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Interview | Beitrag vom 04.12.2018

Neurowissenschaftlerin über Fake NewsWarum wir lieber Lügen glauben als Statistiken

Franca Parianen im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Frau sitzt auf einem Sofa und liest die Zeitung "The Daily Fake News". (Unsplash / rawpixel)
Verschwörungstheorien halten näherer Betrachtung meist nicht stand. Trotzdem sind wir gerne bereit, ihnen aufzusitzen. Neurowissenschaftlerin Franca Parianen erklärt, warum. (Unsplash / rawpixel)

Weshalb sind Menschen so anfällig für Verschwörungstheorien, wenn der Verstand sie mühelos eines Besseren belehren könnte? Es sei ein wenig so wie mit Alkohol, sagt die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen: Man fühle sich zunächst besser.

US-Präsident Donald Trump verkündete die steile These: Der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Eine Verschwörungstheorie, die etliche US-Bürger sofort aufgriffen und in den sozialen Medien diskutierten. Warum haben es dagegen gesicherte Fakten und Statistiken im digitalen Zeitalter so schwer, noch durchzudringen? Warum halten wir, deren Verstand es eigentlich besser wissen müsste, reißerische, pessimistische Nachrichten oft für glaubwürdiger als positive?

Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen hat das Phänomen untersucht und ein Buch darüber geschrieben  – "Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?" Sie sagt: Menschen machten sich deshalb gerne selbst etwas vor und versuchten, sich Dinge schön zu reden oder Lügen für wahr zu halten, weil das in einer bestimmten (Not)Situation gerade helfe und dem gekränkten Ego gut tue. Verschwörungstheorien erfüllen diesen Zweck offenbar auch.

Wer positiv für etwas eintritt, macht sich angreifbar

Parianen erforscht zurzeit an der Universität Utrecht den Ursprung und Aufbau des menschlichen Zusammenlebens auf der Ebene der Neuronen und Hormone. Dass Menschen eher schlechten als guten Nachrichten Glauben schenkten, sei ein weit verbreitetes Phänomen. Denn trete man selbst für gute Nachrichten ein und mache deutlich, dass man an etwas glaube, "macht man sich damit angreifbarer", sagt Parianen. "Es ist zum Beispiel relativ einfach zu sagen, ich boykottiere eine bestimmte Supermarktkette, denn: 'Habt ihr nicht in den Nachrichten gesehen, wie die ihre Mitarbeiter behandeln!' Dagegen würde niemand etwas einwenden. Wenn ich aber sage, ich kaufe Fair-Trade-Produkte, dann sagen die Leute: 'Moment, du glaubst doch nicht wirklich, dass das da ankommt?'".

Absurde Thesen werden nicht hinterfragt

Fake News und Verschwörungstheorien funktionierten auch deshalb so gut, weil man sich zwar darüber aufrege, das Thema jedoch nicht wirklich mit kritischen Gegenfragen vertiefe. Ein gutes Beispiel sei ein Vorschlag Bayerns, Deutschland mit einem Grenzzaun gegen Flüchtlinge abzuschotten. Eine gute Möglichkeit, die Absurdität des Vorschlags zu entlarven, wäre gewesen, scheinbar ernsthaft darauf einzugehen: "Und was machen wir mit diesem Grenzzaun in der Nordsee? Geht der auch durch das Wattenmeer oder um das Wattenmeer herum?" Doch dies - die Argumente auf die Spitze zu treiben - sei nicht passiert. Und passiere auch aktuell viel zu selten.

Deshalb auch seien Populisten, die sich auf bestimmte Verschwörungstheorien konzentrierten, bei vielen Menschen, die sich selbst abgehängt fühlten, erfolgreich. Parianen: "Das ist dann so ein bisschen eine Lösung wie Alkohol. Das macht alles nur noch schlimmer, aber es hilft für den Moment." 

Franca Parianen, "Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?"
Rowohlt, 2017, 352 Seiten, 14,99 Euro


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Es gibt natürlich Fake News, die nur sehr schwer als solche zu identifizieren sind, aber auch ziemlich offensichtliche Lügen, die öffentlich verbreitet werden, haben es manchmal recht leicht, geglaubt zu werden. Woran das liegt, das wollen wir in unserer Reihe zu Fakes und Fakten jetzt mit Franca Parianen klären. Sie forscht zum Ursprung des menschlichen Zusammenlebens auf der Ebene von Neuronen und Hormonen an der Universität Utrecht. Sie ist Science-Slammerin und Autorin des Buches "Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre was ich sage?", das im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Schönen guten Morgen, Frau Parianen!

