Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 28.02.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.01.2013

Nicht mehr nur seelische Hebung

Die Gefängnisbücherei der JVA Münster - eine beispielhafte Spezialbibliothek

Von Andrea Gerk

Podcast abonnieren
Blick in ein Bücherregal einer Bücherei (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Blick in ein Bücherregal einer Bücherei (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Bibliotheken können für vieles gut sein - einige sind für ihre Benutzer fast die einzige geistige Nahrung und eine Art Seelenbalsam. Dazu gehören Spezialhäuser wie die Gefängnisbüchereien. Die der JVA Münster wurde vor fünf Jahren sogar zur "Bibliothek des Jahres" gewählt. Ein Besuch.

Wer die historischen Gebäude der JVA Münster betritt, bleibt nicht selten für Jahre. Vor dem roten Klinkerbau, dessen hohe Mauern, Türme und Zinnen 1853 errichtet wurden, fühlt man sich in einen Dickens-Roman versetzt. Und tatsächlich sah der Strafvollzug zur Mitte des 19.Jahrhunderts deutlich anders aus als heute - Zucht, Buße und Reue statt moralischer Einsicht und Resozialisierung bestimmten die Haftbedingungen.

Doch bereits damals betrieben Seelsorger Gefängnisbibliotheken, die Gefangenen hatten ihre Leseeindrücke auf Täfelchen zu notieren und beim nächsten Besuch des Pfarrers wurde darüber gesprochen. Wobei die Lektüre natürlich streng konfessionell getrennt war, Krimis und "moderne" Autoren wie Goethe und Schiller waren bis 1901 sowieso verboten:

"Na jedenfalls wurde von den Seelsorgern sehr bewusst mit Literatur umgegangen und mit den Gefangenen darüber gesprochen, zum anderen gab es auch Vorlesestunden am Sonntag. Oder hier nebenan im Raum haben wir eine alte Hausordnung von 1906 hängen, von den Lehrern zur Bibliothek, wo es heißt, dem Gefangenen wird einmal pro Woche ein Buch für seine Mußestunde verabreicht. Das finde ich 'ne interessante Formulierung - im Hintergrund auch die alte Aktenbezeichnung für Bücherei hieß 'geistige und seelische Hebung'."

Als "Seelenapotheke", wie es über der berühmten Klosterbibliothek in St. Gallen steht, versteht auch Gerhard Peschers die Funktion einer Gefängnisbücherei. Der Diplom-Theologe und Bibliothekar ist zuständig für die rund 30 Büchereien in allen Anstalten in Westfalen-Lippe. Vor fünf Jahren gelang ihm ein regelrechter Coup - nachdem er das Architekturbüro Bolles+Wilson für die Umgestaltung und Renovierung des Bibliotheksraums der JVA Münster gewinnen konnte, wurde die bunte und einladende Bücherei als "Bibliothek des Jahres 2007" ausgezeichnet - noch vor der Unibibliothek Karlsruhe und der Stadtbibliothek München.

"Wenn sie diesen Raum betreten, der weitet sich also erstmal so horizontal wie ein V - und wenn sie ihn verlassen auch wieder vertikal - dann diese Spiegelwirkung und dann das ganze farbenfrohe Ambiente, neben dem sonst eher melancholischen Ton sonst im Haus. Also wenn der Raum diese Wirkung hier hat, denjenigen, der ihn betritt, der die Bücherei nutzt, etwas geistig und seelisch zu heben, durch sein Angebot und seine Raumwirkung, würde mich das sehr freuen und die auch gestiegene Benutzerzahl spricht in diese Richtung eigentlich dafür."

Rund 400 von 500 Insassen nutzen die Bücherei, die Medien in 30 Sprachen bereithält. Drei Gefangenen haben hier ihre Arbeitsplätze, kümmern sich um Rückgabe, Ausleihe und Schadensmeldungen. In Gruppen und unter Beaufsichtigung kann die Bibliothek von Dienstag- bis Freitagabend aufgesucht werden, viel Zeit zum Austausch über das Gelesene bleibt dabei nicht. Anders ist das im Offenen Jugendvollzug, erzählt Birgit Stüwer, die in der JVA Höwelhof als Lehrerin tätig ist, Alphabetisierungsprogramme durchführt und die Bücherei leitet:

"Also bei uns im offenen Jugendvollzug ist es so, dass die Jugendlichen zweimal in der Woche Gelegenheit haben nach Arbeitsende für jeweils eine gute Stunde die Bücherei aufzusuchen und dort gibt es auch Tische und Stühle, wo sie sich ganz bequem hinsetzen können oder die Bücher mal anlesen können, oder die Klappentexte lesen oder mit anderen Gefangenen darüber reden - was hattest Du denn - wie war denn das - also, sich auch auszutauschen über die verschiedenen Bücher und natürlich auch DVDs, Hörbücher, CDs."

