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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.04.2011

Nicht interessiert an "spektakulärem Heldentum"

Eine Kollegin über den verstorbenen Kriegsreporter Tim Hetherington

Gabriele Riedle im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der oscar-nominierte Fotograf Tim Hetherington kam bei Kämpfen um die libysche Stadt Misrata ums Leben. (dpa)
Der oscar-nominierte Fotograf Tim Hetherington kam bei Kämpfen um die libysche Stadt Misrata ums Leben. (dpa)

Er wurde bei Kämpfen um die libysche Stadt Misrata getötet. Dabei war Hetherington eigentlich ein vorsichtiger Kollege, der sich sehr genau angeguckt hat, wo er war, sagt die "Geo"-Reporterin Gabriele Riedle.

Liane von Billerbeck: Sie haben es sicher in den Nachrichten gehört: Bei den Kämpfen in der libyschen Stadt Misrata sind gestern auch zwei bekannte Fotoreporter getötet worden: Tim Hetherington und Chris Hondros, beide erfahrene Kriegsreporter. Hondros war für seine Arbeit in Liberia für den Pulitzer-Preis nominiert und Hetherington bekam 2007 den Preis "Word Press Photo of the Year" und war 2011 gemeinsam Sebastian Junger für die Dokumentation "Restrepo" über den Krieg in Afghanistan für den Oscar nominiert.

Die Journalistin Gabriele Riedle hat mit Tim Hetherington für "Geo" an einer Reportage über Liberia gearbeitet. Sie ist jetzt telefonisch zugeschaltet. Schönen guten Tag, Frau Riedle!

Gabriele Riedle: Hallo, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Wie haben Sie von dem Tod ihres Reporterkollegen Hetherington erfahren?

Riedle: Ich habe es ehrlich gesagt erst heute Morgen übers Radio, über die Nachrichten erfahren, habe gestern Abend schon mitgekriegt, dass es zwei Kollegen erwischt hatte, wusste aber die Namen nicht und habe es dann aus den Nachrichten heute Morgen erfahren, was mich natürlich nicht wenig schockiert hat, zumal ich mit Tim Hetherington ausgesprochen gerne zusammengearbeitet hatte, und sein Tod für mich wirklich relativ unbegreiflich ist.

von Billerbeck: Was für ein Mensch war Tim Hetherington?

Riedle: Tim Hetherington – es gibt ja so was wie zwei Arten von Kriegsreportern: Es gibt so Draufgänger, die sich sehr gerne als Helden inszenieren, die in allervorderster Linie immer stehen müssen, weil sie das auch nicht zuletzt … – also man muss ja unterscheiden, es gibt ja einerseits tatsächlich die Notwendigkeit der Arbeit und auf der anderen Seite so was wie ein Selbstbild, also es gibt so Kollegen, die an der vordersten Front stehen müssen, nicht weil das die Arbeit unbedingt erforderlich machen würde, sondern auch das Selbstbild das verlangt.

Zu denen gehörte er nicht, sondern er war eigentlich eher so was wie ein vorsichtiger Kollege, der sehr analytisch gearbeitet hat, sich sehr genau angeguckt hat, wo er war, der sehr genau überlegt hat, was jeweils wo vor sich geht, also weniger an so spektakulärem Heldentum interessiert war, also jetzt, sowohl was ihn selber betrifft als auch was die Menschen, die er in den jeweiligen Gebieten getroffen hat, betrifft, sondern eigentlich immer sehr genau daran interessiert war, was in den Ländern jeweils vor sich geht, in denen er sich befunden hat und was die Leute bewegt hat, mit denen er es da zu tun gekriegt hat.

von Billerbeck: Sie haben ja zusammen mit ihm in Liberia gearbeitet für "Geo" an einer Reportage. Welche Themen haben ihn da besonders interessiert?

