Seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Thema / Archiv | Beitrag vom 30.03.2009

Nicht Geld allein zählt

Verhaltensökonom Armin Falk erhält Leibniz-Preis für seine Forschungen

Armin Falk im Gespräch mit Frank Meyer

Falk: Menschen werden nicht nur durch Geld motiviert.  (Stock.XCHNG / Valentina Frate)
Falk: Menschen werden nicht nur durch Geld motiviert. (Stock.XCHNG / Valentina Frate)

Experimentelle Studien zu Respekt und Fairness in der Wirtschaft sind das Arbeitsfeld des Verhaltensökonomen Armin Falk von der Universität Bonn. Dabei fand er heraus, dass Anerkennung durch die Vorgesetzten und ein vertrauensvolles Betriebsklima für Arbeitnehmer ebenso wichtig sind wie der Arbeitslohn, um gute Leistungen zu vollbringen.

Frank Meyer: Heute wird der angesehenste deutsche Wissenschaftspreis verliehen - der Leibniz-Preis, der geht an elf Preisträger. Einer von ihnen ist der Verhaltensökonom Prof. Armin Falk von der Universität Bonn. Er befasst sich mit Fragen, die in der klassischen ökonomischen Theorie als eher abwegig gelten, nämlich wie viel soziale Fairness sucht der Mensch in der Arbeitswelt, wie viel Vertrauen, wie viel Respekt verlangen Arbeitnehmer, damit sie gute Leistungen bringen. Für seine Forschungen bekommt Armin Falk, neben der mit dem Leibniz-Preis verbundenen Ehre, auch noch zweieinhalb Millionen Euro für seine künftigen Untersuchungen. Armin Falk ist jetzt für Deutschlandradio Kultur am Telefon. Herzlichen Glückwunsch zum Leibniz-Preis!

Armin Falk: Vielen Dank!

Meyer: Wenn man sich über Ihre Forschungen informiert, Herr Falk, dann geht einem schon das Herz auf, weil Ihre Untersuchungen zu belegen scheinen, dass der Mensch gar nicht so ein egoistisches, nur auf sich und sein Geld fixiertes Wesen ist, wie man das bislang dachte. Verstehe ich Ihre Forschungsergebnisse da richtig?

Falk: Ja, so kann man das ungefähr zusammenfassen. Ich sag mal so: Der stärkste Kontrast zu dem, was wir so machen, ist vielleicht das traditionelle, ökonomische Verhaltensmodell, indem man eigentlich immer angenommen hat, dass die Menschen eher eigennützig sind und nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, zudem auch noch rational und eigentlich immer genau wissen, was sie tun und warum sie es tun. Und diesem sehr engen Verständnis von menschlicher Motivation haben wir eben empirische Befunde beigebracht. Und da zeigt sich dann eben, dass die menschliche Motivation natürlich viel vielseitiger ist und dass insbesondere soziale Motive eine ganz entscheidende Rolle spielen. Und die spielen eben nicht nur eine Rolle, wenn man so ohne Konsequenzen bekennen soll, bist du ein fairer Mensch oder bist du ein lieber Mensch oder ein vertrauensvoller Mensch, sondern die spielen dann auch eine Rolle, wenn Verhalten, das wir als faires Verhalten oder kooperatives Verhalten kennzeichnen können im Labor, tatsächlich auch dann mit monetären, also mit Geldfolgen verbunden ist. Es ist dann im Experiment wirklich teurer, altruistisch zu sein als eigennützig zu sein.

Meyer: Können Sie uns das mal an einem konkreten Experiment vielleicht erklären, wie Sie das belegt haben?

