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Tonart | Beitrag vom 02.12.2020

Newcomer*in ClaudScheinwerfer auf die inneren Zweifel

Von Hannah Heinzinger

Porträtfoto von Claud vor einem blau-grünen Hintergrund (Kristen Jan Wong)
Claud Mintz richtet den Blick ausschließlich nach innen, auf die eigenen Gefühle. (Kristen Jan Wong)

Ein Rückzugsort für alle, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen: Das ist die Musik von Claud. Schwächen und Unsicherheiten verpackt Claud in pastelligen Melodien und trifft damit im Pandemiejahr 2020 einen Nerv.

An Claud ist alles bunt und fluffig. Die Haare sind zweifarbig gefärbt: die linke Seite blau, die rechte hellgrün. Clauds Musik hüpft so gut gelaunt neben einem her, wie ein Kind, dem man gerade ein Eis versprochen hat.

In letzter Zeit hat Claud Mintz (21) viel von sich hören lassen: Claud ist das erste Signing auf dem von Phoebe Bridgers gegründeten Label "Saddest Factory". Mit Freundin Clairo hat Claud gerade eine neue Band namens "Shelly" gegründet. Beide haben Music Industrie studiert und nach einem Semester das Studium wieder geschmissen. Seitdem macht Claud Musik – und in der geht es ziemlich schonungslos um die eigenen Unsicherheiten und Schwächen.

"Über meine Schwächen zu singen, ist wie Therapie für mich", so Claud. "Dabei muss ich einfach brutal ehrlich sein. Das hilft mir, mit Situationen klarzukommen, in denen ich irgendwie feststecke."

Brutale Ehrlichkeit als Therapie 

In den Songtexten arbeitet Claud die inneren Bremsklotz-Gefühle auf, während der Sound dabei immer positiv bleibt. Inspiriert von Bands wie The XX oder Tegan & Sara verpackt Claud das Thema Außenseitertum in trockene Beats und eingängige Synthesizermelodien.

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Gerade im Pandemiejahr 2020 trifft das einen Nerv: Während die Stimmung allgemein gedrückt ist, macht Claud Musik, die den Scheinwerfer auf die eigenen, vermeintlichen Schwächen richtet, und ihnen so den Schrecken nimmt.

Schreckliche Situationen mit fröhlicher Melodie

"Mit einer fröhlichen Melodie kann ich meine Botschaft besser rüberbringen. Ich kann mich im Alltag nicht ständig in meiner Traurigkeit suhlen, das Leben geht trotzdem weiter. Warum sollte also der Beat aufhören, nur weil ich traurig bin?"

Vor allem bei Konzerten amüsiert sich Claud gerne über diese Diskrepanz: "Ich finde es ziemlich lustig, wenn ich auf einem Konzert über eine schreckliche Situation singe, die mir passiert ist, und die Leute singen, tanzen und lachen einfach."

Liebe und Beziehungen sind ein wiederkehrendes Thema in Clauds Songs. Immer geht es um Sehnsucht und Verletzlichkeit. Das Thema Liebe hat Claud schon immer fasziniert:

"Meine Eltern waren nie verheiratet. Von klein auf habe ich sehr genau beobachtet, wie sie ständig in wechselnden Beziehungen waren. Als ich dann selbst meine ersten Beziehungen hatte, habe ich auch diese total überanalysiert. Ich liebe einfach die Liebe. Ständig schreibe ich drüber und denke über sie nach. Aber ich habe trotzdem keine Ahnung, was Liebe wirklich ist."

Ein Song hat Clauds bisheriger Karriere einen besonders großen Schub gegeben: In "Wish you were gay" wird erzählt, wie unglücklich es machen kann, als queere Person in eine Frau verliebt zu sein, die nur auf Männer steht.

Der Song war für Claud ein Befreiungsschlag, andererseits hat er auch dafür gesorgt, dass Claud jetzt in einer Schublade steckt, aus der man so schnell nicht mehr rauskommt. Im Internet wird der Song als Hymne der LGBTQI*-Community gefeiert.

Viele bezeichnen Claud neben Clairo, Girl in Red und King Princess als eine der aktuell wichtigsten queeren Stimmen im Pop. Ein Label, auf das Claud seitdem oft reduziert wird.

Queerness nicht zum Label machen

"Es nervt und es ist frustrierend. Die Absicht dahinter ist, queere Musiker*innen hervorzuheben, aber gleichzeitig wird uns dadurch ein Stempel aufgedrückt. Wenn ihr queeren Musiker*innen eine Plattform geben wollt, dann macht es doch einfach. Man muss dazu nicht alles über unsere Sexualität oder unser Geschlecht wissen", so Claud.

Claud richtet den Blick ausschließlich nach innen, auf die eigenen Gefühle. Die Songs sind ein Rückzugsort, für alle, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Aber Claud macht Queerness nicht zur politischen Parole. Diversität ist hier nicht nur okay, sondern einfach ganz normal.

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