Weil ein gut ausgewähltes Buch oft mehr in Bewegung bringen kann als eine stumpfe Strafe, arbeitet die Jugendgerichtshilfe Dresden mit einem Bücherkanon. Immer mehr Richter 'verhängen' seitdem "Lesen statt Fegen", brummen den jungen Delinquenten ausgewählte Bücher auf, nach der Lektüre müssen sie ihre Eindrücke aufschreiben und mit einem Betreuer besprechen. Dass Lesen andere Perspektiven und Gefühle wie Empathie ermöglicht, beobachtet auch Birgit Stüwer:

"Wenn sie so reflektieren über das, was sie da gelesen haben, dann merkt man bei dem einen oder anderen schon, dass da was in Gang gesetzt worden ist, dass da Prozesse angestoßen worden sind. Die andere Wirkung ist zweifellos, gerade in so 'ner extremen Situation wie Freiheitsentzug - ich kann durch 'nen guten Roman oder ein witziges Buch dieser Enge und Strenge und Reglementierung von Strafvollzug 'nen Moment entfliehen, mal in ferne Welten gehen, mich auf ne Reise begeben, mich entspannen."

Als ein Leben "so einförmig wie Regengeriesel an einem trüben Herbsttage" hat Fjodor Dostojewski in den "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" seine Zeit im Gefängnis beschrieben - ein deprimierender Zustand also, von dem man kaum erwarten kann, dass er Menschen zu Einsicht und Besserung bewegt.

Dazu können viel mehr Begegnungen und Gespräche beitragen, findet Gerhard Peschers, der seinen ganz persönlichen Traum von einem Bücherbaum, der über Mauern wächst, beharrlich umsetzt - mit dem Kunstprojekt "Libertree", mit Vorträgen in der ganzen Welt aber auch mit dem "Förderverein Gefangenenbüchereien", für den er auch Schriftsteller wie Günter Kunert, Sten Nadolny oder Bernhard Schlink gewinnen konnte. Was die unendliche Welt der Bücher in der Enge des Gefangenseins bedeuten kann, hat Gerhard Peschers in vielen Jahren Berufspraxis oft erlebt:

"Ein schönes Zitat hab ich hier mitgebracht auf dieser Ausstellungstafel, das hat ein Insasse gemalt und geschrieben, der 20 Jahre in Haft war und am Tag vor seiner Entlassung malt er dieses Bild zum Motiv vom Bücherbaum auf der Gefängnismauer. Der Herr W. sagt also, nachdem er 20 Jahre in Haft ist, zu seiner Leseerfahrung: 'Bücher waren für mich in der Zeit der Inhaftierung wie ein guter Freund, immer für mich da. Ich konnte mich in sie reinfallen lassen, ohne die Bücher hätte ich sicher diese lange Zeit hinter Gittern nicht überstanden. Sie waren und sind ein Tor zu einer anderen Welt, besser oder schlechter sei dahingestellt. Bücher haben mir immer Freiheit bedeutet, beim Lesen war ich nicht eingesperrt und weggeschlossen. Ich habe anders gelebt, in den Büchern, mit den Büchern. Ich finde, das bringt so das elementare aus der Sicht eines Insassen mit 20 Jahren Erfahrung sehr schön auf den Punkt und die Bedeutung von Lesen und das Lesen tatsächlich was mit Freiheit zu tun hat oder haben kann."

Links auf dradio.de:
Das fröhliche Krankenzimmer -Besuch in der Patientenbibliothek der Berliner Charité
Das Archiv der deutschsprachigen Literatur- Vor 100 Jahren wurde die Deutsche Nationalbibliothek gegründet

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Das fröhliche Krankenzimmer
Das Archiv der deutschsprachigen Literatur

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKultur in Zeiten von Corona
Touristen in Mailand auf dem Duomo Platz am  25.2. 2020  (dpa/ Cristiano Barni/Eidon/)

Der Coronavirus hat nicht nur Europa erreicht, sondern inzwischen auch die Kulturwelt. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet, dass in Mailand Museen und Theater geschlossen sind. Inzwischen werden schon Vergleiche zur Zeit der Pest gezogen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur