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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.02.2019

Neues staatliches "Tierwohl"-LabelSchwein gehabt?

Philipp von Gall im Gespräch mit Axel Rahmlow

Schweine liegen dicht aneinander gedrängt auf dem Boden einer Mastanlage.  (imago stock&people)
Schweine liegen dicht aneinander gedrängt auf dem Boden einer Mastanlage. (imago stock&people)

27 Millionen Schweine leben in Deutschland und landen eines Tages in der Fleischproduktion. Ein neues Label soll Verbrauchern zeigen, wie die Tiere gehalten wurden. Agrarökonom Philipp von Gall warnt, das Label könne den Tierschutz untergraben.

So appetitlich wie das Steak auf dem Teller aussieht, geht es in Schweineställen nicht immer zu. Regelmäßig veröffentlichen Tierschutzaktivisten heimlich gedrehte Videos, die zeigen, wie in der Massentierhaltung Schweine in enge Ställen gesperrt ihr Dasein fristen. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Schweine zwischen 50 und 110 Kilogramm Gewicht mindestens 0,75 Quadratmeter Platz haben müssen. Das ist ungefähr ein halbes Einzelbett.

Manchen Verbrauchern ist das nicht genug, sie fordern bessere Haltungsbedingungen. Doch wie das Tier vor seinem Tod gelebt hat, lässt sich an der Supermarktkasse oft schwer nachvollziehen. Um eine bessere Orientierung zu liefern, hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) nun die Kriterien für das neue staatliche Tierwohlkennzeichen vorgestellt.

Alles auf freiwilliger Basis

Es gilt zunächst für Schweine und definiert drei Stufen, die den Verbrauchern beim Fleischkauf künftig zeigen sollen, wie die Tiere gehalten wurden. Das Versprechen lautet: Mehr Platz im Schweinestall, weniger Stress bei Schlachtung und Transport.  

So hat ein Schwein auf Stufe eins des "Tierwohl"-Labels statt der gesetzlich vorgeschriebenen 0,75 Quadratmeter 0,9 Quadratmeter Platz zur Verfügung. Die höchste der drei Stufen sieht 1,5 Quadratmeter vor – alles allerdings auf freiwilliger Basis.

Agrarökonom Philipp von Gall sieht in dem "Tierwohl"-Label keine wesentliche Verbesserung: "Man kann argumentieren, dass es den Tieren damit ’etwas’ besser geht, aber das heißt noch lange nicht, dass es den Tieren damit gut geht." Wirklich gut gehe es einem Tier, so von Gall, wenn es sich frei bewegen könne und nicht nur seine körperlichen, sondern auch seine sozialen Bedürfnisse erfüllen könne. Der Tierschutz sei in der deutschen Verfassung verankert, sagt von Gall, deshalb sollten wir uns das insgesamt auch etwas kosten lassen.

Umstrittene Mindeststandards 

Das "Tierwohl"-Label der Bundeslandwirtschaftsministerin, warnt von Gall, könne sogar dazu führen, dass der Tierschutz unterwandert werde. Aus einer gesellschaftlichen Debatte über rechtliche Mindeststandards mache Klöckner eine Debatte, in der jeder frei entscheiden könne, "wann es den Tieren ’noch besser’ gehe", kritisiert von Gall.

"Das suggeriert, dass es den Tieren bereits gut geht. Und das ist derzeit sehr umstritten und wird demnächst auch vom Bundesverfassungsgericht geklärt."

(mw)

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