Franca Parianen: Schönen guten Morgen!

Kassel: Hat es eigentlich, um mal wirklich in medias res zu gehen, hat es eigentlich fürs menschliche Gehirn irgendeinen Vorteil, Lügen manchmal absichtlich für wahr zu halten?

Parianen: Ja, schon. Das ist besonders immer die Situation, wenn uns die Lüge leichter fällt zu akzeptieren als die Wahrheit. Es gibt so Situationen, in denen tendieren wir zu so einer Art Notfalldenken. Das ist genau das denken, was wir brauchen, um uns in dem Moment über Wasser zu halten. Zum Beispiel, wenn unser Ego gekränkt ist, dann tendieren wir zu so ganz vielen schönen Mechanismen, die uns helfen, das Ganze gar nicht als ganz so kränkend wahrzunehmen, zum Beispiel, dass das eigentlich gar nicht in unserer Kontrolle lag oder dass jemand anderes Schuld ist.

Kassel: Aber was heißt das, belügen wir uns dann auch selbst oder wissen wir eigentlich schon, dass wir es mit Unwahrheiten zu tun haben und geben das nur nach außen hin nicht zu?

Spielt das Lieblingsteam schlecht, brauchen wir Schokolade

Parianen: Wir belügen uns schon selbst, das kann man schon so sagen. Man kann auch sagen, dass wir vielleicht in einem wacheren Moment, wo wir ein bisschen drüber hinweggekommen sind, dass es dann auffällt, oh, da habe ich jetzt aber die Schuld auf jemand anderes geschoben. Kennt man ja auch, dass nach einem Streit manchmal merkt, huch, was habe ich denn da gesagt, das hätte man auch eigentlich ganz anders verstehen können, aber es ist schon so, dass wir dazu durchaus tendieren, uns da was vorzumachen in der Situation. Das sind ganz simple Mechanismen. Also wenn wir zum Beispiel selber in einem Test schlecht abgeschnitten haben, dann identifizieren wir uns danach stärker mit unserer Fußballmannschaft, und wenn unsere Fußballmannschaft schlecht gespielt hat, dann essen wir danach mehr Schokolade.

Kassel: Obwohl das müssen Sie erklären. Wenn unsere Fußballmannschaft … Also nehmen wir mal an, ich bin jetzt Fan der Bayern, da ist, sage ich mal, egal, wie sie spielen, man ist immer entsetzt wegen dem, was sie rundherum sagen – ich bin jetzt nicht Fan der Bayern, das ist jetzt eine Hypothese, eine Arbeitshypothese –, esse ich nachher mehr Schoko…

Parianen: Auch schön, dass Sie das wichtig finden, das so klarzustellen!

Kassel: Ja, finde ich auch. Ich will hier nicht in den Hoeneß-Topf geworfen werden, aber in den Honigtopf vielleicht, weil Sie gerade gesagt haben, mit der Schokolade. Jetzt noch mal kurz ernsthaft: Wieso esse ich Schokolade, wenn meine Lieblingsmannschaft verloren hat?

Parianen: Das ist eben diese Kränkung fürs Ego, und das ist etwas, womit unser Gehirn gar nicht gut klarkommt. Wir haben schon eigentlich gerne das Gefühl, dass wir die Tollsten und Besten sind. Und wenn wir auf einmal mit so einer Kränkung klarkommen müssen, dann zeigen wir also unsere übliche Stressreaktion: Schokolade, Herzklopfen, alles, was uns tröstet.

Kassel: Jetzt versuche ich gerade die Übertragung hinzukriegen zu wirklich dem Thema Fake News in den Medien. Wir kommen da, glaube ich, am besten auf das zurück, was Sie ganz am Anfang gesagt haben. Also denke ich mir dann auch, wenn ich eigentlich wissen könnte, etwas ist unwahr, es ist wahr, wenn es mir halt guttut, wenn es irgendwie besonders gut in meinen Kram passt, was ich da lese oder höre?

