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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 17.09.2006

Nicht der ganze FJS

Thomas Schuler: "Franz Josef Strauß"

Vorgestellt von Alexander Gauland

Franz Josef Strauß im Januar 1987 (AP)
Franz Josef Strauß im Januar 1987 (AP)

Franz Josef Strauß zählte zu den einflussreichsten Politikern der alten Bundesrepublik. Trotz zahlreicher Affären und Skandale besetzte er über Jahrzehnte Schlüsselpositionen. Thomas Schuler blendet in seiner Strauß-Biographie dessen politische Seite weitgehend aus, um ein Porträt des bayerischen Ministerpräsidenten, seiner Frau und seiner Kinder zu zeichnen. - Spannend und lesenswert, einem Politiker von diesem Format wird die Biographie jedoch nicht gerecht.

Stellen wir uns einmal vor, eine Biographie Bismarcks käme ohne Königgrätz und Sedan aus oder ein Porträt Wilhelms II. würde ohne Krüger-Depesche und Daily-Telegraph-Affaire abgeliefert. Zu Recht wären wir enttäuscht und verärgert auch wenn der Rest des Buches kluge Einsichten und viele interessante Einzelheiten bereithielte.

Thomas Schuler, der Biograph der Mohns, hat eben das versucht, ein Porträt des bayerischen Ministerpräsidenten, seiner Frau und seiner Kinder zu zeichnen, ohne das Politische, den Kern seiner Arbeit in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen zu stellen. So ist es ein Buch über viele menschliche und besonders geschäftliche Details der Strauß-Familie geworden, doch keine politische Biographie wie sie einem der einflussreichsten Politiker der alten Bundesrepublik wohl angestanden hätte. Um nicht missverstanden zu werden, was der Autor über den zweifelhaften Aufstieg seines Antihelden zu Papier gebracht hat, ist fast immer spannend und lesenswert. Und es mag am Ende auch jenes Urteil decken, das er als Resümee dieses politischen Lebens zieht:

"Er kam mit seinen eigenen Erfahrungen aus dem Krieg und war überzeugt, man müsse notfalls Gesetze missachten, um die Demokratie zu schützen. Um des Friedens willen war er bereit mit dem Atomtod zu drohen. Er traute sich zu, die Grenzen des Erlaubten für sich selbst zu definieren. Für andere verwischten sich seine selbstgezogenen Grenzen zwischen Allgemeinwohl und Eigenwohl im Laufe der Zeit immer mehr. Je mehr Strauß in das Licht der Öffentlichkeit rückte und je mehr Macht er an sich riss, desto mehr verlor er das Vertrauen eines großen Teils derjenigen, ohne die kein Politiker aufsteigen kann: Parteifreunde und Wähler. Deswegen stürzte er. Er konnte nie genügend Vertrauen zurückgewinnen, um Kanzler zu werden. Man traute ihm einfach zuviel zu."

Doch die vielen Affären von Fibag über Onkel Aloys und die Bauunion bis zur Spiegel-Affäre waren dennoch nicht der ganze Strauß, sondern eben nur die eine unangenehme auch etwas schmierige Seite einer komplexen Persönlichkeit. Nun mag es ja sein, dass die andere, die politische, nicht viel besser aussieht, doch eben darüber schreibt der Autor fast nichts. Wenn das bayerische Kreuth in einer politischen Biographie von Strauß nur im Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau Marianne vorkommt, die in der Nähe ihren tödlichen Unfall hatte, dann stimmen die Dimensionen nicht. Und wenn die lange, erbitterte Auseinandersetzung, die im Jahre 1976 zu jenem unkontrolliert-kontrolliertem Ausbruch von Strauß führte -

Thomas Schuler: "Franz Josef Strauß" (Coverausschnitt) (Scherz Verlag)Thomas Schuler: "Franz Josef Strauß" (Coverausschnitt) (Scherz Verlag)"Und glauben Sie mir eins, der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden, der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat. Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche" -

nur in dem Satz seinen Niederschlag findet: 1976 würde er gern kandidieren, muss aber Helmut Kohl den Vortritt lassen, dann ist auch die Informationspflicht eines solchen Buches verletzt. Über die große Koalition, die Plisch- und Plum-Epoche, von Schiller und Strauß, die Deutschland grundlegend reformiert hat und mit deren Folgen sich die beiden großen Parteien soeben erneut in der Föderalismusreform beschäftigen mussten, heißt es lapidar: Als Finanzminister der Großen Koalition lebt Strauß seit 1966 wieder in Bonn. Nichts über politische Inhalte, Erfolge, Misserfolge. Und um die Fehlstellen vollständig zu machen, auch sein Wirken als Ministerpräsident, die rücksichtslose Industriepolitik á la Colbert , die das agrarische Bayern zusammen mit Baden Württemberg an die Spitze der Republik katapultierte, wird mit keinem Wort gewürdigt.

Dafür erfährt der Leser manches über die Schellingstraße in München, wo die Eltern ihre Fleischerei und Hitlers Leibfotograf Hoffmann sein Atelier hatte. Über den Maler Franz Marc, die Reventlow und Frank Wedekind, über Rilke und Ringelnatz in den Lokalen der Nachbarschaft wird der Leser informiert und darüber spekuliert, ob Hoffmanns Tochter den kleinen Franz Josef vielleicht auf der Straße getroffen hat. Auch wie sich der nun schon erwachsene Strauß auf die Hochzeit mit Marianne Zwicknagl vorbereitet, hat die Aufmerksamkeit des Autors gefunden:

"Am Tag darauf bereitet sich Franz Josef Strauß in München auf die kirchliche Hochzeitsfeier vor. Er kauft zwei Smokingschleifen und ein Paar feine Handschuhe und lässt sich in einem Salon am Hauptbahnhof die Haare schneiden und die Hände maniküren."

Und nach der Trauung:

"100 Gäste sind zu einem Hochzeitsessen in den Gasthof ‚Zur Post’ eingeladen, an den Ort, wo das Paar am Tag davor Polterabend gefeiert hat. Die Gäste sind sorgfältig ausgesucht – 50 vom Bräutigam, 50 von der Braut. Sie sitzen unter der rustikalen Holztonnendecke des Gasthofs, die ein ausgewachsener Hecht schmückt. Für die Bewirtung ist jedoch nicht der Dorfwirt, sondern das erlesene Haus Dallmayr aus München engagiert worden. Die Menükarte bietet frische Gänseleber Lucullus, Schwalbennestersuppe, Seezungenfilet getrüffelt in Weinschaum, Stangenspargel in Sauce Mousseline, Poularden á la Dallmayr, Filet Mignon, Eisbombe á la Schnecki – benannt nach der 14-jährigen jüngsten Tochter der Familie Zwicknagl – und Mokka."

Auch was Marianne Strauß kurz vor ihrem Tode mit ihrer Freundin besprochen hat, weiß der Autor:

"Die Jugendfreundinnen sprechen über die Kinder. Marianne erzählt, dass Max gerade sein Staatsexamen in Jura mache, dass Franz Georg bald fertig sei mit dem Militärdienst und dann wieder zu Hause wohnen werde. Und dass Monika sich so gut mit ihrem Mann Michael verstehe und am Montag eine Aufnahmeprüfung für ein Spracheninstitut machen wolle wie einst sie selbst. Sie sagt ihrer Freundin, dass sie die Gürtelrose fast überstanden habe und sie sich wieder besser fühle."

Bei manchen dieser Stellen streift das Buch das Komische und gerät auf Bunte- oder Gala-Niveau.

Es bleibt das Verdienst des Autors noch einmal jene trüben Geschichten aufbereitet zu haben, von denen der Spiegel jahrelang gut lebte und die, als er die Wahrheit darüber erfuhr, den Nachfolger Max Streibl, der wegen einer Amigo-Affäre zurücktreten musste, zu dem Ausruf veranlassten:

"Mein Gott, das ist ja unglaublich, wenn ich bedenke, wie die es getrieben haben und weswegen ich zurückgetreten bin. Das waren, daran gemessen, wirklich nur Lappalien."

Schade nur, dass man – jedenfalls aus dem Buch – nicht erfährt, wieso es Strauß so lange treiben konnte, da seine andere, faszinierende politische Seite darin nicht vorkommt.

Thomas Schuler: "Franz Josef Strauß. Die Biographie einer Familie"
Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2006

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