Falk: Ja, also es gibt ein Spiel, also einen experimentellen Aufbau, bei dem es im Prinzip zwei Personen gibt. Das eine nennen wir die Firma und das andere nennen wir mal Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin. Die Firma kann einen Lohn zahlen, der kann höher oder tiefer sein, und der Arbeitnehmer kann dann auf der zweiten Stufe entscheiden, wie viel er für den Arbeitgeber arbeiten möchte. Und wenn er viel arbeitet, kostet ihn das viel Geld, und wenn er wenig arbeitet, dann kostet ihn das entsprechend weniger. Was wir aber in dieser Art von Experiment finden und unter ganz verschiedenen Bedingungen auch, dann finden Sie regelmäßig, dass im Durchschnitt zumindest höhere Löhne dann mit höherer Arbeitsleistung auch belohnt werden. Das ist im Alltag natürlich oder in der Praxis nicht unbedingt nur der Lohn, das kann die Arbeitsbedingung sein, das kann eine vernünftige Ansprache sein, das kann Respekt, das kann soziale Anerkennung sein usw. Und das wird dann eben belohnt, obwohl es eben mit Kosten verbunden ist.

Meyer: Wir haben hier vor einigen Tagen im Deutschlandradio Kultur mit dem Schweizer Ökonom Bruno Frey gesprochen über die Frage, wie sinnvoll ist Geld als leistungsförderndes Mittel einzusetzen, zum Beispiel indem man Boni auszahlt. Und Bruno Frey hat uns dazu Folgendes gesagt:

Bruno Frey: Das ist eine naive Idee, dass Menschen nur arbeiten, wenn sie ganz spezifisch noch Geld dafür bekommen für eine zusätzliche Leistung. Wenn man einen anständigen Lohn bezahlt, sind viele Leute direkt an der Arbeit interessiert und leisten dann auch entsprechend gute Arbeit. Wenn man Leistungslöhne zahlt, dann sagt man ja eigentlich den Beschäftigten, das ist das Einzige, was zählt. Und die Leute stellen sich drauf ein und schauen weder, ob diese Arbeit anderen Schaden zufügt oder ob sie langfristig sinnvoll ist.

Meyer: Herr Falk, wie sehen Sie das, ähnlich wie Bruno Frey das sagt, Bonuszahlungen bringen langfristig gar keine Leistungssteigerung?

Falk: So weit würde ich an dieser Stelle nicht gehen, wobei ich auch gerne eine Unterscheidung einziehen würde zwischen den Boni, die wir jetzt in der Gegenwart gerade diskutieren, und dem, was wir nachgelagerte Leistungsentlohnung auch nennen, also die Belohnung von etwas, was sehr gut war. Ich glaube, dass die Boni in diesen Millionenhöhen, die wir jetzt zahlen, mit dem Leistungsgedanken und einer leistungsorientierten Bezahlung überhaupt nichts zu tun haben. Ich glaube, dass das eine ganz große Selbstbereicherungsgeschichte ist von Leuten, die zu wenig durch Aufsichtsräte usw. kontrolliert werden. Der zweite Aspekt, grundsätzlich jetzt mal, ist schon so, dass wenn man das Prinzip von Leistung und Gegenleistung sich anschaut, dass das als fair empfunden wird und auch nicht unbedingt leistungsfeindlich sich nachher auswirkt, wie Bruno Frey das so ein bisschen vielleicht überspitzt formuliert hat. Was er, glaube ich, meint – und dafür gibt es wiederum viele Belege –, dass es einen demotivierenden Aspekt gibt von Leistungsentlohnung, und zwar dann, wenn er dergestalt gemacht wird, dass man sagt, ich glaube nicht, dass du freiwillig irgendetwas tätest; wenn er so was wie Misstrauen, Kontrolle und Geringschätzung signalisiert. Man kann aber auch Boni natürlich in einer Weise kommunizieren, die sehr leistungsförderlich sind, nämlich dann, wenn man sagt, du hast eine ganz tolle Arbeit gemacht, und das fand ich so toll, dass du auch noch was oben drauf bekommst.

Meyer: Herr Falk, weil Fairness ja ein so wichtiges Stichwort von Ihnen ist, und wir haben auch gerade über diese Millionenboni in Unternehmen gesprochen, die ja auch an Manager nach wie vor ausgereicht werden, wenn diese Manager große Verluste zu verantworten haben. Auf der anderen Seite haben wir Kurzarbeit, wir haben drohende Arbeitslosigkeit für sehr viele. Unser Wirtschaftssystem zeigt ja eigentlich gerade, wie unfair es ist, oder?

