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Interview | Beitrag vom 18.03.2019

Neues Buch über NS-VokabelnWann wir wie die Nazis sprechen

Matthias Heine im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Massenveranstaltung während der NS-Diktatur: Die Bevölkerung hebt den rechten Arm zum Hitlergruß. (picture-alliance / dpa)
Einige Begriffe aus der NS-Zeit sind bis heute in Gebrauch. (picture-alliance / dpa)

Die Nationalsozialisten haben etliche Begriffe geprägt - und manche davon werden bis heute benutzt. Der Historiker und Linguist Matthias Heine erklärt in seinem Buch "Verbrannte Wörter", wann und wie sie verwendet werden.

Dieter Kassel: Das ist ein "Nazi-Begriff", den kann man heute nicht mehr verwenden – das hört man oft, und oft entstehen dann Debatten darüber, welche Worte und welche Formulierungen tatsächlich so eng mit der NS-Zeit verknüpft sind, dass ihre Verwendung sich heutzutage verbietet. Der Autor, Historiker, Linguist und Redakteur im Feuilleton der Tageszeitung "Die Welt" Matthias Heine versucht Klarheit in diese Debatte zu bringen mit einem Buch, das zum Teil wirklich ein echtes Wörterbuch ist. Sein neues Buch heißt "Verbrannte Wörter", und er ist jetzt bei mir im Studio. Schönen guten Morgen, Herr Heine!

Matthias Heine: Guten Morgen, Herr Kassel!

Schmerzhafte Assoziationen

Kassel: Habe ich Ihnen nicht jetzt was unterstellt, was Sie genauso wenig können wie andere – kann man wirklich absolute Klarheit in diese Debatte bringen?

Heine: Bei den meisten Wörtern nicht. Es ist schwierig, weil die Nazis ja sehr wenige Begriffe wirklich erfunden haben, und selbst diejenigen, die sie erfunden haben, werden teilweise schon wieder ganz unbefangen benutzt. Worum es in diesem Buch geht, ist, einfach ein bisschen Aufklärung zu schaffen, über etwas mehr als 80 Begriffe, deren Wortgeschichte mehr oder weniger stark, aber meistens doch stark mitgeprägt wurde von der NS-Zeit und von der Verwendung in der NS-Zeit.

Kassel: Es ist aber mindestens eine, in dem Fall ist es eine Redewendung in Ihrem Buch, wo ich es sehr kompliziert finde. Ich würde sie ja natürlich normalerweise nie verwenden, aber wir reden ja fast in einem wissenschaftlichen Zusammenhang jetzt, ich rede von der Redewendung "bis zum Vergasen". Sie beschreiben in diesem Buch, dass das eigentlich im Zusammenhang mit tödlichem Giftgas sehr üblich geworden ist im Ersten Weltkrieg und bei den Nazis gar keine besondere Bedeutung hatte. Dennoch werden Sie uns doch sicherlich nicht mitteilen wollen, deshalb kann man diese Formulierung in Deutschland heutzutage problemlos verwenden?

Heine: Ich würde sie nicht verwenden aus zwei Gründen: Erstens, weil sie sehr, sehr umgangssprachlich ist – das ist eine Frage, um die es immer in meinem Buch geht. Zur stilistischen korrekten Verwendung von Wörtern gehört, dass man ein bisschen weiß, welche Bedeutungsebenen haben sie, dass man historische Zusammenhänge kennt und dass man die Sprachebenen berücksichtigt. "Bis zur Vergasung" ist einfach zunächst mal auch sehr umgangssprachlich.

Schon allein deshalb sollten Sie es in schriftlichen Texten oder in offizieller Rede nicht verwenden. Das andere ist nun mal, dass es unabhängig von der Tatsache, dass diese Redensart lange, bevor die ersten Gaskammern gebaut wurden, existiert hat, bei sehr vielen Leuten diese unangenehmen Assoziationen weckt, und wenn Sie dann nicht im jeden Gespräch erst mal erklären wollen, das ist doch gar nicht aus dieser Zeit, dann sollten Sie es vielleicht einfach weglassen.

Umwertung von Begriffen

Kassel: Es gibt ein paar Worte – jetzt rede ich wirklich wieder von einzelnen Worten –, da beschreiben Sie für mich überraschenderweise ganz eindeutig, dass es Nazi-Begriffe waren. Die werden aber heute benutzt, und Sie sagen auch, das ist auch gar kein Problem. Eines dieser Worte ist Aktion. Jetzt muss man zunächst mal erklären, warum ist das eigentlich ein NS-Begriff?

Heine: "Aktion" war eine der zentralen Vokabeln der NS-Sprache. Das gab es natürlich schon vorher, aber es hat wirklich in der NS-Sprache dann eine besondere Bedeutung, häufig im Zusammenhang mit "Aktionen gegen..." Leute, die umzubringen waren – also Juden, Behinderte – wurde es oft gebraucht, auch aber im Zusammenhang für Mobilisierung der Volksgenossen, um einen anderen Begriff zu gebrauchen. Also das geht dann hin bis zur "Aktion 'Weihnachtsbilder malen für die Front'". Diese harmlose Bedeutung hatte es auch.

Man kann es natürlich weiter benutzen. Das geht ja bis hin zu dezidiert Umwertungen. "Aktion Sühnezeichen", eine gesellschaftliche Affäre, die sich ausdrücklich mit der Wiedergutmachung für den Nationalsozialismus befasst, nennt sich so. Es gibt die "Aktion Mensch", früher "Aktion Sorgenkind", die sich für Behinderte einsetzt. Es entbehrt nur nicht einer gewissen Ironie, dass diese Sachen mit einem Begriff bezeichnet werden, der in der NS-Zeit genau das Gegenteil bedeutete. Deswegen will ich das aber nicht verdammen. Wörter können auch wieder leergespült werden. Es schadet aber nicht zu wissen, dass es diese Bedeutung in der NS-Zeit hatte. Es geht auch bei mir vor allen Dingen um Aufklärung, um Neugier. Ich finde es auch einfach interessant, das zu wissen.

Auch die "Kulturschaffenden" haben die Nazis erfunden

Kassel: Das stimmt auch wirklich. Also für mich gab es einige Überraschungen. Für Sie bei der Recherche, zum Beispiel bleiben wir noch ganz kurz bei Begriffen, die ich nie mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht hätte: der Begriff, der wird auch gerne zitiert, aus Ihrem Buch, bei dem es mir ganz stark so ging, ist "Kulturschaffende". Da waren Sie selber bestimmt erst mal auch überrascht, oder?

Heine: Ja. Das ist nun wirklich ein Begriff, der im Gegensatz zu vielen anderen, die die Nazis nur genommen, umgedeutet und mit ihren spezifischen Inhalten gefüllt haben, einer, der wirklich geschaffen wurde 1933, als die Reichskulturkammer gegründet wurde. Der taucht nicht in den einschlägigen Gesetzen auf, aber in vielen offiziellen Schriften, in denen diese "Schaffung" begrüßt wird oder in denen "Kulturschaffende" in einem öffentlichen Aufruf das gutheißen. Den gab es vorher nicht.

Es hat eine gewisse Ironie, dass er heute vor allen Dingen im linken Sprachgebrauch üblich ist. Es gab ja voriges Jahr diesen Appell gegen Horst Seehofer, der vermeintlich rassistisch agieren würde und spalterisch, und dass der dann in der Öffentlichkeit immer als Aufruf von Kulturschaffenden bezeichnet wurde, entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie. Das hat damit zu tun, dass das Wort vor allen Dingen nach 1945 in der DDR weitergelebt hat und von da dann wiederum in den westdeutschen linken Wortschatz zurückgespült wurde. Man kann das Wort aber trotzdem benutzen. Es hat auch deswegen überlebt, weil es eine Benennungslücke schließt.

Unproblematisch: "Entrümpeln" und "Eintopf"

Kassel: Womit wir natürlich bei der entscheidenden Frage eigentlich angelangt sind. Sie haben vorhin schon mal den Begriff, ein Wort wird leergespült von seiner ursprünglichen NS-Verbindung, benutzt. In dem Buch selber reden Sie bei ein, zwei Begriffen, oder auch ein paar mehr sogar, von entnazifizierten Worten, manchmal mit der Bemerkung, dieses nicht, ein anderes doch, aber wie werden Begriffe den entnazifiziert?

Heine: Ich glaube, man muss da unterscheiden. Es gibt Begriffe, bei denen kann man sich sehr schwer vorstellen, dass sie irgendwann in einem nichtrassistischen, nichtfaschistischen Zusammenhang gebraucht werden könnten. Andere Begriffe wie betreuen oder auch harmlose Alltagsbegriffe wie "entrümpeln" oder "Eintopf", die auch beide erst während der Nazizeit aufgekommen sind, die kann man natürlich benutzen, weil sie erstens nicht zentral mit dem Massenmord und Krieg und den ganzen Verbrechen des Nationalsozialismus verknüpft sind so wie "Untermensch" oder "Vernegern", die die Dehumanisierung von Leuten vorbereitet haben und damit auch ihre Ermordung, und zweitens sind die in der Tat durch einen gewissen massenhaften Gebrauch einfach leergespült worden.

Bei "Betreuen", das wirklich erst in der Nazizeit so richtig aufgekommen ist und eine zentrale Vokabel des Organisationsvokabulars der Nazis war und ein Synonym für Mord, ist es einfach so, dass es da eine Schnittmenge zwischen der Sprache der Bürokratie und der Sprache der verwalteten Welt gibt und dem NS-Wortschatz, und durch den massenhaften Gebrauch nach 1945 hat das dann irgendwann diesen Klang verloren. Das ist ja auch ein optimistisch stimmendes Zeichen, dass Wörter auch diesen faschistischen Klang wieder verlieren können.

Verwendbar - aber nicht in jeder Situation

Kassel: Was halten Sie von dem Argument, das ich manchmal höre, wenn es so Debatten gibt über Begriffe, wo auch Sie sagen: "Kann man, aber man sollte genau wissen, wo er herkommt und auf den Zusammenhang achten!". Sagen wir mal bei Grenzfällen, wenn dann manche Leute argumentieren: "Ich will mir nicht jetzt, 70 Jahre später sogar noch, von den Nazis vorschreiben lassen, wie ich zu sprechen habe." – Was halten Sie von dem Argument?

Heine: Finde ich völlig nachvollziehbar. Deswegen sage ich ja auch in meinem Buch bei sehr vielen Begriffen oder bei den meisten Begriffen: können Sie verwenden. Es ist nur so, Sie müssen dann drauf achten, wo. Es gibt einfach Stilebenen und auch Situationen, in denen das unangebracht ist. Mein Paradebeispiel ist "Sonderbehandlung". Das flog einer "Spiegel"-Redakteurin, einer leitenden Redakteurin des "Spiegels", vor zwei Jahren ziemlich um die Ohren, weil sie schrieb, die "Sonderbehandlung Israels durch die deutsche Außenpolitik" müsse vorbei sein.

Wenn man weiß, dass "Sonderbehandlung" wirklich ein vielfach belegter Terminus für Massenmord in den Konzentrationslagern war, dann ist das einfach im Zusammenhang mit Israel unangebracht, und die Kollegin offenbarte sich damit auch als historisch ahnungslos. Trotzdem kann ich natürlich zu meinen Töchtern am Frühstückstisch sagen: "Du kriegst jetzt keine Sonderbehandlung", wenn die eine Extrawurst gebraten haben wollen. Man muss sich das immer selber überlegen, aber es gibt auch Begriffe, bei denen ich sagen würde - wie gesagt: "Vernegern", "Untermensch" -, wo ich mir kaum Zusammenhänge, außer historische Beschreibungen, vorstellen kann, in denen man sie unbefangen gebrauchen kann.

Matthias Heine: "Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis - und wo nicht"
Duden Verlag 2019
224 Seiten, 18 Euro

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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