"Wir verstehen die Welt um uns nicht mehr"

Parianen: Ja, genau, schon. Also es gibt so eine Art Grundbedürfnis, die wir haben. Das ist diese Vorstellung, dass wir zu irgendeiner Gruppe gehören – zu einer guten Gruppe auch noch, wir wollen ja ein positives Selbstbild haben –, dass wir die Welt um uns herum verstehen können, dass wir die Welt um uns herum kontrollieren können, und wenn diese Grundbedürfnisse eben nicht erfüllt sind, dann tendieren wir dazu, Sachen zu glauben, die uns wieder die Möglichkeit geben, uns genau so zu fühlen. Also wir wollen uns wieder zugehörig fühlen, dann finden wir eben eine Gruppe, zu der wir dazugehören, die plötzlich ganz wichtig ist. Wir verstehen die Welt um uns nicht mehr, dann erfinden wir halt eine Verschwörungstheorie oder glauben einer Verschwörungstheorie, das uns das Gefühl gibt, wir verstehen sie sogar besser als alle andere, und wir haben die Welt nicht mehr so richtig in Kontrolle, und dann bilden wir uns eben auch ein, dass wir sie doch in Kontrolle hätten, wenn wir uns ein schönes Aluhütchen aufsetzen oder uns gut vor Chemtrails verstecken.

Kassel: Ist das heute einfacher als früher, weil man ja durch das Internet auch bei den verrücktesten eigenen Ansichten immer das Gefühl bekommen kann, das ist ganz normal, es gibt ja viele andere, die genauso denken wie ich?

Parianen: Sicherlich. Also wir wollen uns ja darin bestätigen und suchen dann auch ganz gezielt diese Information, und die Möglichkeit, gezielt Information zu suchen ist natürlich durchs Internet toll gegeben, und zusätzlich sorgt das Internet ja noch mal dafür, dass diese Belastung, diese Situation, wo wir die Welt nicht verstehen und kontrollieren können, noch vielleicht ein bisschen stärker wird, weil wir die ganze Zeit bombardiert werden mit schlechten Nachrichten, mit emotionalen Nachrichten, mit denen wir umgehen müssen, und es bietet eben diese billigen Lösungen dafür. Aber man muss natürlich auch sagen, dass das Internet ein Ort ist, wo ich mich auch sinnvoll informieren kann, wo ich Möglichkeiten habe, mitzubestimmen und vielleicht meinen Abgeordneten zu erreichen oder sowas. Also es hat eigentlich beide Potenziale. Die Frage ist, wie wir damit umgehen.

Statistiken lösen mehr Abwehr aus als Fake News

Kassel: Sie haben gerade, Frau Parianen, in einem Nebensatz was gesagt, was wir mir aufgefallen ist und was ich auch sehr erstaunlich finde: Es geht ja nicht nur um Wahrheit und Lüge bei der Frage, was nehmen wir ernst von dem, was auf uns einprasselt an Informationen, sondern Sie haben gesagt, negativ – und das finde ich ganz interessant –, es gibt ja auch positive Nachrichten, okay, das fängt bei uns Journalisten schon an, die finden wir oft nicht so spannend, aber manche werden ja auch verbreitet, und Sie kennen das doch auch, wenn jetzt gesagt wird, die Arbeitslosenquote ist gesunken, der Lebensstandard ist gestiegen auf der ganzen Welt, was tatsächlich statistisch auch stimmt, ist die Armut zurückgegangen und, und, und, dann kommt von ganz vielen Menschen grundsätzlich der Reflex, ja, das sind halt Statistiken, das hat mit der Realität und mit meiner Lebenswelt nichts zu tun. Woher kommt das, dass man – ist mein Eindruck, vielleicht bestätigen Sie das nicht – bei positiven Meldungen manchmal noch mehr zweifelt als bei negativen?

Parianen: Das stimmt. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass man sich damit angreifbarer macht. Also es ist zum Beispiel relativ einfach zu sagen, ich boykottiere die und die Supermarktkette. Da sagt niemand was, wenn man irgendwie sagt, Aldi boykottiere ich, weil habe ich in den Nachrichten gesehen, wie die ihre Mitarbeiter behandeln. Da will niemand was gegen sagen. Wenn ich jetzt aber sage, ich kaufe Fairtrade-Produkte, dann sagen die Leute auf einmal, Moment, du glaubst doch nicht wirklich, dass das da ankommt und so. Man macht sich erst mal immer sehr viel angreifbarer, indem man was Positives sagt, wenn jemand sagt, dass man an etwas glaubt, und ich glaube, wir haben so eine gewisse Tendenz dazu, Leute darin zu bestätigen, wenn sie was Kritisches sagen.

