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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 29.01.2021

Neujahrsfest der BäumeWie Tu bi-Schwat in Deutschland gefeiert wird

Von Teresa Schomburg

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Illustration einer Hand, die einen Baum mit Menschen drumherum hält. (IMAGO / Ikon Images / Katie Edwards)
In einer Zeit ökologischer Herausforderungen bekomme ein Fest wie Tu bi-Schwat eine größere Bedeutung, sagt Kantorin Jalda Rebling. (IMAGO / Ikon Images / Katie Edwards)

An Tu bi-Schwat feiern Juden das Neujahr der Bäume. Während in Israel zu dieser Zeit die Pflanzperiode beginnt, fällt das Fest in Deutschland mitten in den Winter - und es war hier auch in jüdischen Gemeinden lange kaum bekannt.

Eine feine Schneeschicht bedeckt den Boden, so wie es im Januar sein sollte. Sicherlich ist jetzt keine optimale Zeit, um Bäume zu pflanzen. Daher war Tu bi-Schwat hierzulande selbst in den jüdischen Gemeinden lange kaum bekannt, erzählen die Kantorin Jalda Rebling und die Künstlerin Anna Adam.

Jalda Rebling: "Solange wir in der Diaspora gelebt haben, war Tu bi-Schwat eigentlich ein Feiertag, den wir übergangen haben, also in meiner Kindheit spielte Tu bi-Schwat überhaupt keine Rolle."
Anna Adam: " Im Winter haben wir ja hier das Problem, dass es völlig sinnlos ist und eher auch schädlich, Bäume einpflanzen zu wollen."

"Über Israel ist das Fest zu uns zurückgekommen"

Jalda Rebling: "Und über Israel ist das Fest zu uns zurückgekommen und in einer Zeit, in der wir momentan bitter lernen müssen, dass wir dringend etwas für die Natur tun müssen, bekommt das Fest natürlich eine größere Bedeutung."

Die beiden Gründerinnen der kleinen Gemeinde Ohel Hachidusch haben viele Jahre in Berlin gelebt. Dort starteten sie Anfang der 2000er-Jahre erste Versuche, das Neujahrsfest der Bäume wiederzubeleben. Zunächst allerdings mit wenig Erfolg, erzählt Jalda Rebling.

"Ich erinnere mich", erzählt sie, dass wir irgendwann zu Tu bi-Schwat versucht haben, ein Bäumchen zu pflanzen, der arme Baum ist natürlich eingegangen, die vom Grünflächenamt haben uns für verrückt erklärt, aber wenn die Juden das unbedingt wollen, dann machen wir das so."

Die Feier im Garten fällt diesmal aus

Heute leben Jalda Rebling und Anna Adam in einem kleinen Dorf nahe des brandenburgischen Beelitz. Im Garten wachsen in Hochbeeten aus Upcycling-Material Kräuter wie Rosmarin oder Salbei und vieles mehr.

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Zu Tu bi-Schwat lassen sich die beiden Frauen, die Ökologie mit den Speise-Regeln der Kaschrut verbinden, Alternativen zum Bäumepflanzen einfallen. "Dass man kleine Sprossen auf Küchenpapier legt oder was oder kleinere Sachen pflanzt", sagt Jalda Rebling.

Vor Corona feierten sie das Fest gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft im Garten, erzählt Anna Adam. "Alle, die so kamen, haben Essen mitgebracht, und wir haben hier auf dem offenen Feuer eine große Suppe gemacht, und dann haben wir gemeinsam diese Paprika- und Chili-Samen in so Pflanztöpfchen getan und auch Tomaten. Da waren alle sehr aktiv und hinterher haben die meisten sich das auch mit nach Hause genommen und an der Fensterbank hochgezogen und dann ausgepflanzt."

Früchte in bestimmter Reihenfolge essen

"Tatsächlich habe ich persönlich nie ein Baum zu Tu bi-Schwat gepflanzt, sondern immer ein Tu bi-Schwat Seder gefeiert oder selber geleitet", sagt Max Feldhake.

Er ist Rabbiner bei ELES, dem Begabtenförderungswerk der Jüdischen Gemeinschaft, steht in dessen Garten in Berlin. Hier wachsen neben Rosenbüschen und Lavendel auch Obstbäume, doch die sind jetzt natürlich kahl. Statt Blättern hört man Autos und Busse über die benachbarte Haupt-Verkehrsstraße rauschen.

"Das eigentliche Pflanzen ist nicht ganz so im Vordergrund", erklärt er. "In Israel - auch zum Teil aus zionistischen Gründen – will man heute das Land schon aufforsten, wieder fruchtbar machen und Wälder da aus dem Boden stampfen. Aber für uns in der Diaspora ist das etwas weniger wichtig. Was wichtig ist, ist ein Tu bi-Schwat Seder."

Seder bedeutet "Ordnung". Denn bei dem Fest werden Früchte in einer bestimmten Reihenfolge gegessen, darunter Früchte mit Schale, Früchte mit Kern und solche, die man ganz essen kann.

