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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.11.2016

"New Yorker" im HöhenflugEine Stimme gegen Furcht und Hass

Von Jürgen Kalwa

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Der "New Yorker" hat auch mit provokanten Covern auf sich aufmerksam gemacht: Hier sind Michelle und Barack Obama als muslimische Kämpfer zu sehen (picture alliance / dpa / Abaca Charles Guerin)
Der "New Yorker" hat in der Vergangenheit auch mit provokanten Covern auf sich aufmerksam gemacht: Hier sind Michelle und Barack Obama als muslimische Kämpfer zu sehen (picture alliance / dpa / Abaca Charles Guerin)

Nach dem Wahlsieg von Donald Trump entwickelt sich das amerikanische Magazin "New Yorker" zu einer intellektuellen Plattform für Widerspruch. Kein Vergleich zu jener Zeit, als Schriftsteller die Überwachungspraktiken der NSA mit seltsamem Schweigen quittierten.

Es ist ein gediegenes Magazin, das seit 1925 im Wochentakt  erscheint – mit einem eigenwilligen, aber feinsinnigen Mix aus Reportagen, Kurzgeschichten, Gedichten, Filmkritiken und Cartoons. Seine Leistung besteht jedoch nicht darin, mit dieser Mischung alt geworden zu sein - sondern auch noch im hektischen Medienalltag von heute als relevant wahrgenommen zu werden.

Während anderswo überall gespart wird, gibt es beim New Yorker auch weiterhin einen Stab aus legendären "Fact Checkern", die vor einer Veröffentlichung jede Information überprüfen. Und jene extrem pingelige Mitarbeiterin mit dem Spitznamen "Comma Queen", die Orthographie und Interpunktion bis zum letzten Satzzeichen kontrolliert.

Um so erfolgreich wie der New Yorker zu sein – auf Twitter folgen der Redaktion inzwischen fast 7 Millionen Menschen, 20 Millionen besuchen jeden Monat die Webseite - braucht man eine politische Haltung. Und prompt artikulierte Chefredakteur David Remnick im Fernsehsender CNN nach der Wahl von Donald Trump:

"Du glaubst, du halluzinierst"

"Du glaubst, du halluzinierst, wenn du hörst, wie er normalisiert wird. Als sei er kein Sexist, kein Rassist, als würde er nicht Angst unter Weißen schüren, als verstünde er wirklich alles in der Politik und als würde er sich mit seiner Art zu reden in einem akzeptablen Rahmen bewegen. Ich fürchte um unser Land."

Eine Angst, die Remnick mit dem scheidenden Präsidenten zu teilen scheint. Er hatte Barack Obama noch vor und gleich nach der Wahl exklusiv interviewt.

"Als Journalist hätte ich gerne die Abschrift von dem, was in den Köpfen von Barack Obama und Donald Trump vor sich geht. Wenn du Trump beobachtet hast, so wie Obama das getan hat, dann bist du beunruhigt ..."

... sagte Remnick dem Sender National Public Radio:

"Beunruhigt über das eigene Vermächtnis, egal ob im Gesundheitswesen oder beim Atomwaffenvertrag mit dem Iran. Oder was die innere Disposition des neuen Präsidenten angeht."

Zumindest um eines muss man sich wohl derzeit keine Sorgen machen: In den drei Tagen nach der Wahl von Donald Trump entschieden mehr als 10.000 Amerikaner, den New Yorker neu zu abonnieren. Ein Effekt, den auch andere trumpkritische Publikationen erlebten.

Im aktuellen Heft steuern 16 profilierte Autoren Texte bei, die nicht nur ausgeruht klingen, sondern in ihrer Bandbreite viele Fragen ansprechen, die die die Trump-Wahl aufgeworfen hat.

Vielleicht der beste Text in dieser Anthologie: eine kantenscharfe Betrachtung der inzwischen 85-jährigen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. Sie sah im Ausgang der Wahl vor allem eines: den Reflex derjenigen weißen Amerikaner, die es als absolute Provokation empfinden, dass acht Jahre lang der schwarze Politiker Barack Obama im Weißen Haus das Sagen hatte. Zum Spektrum ihrer Reaktionen gehört die auf Videos dokumentierte massive Brutalität von Polizisten, angeblich starke weiße Männer, die bereit sind, aus purer Furcht "ihre Menschlichkeit preiszugeben”, und "ihren Sinn für Würde aufzugeben”.

Der Text war ein deutliches Echo auf Einschätzungen, die Morrison schon vor längerem in einem Fernsehinterview formuliert hatte. Die Deformation des weißen Amerika diagnostizierte sie als eine psychische Krankheit.

Tief sitzende Neurose

"Das ist eine tief sitzende Neurose, die niemand untersucht. Es fühlt sich verrückt an und ist verrückt. Weiße haben ein sehr, sehr großes Problem und sollten darüber nachdenken, was sie dagegen tun können. Was passiert, wenn man dir deinen Rassismus wegnimmt, und dir bleibt nur dein kleines Ich? Taugst du dann noch etwas? Bist du immer noch klug? Magst du dich dann noch selbst?”

Dass der New Yorker nicht nur Stoff für Cocktail-Parties und eskapistische Lektüre fürs Wochenende oder den Strandurlaub bietet, ist nichts Neues. Die Überraschung ist eher Morrisons Tonalität - und die der anderen Intellektuellen. Kein Vergleich zu jener Zeit vor drei Jahren, als Schriftsteller die illegalen Überwachungspraktiken der NSA mit seltsamem Schweigen quittierten.

Damals versuchte die Schriftstellerin und ehemalige Präsidentin des PEN American Center, Francine Prose, das so zu erklären:

"Es gibt viele Gründe, warum man von uns nichts hört. Niemand ist sich sicher, was man tun und wo man anfangen soll. Es gibt so viele Probleme. Das überwältigt Menschen. Ich und noch mehr die jüngeren Autoren – wir sind ein wenig desillusioniert, wenn es darum geht, etwas zu tun.”

Das dürfte sich angesichts des Erfolgs von Donald Trump nun bald ändern. Der New Yorker produziert mittlerweile täglich Material, das sich konsequent kritisch mit der neuen Lage im Land auseinandersetzt und veröffentlicht es auf seiner Webseite. Die besondere Leistung der Redaktion: Anders als bei so vielen Internet-Ablegern von politischen Wochenmagazinen wirkt dies alles wie aus einem Guss: die Nachdenklichkeit genauso wie die Sprachkultur.

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