Falk: Ja, das, würde ich sagen, ist sicher im Moment besonders augenfällig. Ich glaube, dass Differenzierung im Prinzip kein Problem für Fairness ist. Im Gegenteil, das Gleichheitsprinzip oder auch Fairnessprinzipien implizieren das, wenn jemand mehr leistet und wirklich auch mehr zum Kuchen beiträgt, auch mehr davon bekommen soll. Und deswegen, solange die Entlohnungsunterschiede in einem vernünftigen oder angemessenen Verhältnis zueinander stehen, denke ich, ist Differenzierung überhaupt kein Problem. Jetzt erleben wir aber, dass diese Unterschiede ein Ausmaß annehmen, die über Leistungsunterschiede überhaupt nicht mehr zu rechtfertigen sind. Und dann passiert in der Tat das, dass nämlich solches Fehlverhalten, wie wir es zum Teil von Managern sehen, natürlich sich auch leistungsfeindlich auch für viele Mitarbeiter auswirkt oder natürlich auch sich dann zum Beispiel gegen das marktwirtschaftliche System insgesamt richtet. Das sind, glaube ich, Tendenzen, die viele Manager sich sehr genau überlegen sollten bei der nächsten Gehaltsrunde, dass die Kollateralschäden dieser Gier eben unter Umständen doch ziemlich groß sein können.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit dem Verhaltensökonomen Armin Falk, der heute den Leibniz-Preis bekommt für seine experimentellen Studien in der Wirtschaftsforschung. Sie haben gerade das Stichwort Vertrauen angesprochen, das ist ja auch ein zentraler Begriff für Ihre ökonomischen Auffassungen. Wie könnte denn das Vertrauen der Bundesbürger in der derzeitigen Situation in unser Wirtschaftssystem wieder gefestigt werden?

Falk: Ja, das ist die 1000- oder Eine-Million-Dollar-Frage im Moment. Es ist auf jeden Fall nicht so ohne Weiteres wiederherzustellen. Was ganz wichtig ist, ist, glaube ich, dass wieder zusammenfallen muss, das, was Menschen sagen und was sie dann auch wirklich tun.

Meyer: Welche Menschen haben Sie da im Auge?

Falk: Das ist eine Mischung aus den Politikern natürlich an der einen Seite, den Unternehmern und Managern auf der anderen Seite, sodass man hier wieder zu einem vernünftigen Maß kommt von Leistung und Gegenleistung. Und dann gibt es viele institutionelle Faktoren, die jetzt geklärt werden müssen. In aller Munde ist die Finanzmarktregulierung, ich glaube, das ist ganz wichtig. Es ist übrigens nie so gewesen, dass die Ökonomen geglaubt hätten, dass das Freie-Kräfte-Spiel immer schon zu effizienten Lösungen führt. Markt und Wettbewerb und alle die auch guten Eigenschaften von Marktwirtschaft können nur funktionieren in einem regulierten System. Sie brauchen ein Rechtssystem, Sie brauchen Menschen, die die Rechte durchsetzen, Sie brauchen Regeln für Produkte usw., Produkthaftung und all diese Dinge, Sie brauchen Wettbewerbskontrolle. Und ich habe das Gefühl, dass hier in einem sehr wichtigen Markt, im Finanzmarkt, einfach übersehen wurde, welches riesige Selbstzerstörungspotenzial hier vorherrscht. Und um Vertrauen wiederherzustellen, auch langfristig, wird es ganz entscheidend davon abhängen, ob es gelingen wird, die richtigen Regulierungen zu finden, die zwar Marktwirtschaft weiter ermöglichen, aber eben solche Auswüchse und solches unkontrollierte Verhalten, wie wir es jetzt gesehen haben, zumindest einzuschränken.

Meyer: Wenn wir uns noch einmal einen Teilbereich anschauen, Herr Falk: Ein Instrument zur Bewältigung der Wirtschaftskrise ist ja die Abwrackprämie. Aus Sicht der Bundesregierung sehr erfolgreich, das Modell soll ja in die Verlängerung gehen. Bei dieser Prämie bekommt ja der Konsument praktisch direkt Geld in die Hand, 2500 Euro für sein altes Auto. Sollte es denn aus Ihrer Sicht mehr solcher direkter Zahlungen an die Konsumenten geben?