Wie stark muss man in Ideologien verstrickt sein?

Kassel: Ich habe das Gefühl, schon bei dieser kleinen Reihe, die wir haben zu diesem Thema – ist ja erst der zweite Teil heute –, dass das nicht funktioniert, ohne nicht irgendwann im Laufe der jeweiligen Gespräche Donald Trump zu zitieren. Ich glaube, das wird auch unserem Gespräch jetzt guttun, so ungern ich das zugebe. Nein, ich will wirklich auf diese ganz … Wir reden ja immer noch über Dinge, wo manch einer sagen wird, na ja, das kann man so sehen, das kann man so sehen, und die Wahrheit ist … Vieles ist ja auch nicht absolut eindeutig, manches schon, finde ich, wenn zum Beispiel Donald Trump behauptet, der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Dann fragt man sich ja eigentlich, ob er das überhaupt selber … Das ist alles nicht erfunden, das hat er selbstverständlich mehrfach gesagt. Aber wenn nun – das darf man nicht vergessen –, in Amerika, auch in Deutschland durchaus, Trump-Anhänger … Was passiert, wie stark muss man in einer Ideologie verstrickt sein, um zu sagen, das glaube ich?

Parianen: Na ja, Populismus, gerade wenn man sich eben ständig so gekränkt fühlt … Wir hatten gerade das Thema eben, diese Bedürfnisse, die nicht getroffen werden, also sich zugehörig fühlen, das Gefühl zu haben, die Welt zu verstehen und so, dann tendiert man eben noch mehr dazu, solche Lösungen zu suchen aktiv, und das ist dann so ein bisschen so eine Lösung wie Alkohol. Das macht alles nur noch schlimmer, aber es hilft für den Moment. Also Populismus verspricht uns eben, dass wir weniger hilflos sind und dass wir die Sachen mehr unter Kontrolle haben, weil wir ja ganz viel wissen, aber gleichzeitig macht es das ja schlimmer, weil die ganzen Institutionen, die uns vielleicht helfen könnten, irgendwas unter Kontrolle zu haben, wie die EU oder so, also internationale Verbünde, total schwächt, und der gibt uns das Gefühl, die Welt noch irgendwie zu verstehen, aber eigentlich wird sie viel weniger verständlich, weil jetzt brauche ich auch noch 20 Verschwörungstheorien, um alles zu erklären, was da nicht reinpasst. Auch, was die Bedrohlichkeit angeht, die Welt wird ja nur noch bedrohlicher, wenn ich auf populistischen Kanälen gucke.

Kassel: Wie geht man damit um, und zwar jetzt gar nicht die große Frage auf der politischen Ebene? Es gibt Redaktionen, die versuchen Fake News aufzuklären, aber ganz privat, privat fällt mir das auch immer schwerer, wenn man jemanden trifft, der offensichtlich etwas glaubt, was wirklich relativ leicht nachweisbar Unfug ist, der glaubt aber ganz stur daran. Wir sind alle bequem, man kann es einfach ignorieren, aber was kann man besser machen?

Die Argumente auf die Spitze treiben

Parianen: Also das Einzige was gezeigt wurde, was ganz gut funktionieren soll, ist, die Argumente eben auf die Spitze zu treiben. Merkel hat das auch mal gemacht, als es zum Beispiel um das Thema Flüchtlingskrise ging und die Frage, was machen wir denn jetzt mit der Grenze und aus Bayern dann immer wieder der Vorschlag kam, wir bräuchten doch auch einen Grenzzaun, was ja so ein bisschen ist wie Donald Trump und die Mauer, also dann wirklich zu fragen, okay, und was machen wir denn mit diesem Grenzzaun in der Nordsee, geht der jetzt auch durch das Wattenmeer oder geht der noch um das Wattenmeer herum oder wie müssen wir uns das vorstellen. Also wirklich anstatt etwas dagegenzusetzen, auf das Argument einzugehen und sagen, aber das heißt ja dann … beziehungsweise nicht mal das Aber, und das heißt ja dann …

Kassel: Interessant, ich werde es probieren beim nächsten Mal, und dann reden wir einfach wieder miteinander, und ich bespreche mit Ihnen, ob es geklappt hat oder nicht. Die Neurowissenschaftlerin und Autorin des Buches "Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre was ich sage?" war das, Franca Parianen. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Parianen: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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