Nicht ausreichend auf den "Blackout" vorbereitet

Überland-Stromleitungen nahe Riesa © dpa / Jürgen Lösel
Marc Elsberg im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler · 14.05.2013
Nach Ansicht von Marc Elsberg ist die Gesellschaft nicht genügend für den Ausfall der Stromversorgung gerüstet. Der Autor des Thrillers "Blackout – Morgen ist es zu spät", nennt das deutsche Stromnetz zwar "fragil", aber es sei immer noch eins der sichersten der Welt.
Jan-Christoph Kitzler: Früher, als wir noch auf den sprichwörtlichen Bäumen lebten, da lauerten die großen Gefahren in der näheren Umgebung: brutale Nachbarn, wilde Tiere, Naturkatastrophen. Doch in der vernetzten Welt unserer Tage werden auch die Gefahren sozusagen allumfassender und können sich über die Netze rasend schnell verbreiten, mit ungeahnten Folgen zum Beispiel bei der Stromversorgung. Marc Elsberg hat einen Thriller geschrieben mit dem Titel "Blackout" nach dem Motto: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn in Europa der Strom ausfällt? Unsere Stromnetze sind anfällig, zum Beispiel für Angriffe durch Hacker – das ist ein wichtiges Thema beim 13. Deutschen IT-Sicherheitskongress, der heute in Bonn beginnt. Marc Elsberg beschreibt ziemlich genau, wie unsere empfindlichen Stromnetze funktionieren, und so klingt das in seinem Buch "Blackout":

"Stellen Sie sich das Stromnetz wie den Blutkreislauf eines Menschen vor", erklärte Bädersdorf. "Vielleicht mit dem Unterschied, dass es nicht ein, sondern mehrere Herzen gibt. Das sind die Kraftwerke. Von den Kraftwerken wird der Strom im ganzen Land verteilt, wie das Blut im Körper. Dabei gibt es verschiedene Leitungen, so wie es verschiedene Blutgefäße gibt. Hochspannungsleitungen sind vergleichbar mit den Hauptschlagadern, in denen große Mengen über weite Strecken transportiert werden können. Dann gibt es Leitungen mit mittlerer Spannung, welche die Energie weitertransportieren, bis die regionalen Netze sie an die einzelnen Endabnehmer verteilen, wie die Kapillaren das Blut in jede Zelle bringen."

Kitzler: Und wenn nur eine wichtige Verbindung gekappt wird, wenn ein Kraftwerk ausfällt, dann stößt das ganze System manchmal schnell an seine Grenzen. Ich bin jetzt verbunden mit Marc Elsberg, dem Autor von "Blackout". Schönen guten Morgen.

Marc Elsberg: Schönen guten Morgen.

Kitzler: Mal angenommen, in Europa würden die Stromnetze zusammenbrechen wie ein Blutkreislauf, was würde dann passieren?

Elsberg: Wenn sie so zusammenbrechen wie bei mir im Buch, dann haben Sie im Handumdrehen einmal einen flächendeckenden Stromausfall, was im ersten Augenblick noch nicht so dramatisch ist, weil sich ja jeder denkt, in fünf Minuten ist der Strom wieder da. Allerdings wird er in so einem Fall in fünf Minuten nicht mehr da sein, weil es dann sehr schwierig ist, die Netze schnell wieder aufzubauen, es wird also länger dauern, und wenn es wie bei "Blackout" ein Angriff ist, wo man also sogar mutwillig diesen Zusammenbruch herbeigeführt hat und in der Lage ist, ihn länger aufrechtzuerhalten, wird es bereits nach ein, zwei Tagen zu einer sehr, sehr unangenehmen Situation und spätestens nach drei, vier Tagen zu einer katastrophalen Situation.

Kitzler: Sie haben jahrelang ziemlich intensiv recherchiert für Ihren Roman. Was ist denn Ihr Ergebnis, wie fragil sind unsere Stromnetze, wie bedroht sind wir zum Beispiel durch Hackerangriffe, wie sie in Ihrem Buch beschrieben werden?

Elsberg: Die Stromnetze in Österreich und Deutschland gehören zu den sichersten der Welt, das ist bekannt. Sie sind zwar fragil, aber sie sind trotzdem nach wie vor auch angesichts der Herausforderungen der Energiewende immer noch relativ stabil. Was in Zukunft eine Herausforderung wird, ist der Ausbau zum sogenannten Smart Grit, zum intelligenten Stromnetz, wo also die Stromnetzstrukturen zusammenwachsen mit den IT- und Informationsnetzen. Und wenn dann zum Beispiel jeder Haushalt wie vorgesehen bis Ende des Jahrzehnts zum Beispiel einen sogenannten Smart Meter, also einen intelligenten Stromzähler in der Wohnung oder im Haus hängen hat, dann ist das nichts anderes als ein kleiner Computer, der da überall hängt, und jeder weiß, dass man einen Computer nie ganz sicher bekommt. Also ich habe dann quasi in jedem Haushalt ein Einfallstor letztendlich in das gesamte Stromnetz, weil das ja alles miteinander verbunden ist. Und das sind dann ähnliche Probleme, wie wir sie heute schon von Banken, Kreditkartenfirmen et cetera kennen.

Kitzler: Sie sind ja inzwischen auch ein Experte: Sie halten Vorträge auf Tagungen, auf denen es um die Sicherheit der Stromnetze geht. Ist das nicht ein bisschen komisch, ein Mann, der eigentlich von der Fiction kommt, hält jetzt Vorträge über so ein ernstes Thema?

Elsberg: Für mich kam es natürlich überraschend, das muss ich zugeben, weil erst mal habe ich einen Thriller geschrieben. Wobei ich schon auch sagen muss, dass, während ich für das Thema recherchiert habe, mir nach und nach klar wurde, dass da mehr drinnen steckt als nur der klassische Spannungsthriller, sondern dass es da halt ungeheuer viel zu erzählen gibt, sehr viel, was sehr viele Leute, glaube ich, auch bis heute nicht wissen – und, wie ich feststellen darf, zum Teil sogar Fachleute nicht immer unbedingt wissen.

Kitzler: Was sind so Sachen, die man eigentlich wissen müsste?

Elsberg: Na ja, zum Beispiel, wenn der Strom ausfällt, da hängt auch die Wasserversorgung dran. Ich habe dann bei einem großflächigen Ausfall zum Beispiel auch keine Wasserversorgung mehr. Man bekommt kein Wasser aus der Wasserleitung, nicht aus der Dusche, und was fast noch unangenehmer ist, zum Beispiel auch nicht mehr in den Spülkasten der Toilette. Ich kann dann mein Klo nicht mehr spülen. Wie sich das nach ein, zwei Tagen anfühlt, womöglich in einem Teamhaus mit 100 Parteien, kann man sich vorstellen. Andere Sache ist, man kann nicht mehr tanken: Die Tankstellen haben unterirdische Tanks, die mit elektrischen Pumpen hochpumpen in die Zapfsäulen. Das heißt, sobald der Tank leer ist von den Autos, geht nichts mehr, ne?

Kitzler: Dass man eine Infrastruktur auch ganz gezielt lahmlegen kann, das beschreiben Sie in Ihrem Roman. Inzwischen hatten wir ja den Fall Stuxnet: Da wurde – höchstwahrscheinlich von Geheimdiensten – ein Virus programmiert und eingeschleust, der ein ganz bestimmtes Steuerungsgerät von Siemens in Kraftwerken angreift, das sollte offenbar den Iran treffen. Ist da Ihre Fantasie sozusagen von der Wirklichkeit überholt worden?

Elsberg: Ist sie tatsächlich. Ich hatte im Vorfeld, als ich an dem Roman gearbeitet habe, mit einigen Fachleuten aus dem IT und der Energieindustrie gesprochen, und damals habe ich dann beschlossen irgendwann: Okay, ich möchte diesen IT-Angriff, er muss unter anderem die Steuerungssysteme von Kraftwerken angreifen für das Szenario, das ich möchte. Damals haben die Fachleute gesagt, nein, geht nicht – und zirka einen Monat danach kamen die ersten Meldungen von Stuxnet. Das ist uns dann auch noch einmal passiert bei den Sicherheitssystemen der Atomkraftwerke, als dann Fukushima in die Luft flog, wobei man natürlich sagen muss, das war dort aus anderen Gründen als es bei mir im Buch passiert. Aber so diverse Sicherheitssysteme funktionieren halt manchmal dann doch nicht, wie man etwa gesehen hat beim Hurrikan Sandy in New York, wo ja eine Universitätsklinik zum Beispiel sofort evakuiert werden musste, weil die vorgesehenen Notstromsysteme nicht angesprungen sind.

Kitzler: Was ist denn Ihr Eindruck? Sind wir gewappnet für einen Blackout, sind wir ausreichend vorbereitet?

Elsberg: Nein, sind wir nicht. Weil man ist sich nicht ganz bewusst, was da für ein Strukturwandel in den letzten 10, 20 Jahren stattgefunden hat, diese immense Abhängigkeit vom Stromnetz, und in Europa speziell, in so einer hochentwickelten Wirtschaft eben, sind wir immens abhängig davon. Und mangels dieses Bewusstseins aber hat man sich auch noch nicht entsprechend umgestellt in den Vorbereitungen. Das hat auch ein bisschen damit zu tun, dass man die großen Bedrohungsszenarien verloren hat natürlich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Damals waren ja alle vorbereitet auf die große Katastrophe, man hat sich ja zum Teil sogar Bunker unter die Häuser gebaut. Und heute rechnet ja niemand mehr mit so was. Ich wohne in einer großen Stadt, relativ zentral, ich gehe alle zwei Tage einkaufen, was ich für die nächsten zwei Tage brauche. Wenn mir plötzlich der Strom ausfällt hier, dann bin ich nach zwei Tagen völlig unversorgt. Also ich nicht mehr, seit ich dieses Buch geschrieben habe, aber sehr viele andere Leute schon.

Kitzler: Das heißt, Sie persönlich nehmen Ihr Buch ernst und haben vorgesorgt für den Blackout?

Elsberg: Ja, wobei auch nicht übermäßig. Also ich habe das zu Hause, was das Innenministerium, das deutsche, in seiner Broschüre "Für den Notfall vorgesorgt" empfiehlt, das sind gewisse Wasservorräte, das ist aber gar nicht so wahnsinnig schlimm, dass sich das nicht jeder zu Hause hinstellen könnte, aber nicht darüber hinausgehend. Ich habe weder einen Notstromgenerator noch Waffen oder Munition, um meine bescheidenen Vorräte zu verteidigen gegen die schlechter Ausgerüsteten.

Kitzler: Marc Elsberg, Autor des Wissenschaftsthrillers "Blackout". Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Tag ohne Stromausfall.

Elsberg: Danke! Ihnen auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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