Falk: Ja, das kommt natürlich immer darauf an, was man will. Im Moment scheint es ja zu sein, der politische Wille ist, dass Menschen konsumieren und Geld ausgeben, und dann halte ich das in der Tat für richtig. Und ich glaube, dass die Abwrackprämie besser ist und auch Geschenkgutscheine oder Konsumgutscheine, wie sie genannt werden, als zum Beispiel eine Steuerentlastung. Das hat einmal den ganz einfachen Grund, dass je nachdem, welche Steuer man sich anschaut, insbesondere Besserverdienende davon profitieren würden, deren Konsumneigung aber nicht so hoch ist wie bei Menschen, die ein geringes Einkommen haben, die möglicherweise gar keine Steuern zahlen. Ein anderer Aspekt, warum Konsumgutscheine oder Abwrackprämie gut funktionieren, glaube ich ist, weil sie den Konsumenten jetzt und sehr unmittelbar darauf hinweisen, dass er konsumieren kann. Er hat also nicht die Möglichkeit, Dinge zu verschieben. Und gerade in der zeitlichen Befristung auch in der Abwrackprämie ist eben klar, wenn du es nicht jetzt machst, dann ist es vorbei. Und ein weiterer Konstruktionsbaustein ist meines Erachtens die Budgetierung, dass man also von vornherein gesagt hat, es gibt soundso viel Geld dafür, weil damit hat man im kollektiven Bewusstsein so was wie Knappheit erzeugt. Und man kennt das so vom kalten Buffet vielleicht, da steht dann so ein Buffet und alle rennen jetzt hin …

Meyer: Guter Vergleich!

Falk: Und nur, weil jetzt eben die Sorge besteht, man könnte zu kurz kommen und vielleicht am Schluss doch nicht so viel bekommen, wie man will, schlagen sich die Leute die Teller voll. Und das arbeitet, glaube ich, psychologisch auch für den Erfolg dieser Abwrackprämie.

Meyer: Sie selbst, Herr Falk, bekommen jetzt etwas ganz anderes: einen Vertrauensvorschuss in Höhe von zweieinhalb Millionen Euro, nämlich das Preisgeld für den Leibniz-Preis. In welche Richtung wollen Sie denn mit diesem Geld Ihre Forschungen weiter vorantreiben?

Falk: Ja, das ist sozusagen auch so eine Art Konsumgutschein jetzt für die Forschung. Was ich in letzter Zeit verstärkt betreibe, das ist die Ausweitung des verhaltensökonomischen Ansatzes um das Erfassen von biologischen Grundlagen von ökonomischem Verhalten. Wir haben hier verschiedene Studien jetzt bereits vorgelegt, wo wir Testpersonen im Scanner anschauen, also die Gehirnfunktionen, die aktiv sind in ökonomisch relevanten Entscheidungssituationen können wir uns anschauen. Wir haben verschiedene Arbeiten zur genetischen Grundlage von Verhalten. Ich glaube, dass in dieser Richtung noch unheimlich viel zu tun ist, um letztlich – und das ist ja das eigentliche Ziel – das Verhalten von Menschen besser zu verstehen, um dann darauf bessere Modelle und auch eine bessere wirtschaftspolitische Beratung aufzubauen. Ich will zwar nicht davon ausgehen, dass das Geld schnell weg ist, aber ich glaube, dass ich eine sehr gute Verwendung dafür finden werde.

Meyer: Heute bekommt der Verhaltensökonom Armin Falk den Leibniz-Preis für seine experimentellen Studien zu Respekt und Fairness in der Wirtschaft. Wir werden Ihnen übrigens heute Nachmittag einen weiteren der insgesamt elf Leibniz-Preisträger vorstellen, den Informatiker und Roboterforscher Wolfram Burgard um 16 Uhr 50. Herr Falk, Ihnen vielen Dank für das Gespräch!

Falk: Gerne!

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur