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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.04.2011

"Nichts Böses tun" als Firmenphilosophie

Wissenschaftler über den Solarpark von Google, Ikeas Energieeffizienz und Holzfeuer bei Coop

Rolf Wüstenhagen im Gespräch mit Klaus Pokatzky

Luftbild eines Solarparks (www.martin-bucher.de, Stuttgart)
Luftbild eines Solarparks (www.martin-bucher.de, Stuttgart)

Sie machen es fürs Image, wegen ihrer Stromrechnung und in weiser Vorausschau: Immer mehr große Firmen investieren in Klimaschutz und erneuerbare Energien. Der Schweizer Professor Rolf Wüstenhagen hilft ihnen mit Rat.

Klaus Pokatzky: Das Internetunternehmen Google will sich mit dreieinhalb Millionen Euro an einem Solarpark in Brandenburg beteiligen. Das ist nicht viel Geld für Google, aber es wären immerhin fast die Hälfte der Anteile. In Zeiten von Fukushima und dem Atom-GAU ist das sicherlich gut fürs Image: Google gewinnt Energie mit der Sonne! Aber Solarstrom ist in Deutschland wegen der vielen Förderprogramme auch eine sichere Geldanlage. Auch der Möbelgigant Ikea setzt auf die sogenannte grüne Energie, und sogar Aldi hat auf seinen Dächern Solarprojekte.

Den ersten Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien gibt es an der Universität im schweizerischen St. Gallen. Er wird von Rolf Wüstenhagen geleitet, den ich nun am Telefon begrüße. Guten Tag, Herr Wüstenhagen!

Rolf Wüstenhagen: Guten Tag, Herr Pokatzky!

Pokatzky: Herr Wüstenhagen, warum investiert ein Unternehmen wie Google in einen brandenburgischen Solarpark?

Wüstenhagen: Ja, Sie haben ja zwei der Gründe schon angesprochen in Ihrer Einleitung. Einerseits, natürlich gibt es einen Imageaspekt, Google macht sich auch Gedanken um das Klima. Die Grundmission des Unternehmens ist ja do no evil, also nichts Böses tun, und da in eine gute Energie zu investieren, ist natürlich sicher passend zu diesem Image. Ein zweiter Punkt sind sicher die finanziellen Aspekte. Google ist eine sehr profitable Firma, sie erwirtschaftet jedes Jahr etwa Gewinne von acht Milliarden Dollar. Da kann man sich natürlich locker leisten, auch mal 3,5 Millionen Dollar in einen Solarpark zu investieren – man kann sozusagen fast meinen, sie zahlen das aus der Portokasse. Aber der dritte Punkt ist natürlich tatsächlich das, was hinten rauskommt, der Strom. Google verbraucht auch eine ganze Menge Energie und macht sich wie andere Unternehmen Gedanken, woher diese Energie in Zukunft kommt, und hat da schon vor fünf Jahren begonnen, nach und nach zu diversifizieren, also nicht nur auf seine bisherige Stromversorgung zu setzen, sondern auch verstärkt Ausschau zu halten nach erneuerbaren Energien. Und da passt diese neueste Investition in den Solarpark in Brandenburg sehr gut ins Bild.

Pokatzky: Wie funktioniert das dann rein praktisch? Wenn jetzt Aldi auf seinen Dächern Solarprojekte hat und Ikea Windkrafträder betreibt und Solarzellen installiert oder jetzt eben auch Google, wie sorgen diese Unternehmen dann dafür, dass die Sonnenenergie auch wirklich bei ihnen eingespeist wird? Oder geht dann doch der Strom am Ende an die großen Energiekonzerne und damit an uns alle?

Wüstenhagen: Da gibt es unterschiedliche Modelle, je nachdem, ob die Projekte auf diesen Gebäuden oder auf den Grundstücken dieser Unternehmen selbst realisiert werden oder ob sie sich beteiligen an anderen Projekten. Im Falle dieses Solarparks in Brandenburg beispielsweise wird der Strom nicht unmittelbar zu Google fließen, es ist in dem Sinne eher eine Finanzinvestition. Andere Unternehmen wie Ikea haben beide Modelle – sie beteiligen sich einerseits an Windparks und beziehen dann zwar vertraglich von dort den Strom, aber die Elektronen fließen nicht direkt zu ihnen. Andererseits machen sie auch Projekte eben auf den Gebäuden, auf den Ikea-Filialen oder auf den Verteilungszentren, wo der Strom dann unmittelbar in diesen Gebäuden auch zum Einsatz kommt.

Pokatzky: Ikea hat ja mehr als 300 Millionen Euro jedes Jahr für Energiekosten in der gesamten Ikea-Gruppe, und Sie haben mit Ikea zusammengearbeitet, von der Universität St. Gallen und Ihrem Lehrstuhl aus. Wie war das?

Wüstenhagen: Wir haben schon 2004 zum ersten Mal mit Ikea zusammengearbeitet im Rahmen einer Lehrveranstaltung – hier in St. Gallen versuchen wir ja, Praxis und Forschung sehr nahe zusammenzubringen – und hatten deswegen seinerzeit mit dem Menschen John Harris, der dort bei Ikea weltweit für den Energieeinkauf zuständig ist, ein Projekt, wo Ikea noch ganz am Anfang dieser Entwicklung stand. Wie Sie sagten, man sah diese Stromrechnung von 300 Millionen Euro jedes Jahr und sah, wie diese Kosten zunehmend auch steigen, und man sah auf der anderen Seite eben das ganze Klimathema und fing an, sich Gedanken zu machen, wie kann man einerseits die steigenden Stromkosten, andererseits aber auch die Sorge um den Klimawandel unter einen Hut bringen. Und daraus entstand das Projekt, was heute heißt Ikea goes Renewable oder Ikea wendet sich den erneuerbaren Energien zu, wo Ikea eben das Ziel hat, 100 Prozent seiner Energie für die Gebäude aus erneuerbaren Energien zu beziehen, und auch das Ziel hat, 25 Prozent die Energieeffizienz zu steigern.

Pokatzky: Und wann wird das passiert sein, wann kann da eine Erfolgsmeldung kommen?

Wüstenhagen: Ikea hat sich keine ganz konkrete Jahreszahl genannt, aber sie berichtet über den Fortschritt, und gerade im letzten Jahr war es so, dass der Anteil erneuerbarer Energien bei etwa 50 Prozent lag, das heißt, man hat etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt.

Pokatzky: Haben wir Ihnen denn dann auch zu verdanken, dass Ikea nun in ganz großem Stil und besonders heftig seine Energiesparlampen anbietet – also für den Kunden, den ganz normalen Kunden?

Wüstenhagen: Das würde ich jetzt nicht als mein Verdienst bezeichnen, aber es ist in der Tat auch quasi in diesem Kontext zu sehen, dass halt Ikea gesagt hat, ja, was können wir denn auch auf der Produktseite unternehmen. Und wenn man so will, ist die Energiesparlampe natürlich sehr gut kompatibel mit der Positionierung von Ikea. Günstige Möbel und dann noch günstige Lampen, das passt natürlich gut zusammen. Und tatsächlich war Ikea einige Zeit jetzt der Einzelhändler, der größte Händler von Energiesparlampen. Mittlerweile ist man eben auf dem Weg in die nächste Generation und bietet vermehrt auch LED-Leuchten an.

Pokatzky: Sagt ganz bescheiden Rolf Wüstenhagen, der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Management erneuerbarer Energien, und er ist an der Universität in St. Gallen. Herr Wüstenhagen, gibt es denn noch weitere Konzerne, mit denen Sie solche Erfahrungen gemacht haben oder die jetzt vielleicht sozusagen in der Warteposition stehen und demnächst da loslaufen werden? Nach Fukushima schreit es ja im Grunde danach.

Wüstenhagen: Ja, wir sehen tatsächlich ein wachsendes Interesse, einerseits von den klassischen Energieversorgern, die sich sehr stark jetzt auch irgendwie in einem Umdenkprozess befinden, andererseits aber eben auch von den nicht so üblichen Verdächtigen, also den Unternehmen, die mehr auf der Energieverbrauchsseite sind. Sie hatten Aldi erwähnt, die bereits 70 Projekte haben, wo sie eben Solarenergie auf ihren Dächern realisiert haben – ich glaube auch aus der Motivation heraus, festzustellen, na ja, man hat diese Dächer, man hat die Fläche ohnehin, warum also nicht die Fläche noch mal nutzen und damit gutes Geld verdienen. Aber auch andere Unternehmen wie in der Schweiz beispielsweise Coop, einer der beiden größten Einzelhändler …

Pokatzky: Also ein Riesen-Supermarktkonzern …

Wüstenhagen: Genau … der das Ganze betreibt im Zusammenhang mit seiner Klimastrategie. Man hat sich hier das Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden über die nächsten zehn Jahre und das eben auch wieder mit einer Kombination mit einerseits Energieeffizienz und erneuerbaren Energien, andererseits für die restlichen Investitionen dann eine Kompensation, also den Kauf von Klimazertifikaten.

Pokatzky: Und welche praktischen Folgen kann so was jetzt haben, bei so einem Konzern wie Coop, der Lebensmittel verkauft? Also die Philosophie, wir müssen ja auch mal ein bisschen über die Philosophie dieser ganzen Sache reden, damit wir jetzt nicht nur immer so über Leistung und Geld reden. Weil das Problem ist ja bei solchen Unternehmen, im Grunde müssten sie sich ja vielleicht auch so ein bisschen von ihrem Wachstumsglauben verabschieden.

