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Fazit | Beitrag vom 29.10.2019

Neues Gutachten zu Oury Jalloh"Eigentlich müsste jetzt wieder ermittelt werden"

Janosch Roloff im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Transparent mit einem Porträt von Oury Jalloh am 13.12.2012 nach der Urteilsverkündung im Prozess um den Feuertod des Afrikaners vor dem Landgericht in Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Der Asylbewerber aus Sierra Leone war 2005 in Dessau-Roßlau bei einem Brand in einer Polizeizelle ums Leben gekommen. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
Oury Jallohs Bruder und die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" haben ein neues Gutachten vorgelegt, das Zweifel an der Selbstverbrennung weckt. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)

Der Fall Oury Jalloh beschäftigt die Republik seit 14 Jahren. Jetzt weckt ein neues Gutachten Zweifel an der These, dass sich Jalloh selbst verbrannt habe. Der Theaterregisseur Janosch Roloff fordert, den Fall nicht zu den Akten zu legen.

Oury Jalloh kam aus Sierra Leone und suchte in Deutschland Asyl. Am 7. Januar 2005 wurde er in Dessau von Polizisten aufgegriffen und festgenommen. Wenige Stunden später war er tot, er verbrannte gefesselt auf einer Matratze in einer Polizeizelle.

2012 wurde ein Polizeibeamter wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, er habe nicht dafür gesorgt, dass Oury Jalloh ausreichend beaufsichtigt wurde. Was das Gericht nicht in Zweifel zog, war die Behauptung, der Inhaftierte habe selbst Feuer gelegt. 

Ein neues Gutachten bringt Bewegung

Die Justiz wollte den Fall gerade zu den Akten legen, doch jetzt kommt wieder Bewegung in die Sache: Eine "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" hat ein neues medizinisches Gutachten vorgelegt. Demnach hat Jalloh verschiedene Knochenbrüche erlitten. Der Forensiker geht davon aus, dass Jalloh die Verletzungen sehr wahrscheinlich nach der Festnahme zugefügt worden seien.

Der Regisseur Janosch Roloff hat das Stück "Der Vorgang Oury Jalloh" entwickelt und berichtet, er habe sich intensiv mit den Gerichtsakten beschäftigt. Startpunkt der Auseinandersetzung mit dem Fall sei gewesen, dass er erkannt habe, dass "die offizielle Version, die Selbstanzündung, nicht haltbar ist."

Aufführungen in Jugendgefängnissen

Die Publikumsreaktion seien sehr unterschiedlich gewesen, so Roloff: "Wir haben sehr viel in Theatern gespielt, wo sehr viele Menschen das erste Mal davon gehört haben und das danach recherchiert haben und sehr erschrocken waren, dass das stimmt, was wir dort erzählen."

Auch in Jugendgefängnissen wurde das Stück gespielt: "Wo das immer sehr interessant war, wie die jugendlichen Inhaftierten darauf reagieren, dass jemand ohnmächtig in der Gewalt von Vollzugsbeamten ums Leben kam", so der Regisseur.

Die Ermittlungen müssten weiter gehen

Es sei für ihn nicht überraschend, dass das jetzt vorgelegte Gutachten zu dem Schluss kommt, dass Oury Jalloh nach seiner Verhaftung Verletzungen zugefügt worden seien, sagt Roloff: "Eigentlich müsste jetzt wieder ermittelt werden." 

Allerdings hat das Oberlandesgericht Naumburg abgelehnt, den Fall weiter zu verfolgen. Janosch Roloff hat die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben: "Vielleicht wird der Generalbundesanwalt ermitteln." Oder der Europäische Gerichtshof beschäftigt sich mit dem Fall.

(beb)

 

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