
Aus dem Französischen von Ronald Voullié
Merve Verlag, August 2010
184 Seiten, 16 Euro

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