Figurentheater-Festival FIDENA

    Auch Puppen treibt der Zeitgeist

    05:09 Minuten
    Eine Figur einer alten halbnackten Frau an Marionettenseilen hängend.
    In Ronnie Burketts "Forget me not" bestimmt das Publikum die Handlung mit. © FIDENA / Dahlia Katz
    Von Stefan Keim · 07.05.2022
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    FIDENA ist das hierzulande wichtigste Figurentheaterfestival. Nach vier Jahren Pause werden in Bochum, Hattingen und Recklinghausen wieder internationale Produktionen des Objekt- und Puppentheaters gezeigt. Wir stellen herausragende Produktionen vor.
    Das FIDENA-Festival ist mit der Produktion Pinocchio (Live) #2 der französischen Szenografin und Regisseurin Alice Laloy und ihrer Kompanie S'Appelle Reviens gestartet. In dem Stück geht es allerdings nicht um den klassischen Pinocchio, der davon träumt, ein Junge und keine Puppe mehr zu sein. Der Weg wird umgekehrt: Aus Kindern werden Puppen. Es geht um die Frage, wie wir mit unseren Kindern umgehen, welchen Zwängen sie unterworfen sind und wie sie funktionieren müssen. Eine beeindruckende und beängstigende Performance.
    Die Aufführung beginnt ganz entspannt. Kinder und Jugendliche treffen sich auf der Spielfläche. Dann rollen Menschen in Schutzanzügen OP-Tische herein. Die jungen Leute bekommen Masken aufgesetzt und werden zu Puppen umgearbeitet. Bald sehen sie mit gelber Mütze und starrem Blick alle wie Pinocchio aus.
    Annette Dabs, die Festivalleiterin der FIDENA, sagt: "Wenn Kinder und Jugendliche dermaßen manipuliert werden und auch zu Dingen, zu Puppen gemacht werden, dann sind das sehr irritierende Momente, bei denen wir manchmal vielleicht sogar an den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen denken.“
    Doch im Stück läuft es nicht so, wie es sich die Erwachsenen vorstellen. Die Pinocchios beginnen zu tanzen, zeigen ein gruseliges Ballett. Sie erobern sich ihre Autonomie zurück, ziehen sich schließlich die Masken von den Gesichtern und werden wieder Menschen.

    Das Puppenspiel bleibt eine prekäre Szene

    Das Puppentheater hat in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen. Das liegt auch daran, dass Figuren keinen Kontaktbeschränkungen unterlagen. Auch während der Lockdowns durften sich Puppen auf der Bühne berühren und agierten oft stellvertretend für Schauspiel- und Gesangsensembles. Doch die Pandemie hat auch negative Folgen, sagt Annette Dabs. "Es gibt ein paar kleine Gruppen, die es tatsächlich nicht überlebt haben. Sie mussten aufgeben, und die Mitglieder haben andere Jobs angenommen, um Geld zu verdienen. Die Puppenspielszene ist eine prekäre Szene, da darf man sich nicht irren."
    Die FIDENA zeigt nun die kreative Kraft des Figurentheaters. Oft mit immersiven Aufführungen. Der Kanadier Ronnie Burkett zum Beispiel verteilt seine Puppen an das Publikum, das dann mit ihnen spielen soll. Niemand weiß genau, was in seinem Stück "Forget me not" passieren wird.
    "Es kommt ganz wesentlich darauf an, wie sich das Publikum auf diese Atmosphäre und auf das Spiel einlässt", sagt Annette Dabs: Wenn das Publikum bestimmte Angebote macht, wird er sie nicht ausschlagen. Er macht auch Angebote. Dann wird man sehen, wie jeder Einzelne damit umgehen mag."

    Genderfragen auch unter Puppen

    Es gibt kein Video dieser Aufführung, nicht einmal Fotos. Es zählt nur, was am Abend selbst konkret passiert. Auch was in Dries Verhoevens Installation "Guilty Landscapes" geschieht, wird nicht verraten. Nur so viel: Ein Mensch geht allein in den Raum hinein, es dauert knapp zehn Minuten und es wird spooky.
    Das Figurentheater präsentiert sich ästhetisch wie inhaltlich auf der Höhe der Zeit. Auch Genderfragen sind in der Szene ein heiß diskutiertes Thema, erzählt Annette Dabs: "Es geht ganz viel um Körperbilder. Dadurch, dass man sich die Figur ja selbst baut, mit der man spielen will, geht es auch immer um die Frage: Was ist das für eine Figur? Wenn ich beispielsweise eine weibliche Figur baue, aber ein Mann bin, der sie manipuliert, was ist das dann?"

    Forschen und spielen

    Ein besonders ungewöhnliches Projekt der FIDENA ist die Stachanow-Bar. Sie ist benannt nach einem Helden der Arbeit aus der Sowjetunion, der Arbeitsprozesse stark optimiert und die Produktivität enorm gesteigert hat. Stefanie Oberhoff und ihr Team besetzen dafür das Pumpenhaus neben der Bochumer Jahrhunderthalle. In der Bar soll mit Nähmaschinen und Schweißgeräten gearbeitet werden. Wichtig dabei ist: Die Arbeitsprozesse sind optimiert.
    Das Publikum kann mitmachen oder zuschauen oder sich mit den Puppenmacherinnen unterhalten. Es gibt Getränke, Musik, mal live, mal legt jemand auf, eine Mischung aus Werkstatt, Performance und Party. Falls es Aufführungen gibt, wird das spontan bekanntgegeben.
    Stefanie Oberhoff, die mit dem Stück "Punch Agathe" vor und während der Pandemie einen internationalen Erfolg landete, hat ein Ziel: "Unser Traum ist es, animierbare Ballons, also Figuren am Himmel zu bauen. Wir haben jetzt schon gesehen, dass das alles gar nicht so einfach ist." So ist die FIDENA in diesem Jahr nicht nur ein Festival, um Figurentheater zu zeigen, sondern auch ein Ort, an dem neues Figurentheater entsteht.

    FIDENA – Festival für Figurentheater und Puppenspielkunst
    Spielstätten in Bochum, Hattingen und Recklinghausen
    7. bis 18. Mai 2022

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