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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.01.2015

Neues MusikinstrumentEin Klavier für jedes Wetter

Von Thomas Migge

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Klaviertasten (Imago / AFLO)
Ein klassisches Klavier - hat es bald ausgedient? (Imago / AFLO)

Der ungarische Pianist Gergely Boganyi hat ein Klavier aus Kunststoff erfunden, das immer gleich gut klingt: in feuchten Grotten oder kühlen Berggegenden, bei Regen oder großer Hitze. Ob sich das durchsetzt?

Mozart, Rachmaninov - wohl niemand im Budapester Konzertsaal achtet auf das, was Gergely Boganyi spielt. Der ungarische Pianist sitzt an einem Klavier, das in seiner dynamischen, kurvig-schnittigen Form, nur auf dem unter der Tastatur befindlichen Sockelfuß stehend, ein wenig an das Raumschiff Enterprise erinnert.

Nach der visuellen Überraschung folgt die tonale. Das Ding dort auf der Bühne hat einen Sound, der anders ist als der herkömmlicher Klaviere: Lauter auf jeden Fall. Aber auch voller, runder, gewaltiger. Gergely Boganyi hat zusammen mit Klavierbauer Attila Bolega, mit Designer Attila Peter Üveges und Pianotechniker Joszef Nagy den sogenannten "Boganyi" entwickelt. Eine, erklärt er, Weiterentwicklung des weltweit gebräuchlichen Konzertflügels:

"In unserer modernen Zeit sollte es die Möglichkeit geben einen neuen Blick auf das Piano zu werfen. Sicherlich ist es nicht verboten zu forschen, mit Respekt vor der Tradition, und die Möglichkeiten neuer Materialien zu nutzen."

Kunststoff statt Holz

Boganyi geht es vor allem um einen Tabubruch in Sachen Materialien: Holz, erklärt er, sei nicht das einzige Material, um ein Klavier zu produzieren. Andere Materialen, so versucht er mit seinem Klavier zu beweisen, könnten den Klang eines Instruments verbessern.

Das in seiner Form ungemein schicke Instrument, das erst beim zweiten Blick an einen Flügel erinnert, besteht nicht mehr aus Holz. Das gesamte schwarze Äußere wurde aus hochmodernem kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff hergestellt. Der ist mit Lackschichten bestrichen, deren genaue Zusammensetzung Betriebsgeheimnis ist. Neu ist auch das System der Agraffen, wie man die Fixierung der Saiten eines Flügels nennt. Bei traditionellen Klavieren erfolgt sie durch Stege und Stifte. Bei Boganyis Klavier hingegen wurden diese Stege und Stifte an einigen Stellen reduziert und vermehrt. Der Klangboden, erklärt Gergely Boganyi, besteht ebenfalls aus kohlenstoffverstärktem Kunststoff:

"Das ist kein Designpiano mit traditionellen Innereien und styligem Äußeren. Ein neuer Klangboden, ein neues Außenmaterial, ein anderes Agraffensystem: Alle Neuerungen zusammen ergeben den neuen Sound dieses Instruments."

Von großem Vorteil ist die Wetterbeständigkeit des nicht mehr hölzernen Instruments. In feuchten Grotten oder kühlen Berggegenden, bei Regen oder großer Hitze: Der Klang dieses Klaviers, versichern der Erfinder und sein Team, bleibt immer gleich gut. Ein perfekt anmutendes Klavier also, ideal für den modernen Inside- und Outside-Musikbetrieb. Vor allem bei Freiluftfestivals und -konzerten.

Einige Pianisten kritisieren die Erfindung

Während Gergely Boganyi von seiner Erfindung schwärmt, gibt es auch skeptische Stimmen. Zum Beispiel von Michele Campanella. Der italienische Starpianist gilt weltweit als Lisztexperte:

"Das Klavier erlebte seinen Höhepunkt Ende des 19. Jahrhunderts. In jener Epoche war es technisch voll ausgereift. Man braucht also heute keine neuen Klaviererfindungen mehr, um einen perfekten Klang zu erzeigen. Etwa seit den 1950er-Jahren nutzt man nicht mehr traditionell sondern künstlich getrocknetes Holz zum Klavierbau. Das veränderte den Klang. Gleichzeitig begann man mit der Herstellung von immer klangstärkeren Instrumenten."

Für Campanella sind schon die existierenden Konzertflügel im Vergleich zu den Pianos aus dem späten 19. Jahrhundert "Turbomodelle", die die Tendenz haben viel zu laut zu klingen, und somit Kompositionen von Liszt, Brahms und anderen Komponisten entstellen. Der italienische Pianist, der den "Boganyi" aus Ungarn noch nicht selbst bespielt hat, befürchtet deshalb, dass sich die Erfindung eines solchen Kunststoffklaviers mit noch lauterem Klang negativ auf die Interpretation von Werken des 19. Jahrhunderts auswirken wird.

Wie auch immer: Nicht ausgeschlossen ist, dass das neue Klavier von Gergely Boganyi bei internationalen Open Air-Festivals, wie zum Beispiel auf der Berliner Waldbühne, gut ankommen wird. Egal bei welchem Wetter: Mit diesem Instrument braucht an kalten, regnerischen oder heißen Tagen kein Pianist mehr um seine Performance zu fürchten.

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