Riedle: Tim Hetherington war mit mir zusammen nicht zum ersten Mal in Liberia, sondern er war sehr oft und sehr lange in Liberia. Es gab da in Liberia einen langen Bürgerkrieg mit verschiedensten Kriegsparteien, Rebellengruppen, die sich gegenseitig niedergemetzelt haben. Er hat sehr lange sich mit einer von diesen Gruppen bewegt. Also er hat tatsächlich gesagt: "Ich habe mit denen gelebt" - noch während des Bürgerkrieges. Dann, als der Bürgerkrieg zu Ende ging, hat er für das Sanctions Board des Weltsicherheitsrates gearbeitet.

Das heißt, der Weltsicherheitsrat schickt Trupps los, in Kriegsgebiete oder Bürgerkriegsgebiete, um beispielsweise herauszukriegen, wer welches Verbrechen begangen hat, und was da passiert ist und welche Sanktionen man dort verhängen muss. Das bedarf natürlich genauer Untersuchungen. Das hat Tim dann sehr lange für den Weltsicherheitsrat auch gemacht und ist deswegen sehr intensiv in Liberia immer unterwegs gewesen.

Das ist eine völlig andere Arbeit als die gewesen, die er als Fotoreporter zu tun hatte, sondern er hat dann tatsächlich versucht, rauszukriegen, wer welche Verbrechen begangen hat, und je nach dem, was da dann rauskommt, verhängt der Weltsicherheitsrat dann Sanktionen, kassiert Konten ein, verhängt Reiseverbote für Protagonisten und so weiter, also damit hat er sich stark beschäftigt.

Das heißt, als wir nach Liberia gekommen sind, hatte der einfach astreine Verbindungen in alle Richtungen und kannte sozusagen wirklich schon jeden. Und unsere Arbeit … – Liberia ist wirklich ein ganz, ganz furchtbares Land. Aber das war eine der, ich muss fast sagen, schönsten Arbeiten, die ich jemals machen durfte, weil ich eben mit Tim unterwegs war und wir da immer herum gefahren sind und uns mit Leuten getroffen haben und Situationen angeguckt haben, die moralisch oder überhaupt auch was von der Geschichte jeweils übriggeblieben ist, unglaublich schwer einzuordnen waren.

Und unsere Zusammenarbeit, die bestand eigentlich darin, dass wir jeweils irgendwo hingegangen sind, uns angeguckt haben, was da los ist und dann hinterher den Rest des Tages überlegt haben, wie wir das eigentlich finden. Wir haben wirklich immer extrem lang über die Dinge, die wir dort erlebt haben, gesprochen und versucht, die einzuordnen, sowohl, was das betrifft, was passiert ist, als auch, was die Personen betrifft, ob wir die für große Verbrecher halten oder ob wir sie vielleicht doch für ordentliche Menschen halten, obwohl sie vielleicht ganz viele Leute umgebracht haben. Das war eine – für mich eine – geradezu beglückende Erfahrung mit Tim zusammen.

von Billerbeck: Wir haben nur noch ganz wenig Zeit, trotzdem die Frage zum Schluss: Wie nah ist einem in solchen Ländern immer der Tod?

Riedle: Das Merkwürdige ist, dass man zwar immer weiß, dass er da ist, aber dennoch auf eine ganz merkwürdige Art und Weise so was wie Alltag dann auf einmal stattfindet. Man isst, man wäscht seine Kleider, weil sie wahrscheinlich verschwitzt sind und dreckig sind, man trifft Kollegen, man trifft Freunde … der Tod wird so – man weiß, es ist wahnsinnig gefährlich unter Umständen. Aber auf eine andere Art und Weise ist er dann auch plötzlich komplett weg, weil das ist das ganz normale Leben, was auf einmal stattfindet. Das finde ich immer besonders verrückt.

von Billerbeck: Gabriele Riedle war bei uns zu Gast. Die Autorin, die unter anderem für "Geo" schreibt, hat mit einem der gestern im libyschen Misrata ums Leben gekommenen Fotojournalisten, mit Tim Hetherington in Liberia zusammengearbeitet. Danke für ihr Kommen, Frau Riedle, danke für das Gespräch!

Riedle: Ich danke Ihnen!

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