Nicht jammern, leben

Doppelkopf statt Doppelmarathon - das Altern sollte akzeptiert werden, meint der Mediziner Nuland. © AP
08.10.2007
Es gilt nicht, mit den Jungen mitzuhalten, sondern das Alter mit seinen Gebrechen und Krankheiten anzunehmen. So lautet das Credo des Mediziners Sherwin B. Nuland. In dem Sachbuch "Die Kunst zu altern" beschreibt der 77-jährige Autor eigene Erfahrungen und gibt medizinische Tipps zum Thema älter werden.
Der Titel klingt nach einem philosophischen Werk - Irrtum. Sherwin B. Nuland ist Mediziner. Aber einer mit dem Hang und auch dem Talent zum Philosophieren. Nulands Philosophie ist nicht aus Büchern zusammengedacht, sondern "er- lebt", und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens erlebt in vierzig Jahren Berufspraxis als Arzt: Nuland schreibt, er habe hier in erster Linie mit Patienten der Altersgruppe "50 +" zu tun gehabt. Zweitens erfährt der mittlerweile 77-jährige Nuland die Gebrechen des Alterns inzwischen am eigenen Leib. Er erzählt uns davon, offen, humorvoll und uneitel.

Für den Autor ist die Kunst zu altern gleich die Kunst, einen Mittelweg zu finden zwischen der panischen Angst vor Alter und Tod - inclusive pausenlosem Jammern und Reden darüber - und der Totalverdrängung des Älterwerdens - inclusive dem Traum von der ewigen Fitness.

Dieses Buch macht entschieden Front gegen die Illusion von der ewigen Jugend. Die Kunst zu altern, so Nuland, besteht unter anderem auch darin, sich mit den körperlichen Einschränkungen zu arrangieren, die früher oder später auf uns alle zukommen. Selbst bei guter ärztlicher Betreuung und gesunder Lebensweise des Patienten wird keiner von uns das "ewige Erden-Leben" haben. Die meisten Gerontologen, so Nuland, gehen heute davon aus, dass die maximale Lebensdauer des Menschen durchschnittlich 120 Jahre beträgt. Ein paar wenige Forscher allerdings (wie der Cambridge-Professor Aubrey de Grey, dem Nuland einen ganzen Abschnitt widmet ) meinen, man könne mittels Gentechnologie das menschliche Leben bald auf 250 Jahre verlängern. Nuland hält solche Prognosen für Scharlatanerie. Er betont, dass diese Wissenschaftler gewöhnlich eng mit der Industrie verbandelt sind, mit biotechnologischen Konzernen, die ihre (angeblich) "lebensverlängernden" Mittel an den Kunden bringen wollen.

Nuland hat zweierlei Ratschläge für seinen (alternden) Leser parat. Die erste Gruppe betrifft unsere körperliche Verfassung, die zweite unsere seelisch-geistige.
Ein ganzes Kapitel befasst sich mit den typischen Altersleiden. Dort geht es zum Beispiel um den allmählichen Verschleiß unserer Sinnesorgane, um Lesebrillen und Hörgeräte. Aber auch um Gelenkprobleme, Prostata-Leiden und Sex im Alter. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, schreibt aber mit Herz und Verständnis. Er kennt sich aus, schließlich ist er selbst betroffen. Bis hierher spricht der Mediziner Nuland. Dann kommt der Sportler Nuland zu Wort, und der Ernährungsberater. Wir finden Ratschläge, die uns bekannt vorkommen, zum Beispiel dass 70 Prozent unserer Nahrung aus Obst und Gemüse bestehen sollte. Nuland rät seinem Leser auch dringend zum Sport als unübertroffenes Mittel gegen viele Altersleiden und führt eine Menge wissenschaftlicher Tests ins Feld. Außerdem erzählt er uns, wie er selbst mit 67 Jahren angefangen hat, im Fitnessstudio zu trainieren. Neben lauter Zwanzigjährigen - köstlich!

Das Werk ist unverkennbar von einem amerikanischen Wissenschaftler geschrieben. Wie bei so vielen seiner Landsleute finden sich auch bei Nuland wissenschaftliche Erörterungen, Ratschläge für den Leser und Geschichten aus dem Leben gut arrangiert zwischen zwei Buchdeckeln. Der Autor hat aktive und engagierte Menschen im Alter "80+" nach den geistigen Quellen ihrer Tatkraft und Lebensfreude gefragt: Menschen, die alle schon mindestens eine schwere Krankheit hinter sich haben (zum Beispiel einen Schlaganfall), Gläubige und Atheisten, aus allen sozialen Schichten kommend - von der mittelosen Hausfrau bis zum millionenschweren Klinik-Direktor. Die Antworten sind unterschiedlich ausgefallen, aber es gibt einen gemeinsamen Nenner: Die Allermeisten haben gesagt, Weisheit und Würde des Alters, das hat etwas damit zu tun, für andere Menschen da zu sein und chronisch neugierig zu bleiben - bis zum letzten Tag. Im Idealfall gerade an diesem.

Ein wissenschaftliches, lebenspralles und sehr berührendes Buch.

Rezensiert von Susanne Mack

Sherwin B. Nuland: Die Kunst zu altern. Weisheit und Würde der späten Jahre
Übersetzt von Werner Roller
Deutsche Verlags-Anstalt 2007
336 Seiten, 19,95 Euro