Statt Granatapfel, Datteln oder Feigen, können in Deutschland aber auch Äpfel oder Birnen verzehrt werden. "Und die Kabbalisten, also die jüdischen Mystiker, haben dann dem Verzehr und dem Genuss dieser Früchte mystische Qualitäten zugeschrieben", sagt Max Feldhake.

Erst der Baum, dann der Messias

Bäume spielen aber auch jenseits von Tu bi-Schwat eine wichtige Rolle im Judentum, erzählt Max Feldhake:

"Es gibt unzählige Geschichten aus der rabbinischen Literatur, die Bäume thematisieren, zum Beispiel: Man pflanzt einen Baum, und einer kommt vorbei und sagt: Der Messias ist gekommen, der Meschiach. Was soll man tun? Man soll zunächst den Baum zu Ende pflanzen und danach den Messias begrüßen."

Wenn in Israel zu Tu bi-Schwat Bäume gepflanzt werden, hat das auch den Effekt, dass sich ihr Alter gut zählen lässt. Denn die Früchte sollen der Tora zufolge erst nach dem dritten Jahr geerntet werden, damit der Baum in Ruhe wachsen kann.

Diese Regeln erklärt ein Tu bi-Schwat-Lied des jüdischen und interkulturellen Puppentheaters Bubales auf spielerische Weise in einem Dialog zwischen einem hungrigen Schaf und seinem Bauern:

"Mäh, jetzt ist es schon zwei Jahre alt
Bald wird daraus ein ganzer Wald
Nur diesen Wald haben wir auch nur
Weil wir beschützen die Natur."

"Tu bi-Schwat ist ein Fest, an dem man sich wieder daran erinnert, dass Menschen eine Symbiose mit der Natur sind", sagt Shlomit Tripp, Künstlerische Projekt-Leiterin von Bubales. Das Lied entstand für eine Kurzfilmserie zu jüdischen Feiertagen anlässlich des Veranstaltungsjahres 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. "Letztendlich ist es mit dem Bäumepflanzen ja auch noch nicht getan, es geht ja auch darum, wie die Bäume später behandelt werden", sagt sie.

Eine persönliche Beziehung zur Natur aufbauen

Ähnlich sieht das auch Helene Braun, die jüdische Theologie an der Universität in Potsdam und liberales Rabbinat am Abraham Geiger Kolleg studiert. "Was können wir tun an Tu bi-Schwat? Ich denke, wie wir es gerne an Neujahr tun – ob jetzt an Rosh-ha-Shanah oder ob am weltlichen Neujahrsfest. Wir geben uns Vorsätze, und warum können wir uns nicht am Neujahrsfest der Bäume Vorsätze geben: Was kann ich tun, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen?"

Neben ihrem Studium setzt sich Helene Braun mit Naturschutz und Nachhaltigkeit auseinander. Zurzeit arbeitet sie an einem Beitrag über Tu bi-Schwat und seine ökologischen Seiten für die "Dialogperspektiven", eine Initiative der Leo Baeck Foundation.

Helene Braun will aufzeigen, wie wir etwas dafür tun können, die Welt im Sinne des Konzepts Tikkun Olam in kleinen Schritten zu verbessern.

"Tikkun Olam, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen, ist auch einer der Grundwerte im liberalen Judentum", erklärt sie. "Was können wir machen? Die klassischen Dinge, die Mülltrennung, die Plastikvermeidung, aber auch eben etwas zu pflanzen, etwas vorzubereiten, um eben Tu bi-Schwat als Anlass zu nehmen, an dieser persönlichen Beziehung zwischen sich selber und der Natur zu arbeiten."

Statt Bäume selbst zu pflanzen, kann man auch welche spenden. Das tun Juden nicht nur für Israel, erzählt die Künstlerin Anna Adam in ihrem Garten bei Beelitz.

"Einige aus unserer Gruppe nutzen die Gelegenheit, um Bäume zu spenden", erzählt sie. "Also in Israel, aber auch ganz viel in andere Regionen der Welt, wo aufgeforstet werden muss und wo es die Jahreszeit hergibt."

Vergessenes in die Welt hineintragen

Nächstes Jahr, so die Hoffnung in der Stadt ebenso wie auf dem Land, wird das Fest, das 2021 coronabedingt online gefeiert wurde, auch wieder eins der persönlichen Begegnungen sein – zwischen Mensch und Pflanze, aber auch zwischen Mensch und Mensch.

"Ein Nachbar hier aus dem Dorf, den hat das sehr berührt und der hat ein paar Tomatenpflänzchen mitgenommen, weil gerade, wenn man aus der Landwirtschaft kommt, dann schmeißt man halt irgendwie nach Fachwissen die Samen in die Erde, aber hier hat er noch mal ein anderes Bewusstsein dafür bekommen und hatte das Gefühl, dass er das viel liebevoller gemacht hat", sagt Anna Adam.

Jalda Rebling ergänzt: "Diese Wiederentdeckung von Tu bi-Schwat in der jüdischen Gemeinschaft, in der Welt ist ja ein Symbol dafür wie wir Altes, das zwischendurch wieder vergessen war, neu in Welt hineintragen, das finde ich schon sehr schön daran."

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