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Tonart | Beitrag vom 20.01.2021

Newcomer der Woche: LicePunk, aber ohne Protest

Von Christine Frank

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Die Band Bristol steht mit einer überdimensional großen Plattenkamera in einem Steinbruch (Rowan Allen)
Bereits vor ihrem Debüt bekannt: die Avantgarde-Punk-Band Lice aus Bristol. (Rowan Allen)

Bristol ist die Heimat des TripHop, Massive Attack und Portishead wurden hier groß. Zuletzt sorgten vor allem Bands der DIY-Szene wie die Idles für volle Clubs. Jetzt erscheint das Debütalbum der Idles-Freunde Lice. Und das ist rundum gelungen.

Ein mächtiger Herrscher, der die Menschheit zerstören will, ein Whistleblower, dazu Zeitreisende und ein sprechender Penis – das sind die Figuren auf "Wasteland", dem Debütalbum der Band Lice aus Bristol. Ein brachiales Post-Punk-Konzeptalbum, das in einer dystopischen Science-Fiction-Welt spielt. Was dahinter steckt, erklärt Sänger Alastair Shuttleworth im Videocall: "Wir hatten einfach die Nase voll vom Punk und wollten was Neues ausprobieren."

Keine einfachen und plakativen Botschaften

Und Shuttleworth fügt hinzug: "Ich finde, dass die aktuelle Welle an politischer Punk-Musik alles zu sehr vereinfacht: Man positioniert sich klar gegen Rechts und umarmt die Linke, denn die Musikindustrie will einfache und verständliche Botschaften, die sich verkaufen. Das ist uns zu simpel. Wir versuchen eine Art moralisches Bild der Zeit zu zeichnen, in der wir gerade leben. Mit all ihren versteckten Ungerechtigkeiten, Widersprüchen und Doppelbödigkeiten. Deshalb: keine Protestsongs mehr! Wir brauchen was Neues!"

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Dass das Album von einer dystopischen Science-Fiction-Welt am Rande des Untergangs handelt, ist natürlich kein Zufall. Eine Metapher auf unsere verwirrten politischen Zeiten. Inspiration für das Album lieferten ihr Lieblingsschriftsteller, der Amerikaner Kurt Vonnegut, und ihre musikalischen Vorbilder The Birthday Party und Suicide.

Seit fünf Jahren in der Szene unterwegs

Seit fünf Jahren sind Lice in der umtriebigen DIY-Szene von Bristol unterwegs. Dort spielten sie mit Bands wie den Polit-Punks Idles und den Elektrotüftlern von Giant Swan auf selbstveranstalteten Konzerten und gründeten eigene DIY-Labels. Eine Szene, die vor allem deshalb seit einigen Jahren so prächtig wächst, weil sie sich abseits der Londoner Hype-Maschinerie entwickeln konnte, erklärt Lice-Gitarrist Silas Dilkes: 

"In London, wo sich die Musikindustrie konzentriert, werden Bands zu schnell ins Rampenlicht gezerrt. Wie so ein monetarisierter Totentanz zwischen ihnen und dem, was noch von der Musikpresse übrig ist. Man braucht sich gegenseitig und profitiert voneinander. Bei diesem Tanz trifft man sich dann irgendwo in der Mitte und geht dabei künstlerische Kompromisse ein. Wenn man aber gar nicht erst im Fokus der Musikindustrie steht, dann kann man einfach ganz in Ruhe sein Ding machen. Dadurch können überhaupt erst interessante Sachen entstehen."

Ein Debüt mit viel Zeit für Details 

Vier Jahre lang haben Lice an ihrem Debütalbum gefeilt. Sie haben ihre Instrumente selbst gebaut und sogar ein eigenes Manifest zum Album verfasst, das man locker als Theaterstück inszenieren könnte. So viel Zeit und Detailverliebtheit hätte ihnen die schnelllebige Londoner Szene wahrscheinlich nicht gelassen, sagt Sänger Alastair Shuttleworth, und beschwört nochmal den Indie-Spirit der Bristoler Szene: 

"Das Album entstand an vielen Wochenenden, an denen wir buchstäblich im Club 'The Old England' in Bristol gewohnt haben. Um den Club herum entstand eine unglaubliche, vitale, hingebungsvolle Szene. Und nur da konnte auch unser Album entstehen, weil wir dort dauernd mit unglaublich experimentierfreudigen Menschen und mit aufregender, gefährlicher Musik umgeben waren. Das hat uns total inspiriert."

Die Liebe zum Detail, ihre Weiterentwicklung des Bristoler Post-Punk-Sounds und geradezu szenische Texte – all das hört man "Wasteland" an. Es ist ein Album, das beklemmt und verstört und damit der perfekte Soundtrack für diese eingeklemmte Zwischen-Zeit ist - eines der ambitioniertesten Debütalben der letzten Monate.

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