Wüstenhagen: Also ich denke, bei Coop schließt es sich insofern noch logisch an an das, was sie in der Vergangenheit gemacht haben, weil das Unternehmen 1993 – vor inzwischen auch wieder 18 Jahren – sehr stark begonnen hat, sich mit dem Thema Biolebensmittel auseinanderzusetzen. Was heute ja in vielen Supermärkten eine Selbstverständlichkeit ist, war damals eine Pionierleistung. Man hat damals quasi begonnen, Biolebensmittel anzubieten und sich auch schon sehr früh sehr offensive Umsatzziele gesetzt. Man hatte schon sehr früh formuliert, dass man eine Milliarden Franken Umsatz machen möchte mit Bioprodukten und hat das dann im Laufe der Zeit tatsächlich auch erreicht. Und nachdem man da nun sich wirklich auch als Marktführer etabliert hatte, war der Blick hinter die Kulissen, nämlich zu den CO2-Emissionen, wie sie im Betrieb oder auch im Verkehr, die Logistik, erfasst entstehen, war eigentlich der logische nächste Schritte. Und insofern schließt sich diese Klimastrategie da nahtlos an.

Pokatzky: Stimmt es, dass bei Coop Brötchen jetzt schon wieder mithilfe vom Verbrennen alten Holzes gebacken werden?

Wüstenhagen: In der Tat, Coop backt große und kleine Brötchen, und jetzt auch mit Holz. Das ist eines der Pilotprojekte, die sich daraus ergeben haben. Coop hat im Zuge dieser Klimastrategie, ist dazu übergegangen, seine Investitionsvorhaben mit einem CO2-Preis, einem Preis für Kohlendioxid zu belegen, der sehr viel höher ist als der heutige Marktpreis für diese CO2-Zertifikate. Man rechnet hier intern mit 150 Franken pro Tonne, während man auf dem europäischen Markt für 15 Euro im Moment noch das CO2 kaufen kann. Und durch diesen hohen CO2-Preis – das ist sozusagen wie eine Versicherungsprämie, die schon einkalkuliert wird – man versichert sich gegen die Folgen des Klimaschutzes – durch diesen CO2-Preis werden eben Investitionen wie zum Beispiel diese Bäckerei hier in der Nähe von St. Gallen, es ist eine große Bäckerei, solche Investitionen in die Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien, durch Holz in diesem Fall, werden unter diesem Gesichtspunkt dann heute wirtschaftlich.

Pokatzky: Aber wenn Sie CO2 sagen, und Sie sagten ja, Google, "Tu nichts Böses" als Unternehmensphilosophie: Die Umweltschutzorganisation Greenpeace bemängelt, dass Google sich keinerlei Ziele gesetzt hat für die Senkung der CO2-Emissionen in ihrem Bericht über die Internetbranche und deren Verhältnis zur Umwelt. Ist das nicht dann doch ein bisschen zwiespältig?

Wüstenhagen: Ich denke, man kann das Glas als halbvoll oder halbleer anschauen. Es gibt sicher Gründe, auch skeptisch zu schauen, also wie vorhin gesagt, 3,5 Millionen Euro Investitionen in einen Solarpark ist ein mittelgroßer Schritt für die Menschheit, ein kleiner Schritt für ein Unternehmen wie Google, das acht Milliarden Dollar Gewinn macht. Aber es gibt auch andere große Unternehmen mit ähnlichem Gewinn, die das nicht tun. So gesehen ist es immerhin schon mal ein Schritt. Und der andere Aspekt, denke ich, ist, dass Google tatsächlich auch andere Schritte unternommen hat. Man arbeitet sehr stark an der Energieeffizienz der Server, was ja ein sehr starker Aspekt der Umweltauswirkungen von Google ist, und man hat auch organisatorische Maßnahmen getroffen. Man hat zum Beispiel schon vor vier Jahren einen Kollegen aus meiner Zunft, einen Professor vom MIT angeheuert, der dort der Leiter der Energietätigkeiten von Google ist. Also ich denke, es ist nicht lediglich Schönfärberei, sondern es sind auch sehr substanzielle Schritte dahinter zu beobachten.

Pokatzky: Ganz kurz noch: Sie als Inhaber des ersten Lehrstuhls sozusagen für grüne Energien, sehen Sie, was auch andere Unternehmen, Konzerne angeht, optimistisch in die Zukunft, was auch die Hälfte des Glases angeht?

Wüstenhagen: Also ich denke, wie immer in großen technologischen Umbrüchen werden wir Unternehmen sehen, die sozusagen die Kurve kriegen, und es wird andere Unternehmen geben, die bleiben auf der Strecke. Denken wir an den Übergang von der Analogfotografie zur Digitalfotografie: Kodak, einst der große Marktführer bei den Analogfilmen, ist mit dem Übergang in die Digitalfotografie in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Ich würde nicht ausschließen, dass es bei diesem Umbruch in der Energiebranche ähnlich kommt, dass es Energieunternehmen gibt, die nicht diesen Übergang schaffen – dafür wird es neue Einsteiger geben, und Google ist ein Beispiel dafür –, während wir neue Einsteiger aus anderen Branchen sehen, die diesen Zukunftsmarkt besetzen. Und insofern bin ich insgesamt optimistisch.

Pokatzky: Danke, Rolf Wüstenhagen von der Universität in St. Gallen, zur Zukunft der grünen Energie mithilfe von Konzernen, die auf den ersten Blick gar nichts mit Strom aus der Steckdose zu tun haben.

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