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Im Gespräch | Beitrag vom 01.11.2018

New Yorker Künstlerin Bettina WitteVeen"Es geht darum zu erkennen, warum wir Krieg haben"

Moderation: Ulrike Timm

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Bettina WitteVeen, Künstlerin, in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Weißer Pullover und unscharfer Hintergrund. (picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)
Bettina WitteVeen: "Wir leben in einer Zeit des großen Umbruchs." (picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Ihre Kindheit war geprägt von Gesprächen der Eltern über den Krieg. Später ging Bettina WitteVeen von Mannheim nach New York. Sie wurde erst Bankerin, dann Künstlerin. Ihre Kunst zeigt sie an Orten, die von Zerstörung, Krieg und Gewalt erzählen.

Im ehemaligen sowjetischen Militärareal in Wünsdorf bespielte sie gespenstisch leere Räume, in einem historischen Militärkrankenhaus in New York stellte sie Aufnahmen von Soldaten aus. Die Kunstprojekte von Bettina WitteVeen sind an symbolträchtigen Orten angesiedelt und beschäftigen sich mit Krieg. Jetzt ist der letzte Teil ihres Zyklus' "Das Herz der Finsternis" in Berlin zu sehen. 

Ihre Eltern waren vom Krieg traumatisiert, und in Bettina WitteVeens Kindheit wurde ständig darüber gesprochen. Der Vater war an der Ostfront gewesen, die Mutter erzählte immer wieder von ihren schrecklichen Erlebnissen bei der Bombardierung Mannheims. Sie sagt:

"Ich kannte den Begriff nicht, aber generationsübergreifende Traumatisierung, das hat auf mich schon zugetroffen. Ich habe mich mit vielen Leuten auch meines Jahrgangs darüber unterhalten, und da scheint es zwei Kombinationen zu geben: die eine, wo darüber nie gesprochen wurde, und die andere, wo darüber nur gesprochen wurde. Und ich habe später auch gelernt, dass traumatisierte Menschen entweder gar nicht oder obsessiv nur darüber sprechen."

Der Spirit von Amerika

Der Krieg wurde später zum Thema ihrer Kunst. In Mannheim, wo Bettina WitteVeen 1958 geboren wurde, hielt sie es nicht lange aus. Zu bleiern die Atmosphäre im späten Nachkriegsdeutschland. Nach dem Abitur ging sie in die USA – ein Traumziel: "Zum einen würde ich sagen, was für meine ganze Generation gilt: die Musik, auch die großen Freiheitsbewegungen. Ich war total beeindruckt von Martin Luther King. Ich war fasziniert von den nordamerikanischen Indianern. New York erschien mir als der Höhepunkt der Welt. Aber ich hatte einfach das Gefühl, der Spirit, der damals von Amerika ausging, dieses Gefühl von Liberalität und Freiheit, man selbst sein zu können."

In den USA fand sie eine neue Heimat. Sie begann als Bankerin in einem großen Finanzunternehmen, bevor sie sich als Autodidaktin der Kunst zuwandte. Die Themen der Kindheit holten sie wieder ein. In ihren Installationen erforscht sie Zusammenhänge zwischen Kunst, Historie und Fortschrittsideologie:

"Es geht darum zu erkennen, warum wir Krieg haben", sagt die politisch engagierte Bettina WitteVeen. "Ich versuche, mit dieser ganzen Thematik sehr vorsichtig und empathisch umzugehen. Es geht mir nicht um Schock, es geht mir nicht um Konfrontation. Ich ziehe eine feine Linie zwischen Schock und Mitgefühl."

Plötzlich Mutter von 93 Kindern

Seit über 20 Jahren bereist die Künstlerin und Aktivistin Länder, in denen sie Militäranlagen, Schlachtfelder, Umerziehungslager oder Gedenkstätten fotografiert, sucht weltweit nach Orten, die von Zerstörung, Krieg und Gewalt erzählen. Manchmal haben ihre Reisen ungeahnte Folgen: Als sie in Kambodscha nach solchen Orten suchte, stieß sie auf ein Waisenhaus, das vor dem finanziellen Ruin stand. Die Deutsch-Amerikanerin und ihr Mann, die selbst ein privilegiertes Leben führen können, nahmen das als Gelegenheit, zu helfen – und wurden zu Eltern von 93 Kindern:

"Wie es im Leben so ist, Sie sehen sich plötzlich konfrontiert mit etwas und Sie denken: 'Ok, jetzt kann ich hier einsteigen, oder ich mache es nicht. Wenn ich es aber mache, dann muss ich es auch richtig machen.' Und wir wurden konfrontiert mit diesem Kinderheim, das gerade seinen Sponsor verloren hatte. Und dann habe ich 'nen ganz großen Whiskey getrunken, und hab gesagt: 'Okay, wir übernehmen das!' Wir wurden sozusagen die rechtlichen Eltern. Wir werden auch als Mutter und Vater bezeichnet, und wir sehen uns auch als echte Eltern an."

In Berlin stellt Bettina WitteVeen derzeit den fünften Teil ihres Zyklus' "Das Herz der Finsternis" in der Seitenkapelle der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche aus. "11.11.18 Dämmerung" erinnert an das Ende des Ersten Weltkriegs. Aber nicht nur das.

"Bei meinen Arbeiten gibt es einen anderen Zeitverlauf. Und den 11.11.18 habe ich bewusst gewählt, um auf Parallelen und Nicht-Parallelen einzugehen, die heute bestehen. Wir leben ja auch in einer Zeit des großen Umbruchs. Die bipolare Welt des Kalten Krieges kommt zu Ende, das amerikanische Jahrhundert kommt zu Ende, das mit dem Eintritt der USA im Ersten Weltkrieg begann und das jetzt mit dem Austritt aus vielen internationalen Bündnissen der USA zu Ende geht. Es stellt diese Fragen. Deshalb auch das Wort 'Dämmerung', was zweiseitig ist. Es ist ja Morgendämmerung und Abenddämmerung. Also was geht gerade auf, und was geht gerade unter?"

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