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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2019

Neuinszenierung von "Lulu" in BerlinKampf der Karikaturen

Von André Mumot

Eine Frau sitzt bei einem Mann auf dem Schoß. (Volksbühne Berlin / Foto: Julian Röder)
Szene aus "Lulu". Die Figuren sind voller Klischees, bemängelt André Mumot. (Volksbühne Berlin / Foto: Julian Röder)

Stefan Pucher lässt Frank Wedekinds Skandaldrama "Lulu" an der Berliner Volksbühne in die feministische Diskursmaschine hineinlaufen. Unser Theaterkritiker André Mumot ist davon wenig begeistert.

Es besteht Rechtfertigungsbedarf. Es kommt nicht oft vor, dass sich ein Theater für eine Produktion schon im Programmheft entschuldigt: dafür, das Stück überhaupt ausgewählt zu haben.

Warum? Weil es von einem männlichen Autor geschrieben und von einem männlichen Intendanten auf den Spielplan gesetzt, von einem männlichen Dramaturg begleitet und von einem männlichen Regisseur inszeniert wurde.

Ein berühmtes, aber auch notorisches Stück mit einer zentralen Frauenfigur, die Verführerin ist, Femme fatale, sexuelle Anarchistin, vor allem aber Männerfantasien-Objekt. Und Männer-Opfer. Am Ende nämlich wird Frank Wedekinds "Lulu" von Jack the Ripper persönlich umgebracht.

Auf Kriegsfuß mit dem eigenen Stoff

Nicht so an diesem Premierenabend in Zeiten von #MeToo an der Berliner Volksbühne, wo das überbordene Bürgerschreck-Drama, das um die Wende zum 20. Jahrhundert entstand, unter Hochdruck feministisch gebrochen wird. Deshalb greifen Lulu (Lilith Stangeberg) und ihre lesbische Fluchthelferin Geschwitz (Sandra Gerling) zum Revolver und knallen am Ende ihre männlichen Peiniger kurzerhand ab - nicht nur den Ripper, sondern auch Franz Wedekind (Theo Trebs) selbst, um aus der Volksbühne in die Berliner Luft zu entfliehen.

Dieses Happy End ist das Gegenteil von originell, es ist nichts weiter als eine allzu simple Umkehrung, aber immerhin eine gelöste, geradezu fröhliche Aktion am Schluss eines verkrampften, verbiesterten, übervorsichtigen Abends, der keinen Hehl daraus macht, mit der eigenen Stoffwahl auf permanentem Kriegsfuß zu stehen.

Eine Frau mit kurzen, goldenen Glitzerkleid und weißen Federschmuck auf dem Kopf singt in ein Mikro. (Volksbühne Berlin / Foto: Julian Röder)Auch Lulu (Lilith Stangenberg) kann nicht überzeugen. (Volksbühne Berlin / Foto: Julian Röder)

Auch die sich immer wieder aus dem Orchestergraben erhebende dreiköpfige Band kann da keinen Schwung hineinbringen, und die feministischen Wutausbrüche, mit denen die Figuren aus der Wedekind-Handlung immer wieder aussteigen, wirken wie aggressive, überanstrengte und merkwürdig passionslose Pflichtübungen.

Figuren voller Stereotypen

Die Welt der Geschlechter, die hier entworfen wird, ist dabei denkbar einfältig: Die Männer sind bloß ekelhafte Karikaturen, die Frauen kaum weniger ekelhafte Männer-Karikaturen-Hasserinnen. Man reizt sich, man pöbelt sich an, man bekämpft Feuer mit Feuer, Hass mit Hass.

Es ist Sandra Gerling, die - kurz bevor alles vorüber ist - auf angenehm schnoddrige und unaufgeregte Weise einen Monolog darüber hält, dass Männer anders sein könnten und Frauen auch. Plötzlich begreift man, dass auch dieses Theater anders sein könnte, nein, anders sein müsste: Dass es mit Wut, aber auch mit Leichtigkeit aus den Rollen fallen müsste, vor allem aber, dass es kein über hundert Jahre altes Stück dazu bräuchte, das es selbst nicht ausstehen kann.

"Lulu" von Frank Wedekind
Regie: Stefan Pucher
Mit: Lilith Stangenberg, Jan Bluthardt u.a.
Volksbühne Berlin

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