Neues Bauen am Horn

Goethes Gartenhaus © AP Archiv
Von Adolf Stock · 03.08.2005
Im Tal steht Goethes Gartenhaus, großes Vorbild für die konservative Villenarchitektur. Die Avantgarde der 20er Jahre ist ein paar Meter weiter zu sehen auf einem Hang. Hier steht das "Haus am Horn", der erste Musterbau der Bauhaus-Moderne. In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht eine Mustersiedlung für die Wohnbedürfnisse der Gegenwart. Alles soll mit allem zusammenhängen.
Die Gemarkung "Am Horn" ist ein alter Weimarer Flurname, ein Stück Land, das sich auf einem Hügel oberhalb der Ilm wie ein Horn entlang zieht. In früheren Zeiten gab es hier Gärten und Weinberge, und erst am Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebiet zu einer beliebten Wohnadresse für das Weimarer Bürgertum. Stattliche Villen säumten nun die Straßen, so wie die "Villa Ithaka" des Architekten Paul Schulze-Naumburg, die der monarchistisch gesinnte Dramatiker Ernst von Wildenbruch bewohnte.

Die Villa ist frisch renoviert, aber den großzügigen Garten gibt es nicht mehr, der wurde von einem Investor mit Wohnbauten für eine bessere Klientel zugestellt. Seitlich vom Grundstück führt ein kleiner Weg zu den Neubauten am Horn. "Ja immer geradeaus, dann sehen Sie schon die Katastrophe", sagt der Mann mit dem Rasenmäher vor der Ithaka-Villa.

Die vermeintliche Katastrophe erweist sich als eine Anzahl bunter Würfel. Sie stehen mehr oder weniger wahllos zwischen viel Grün an einem sanften Hang. Der Schweizer Architekt Walter Stamm-Teske lehrt an der Weimarer Bauhaus-Universität. Er hat die neue Siedlung mit auf den Weg gebracht und bewohnt auch so einen Würfel. Hier oben am Horn hat Walter Stamm-Teske für sich und seine Familie ein Haus gebaut.

"Die Akzeptanz ist noch schwierig. Wir haben ein Symposium gemacht und haben jetzt diese Häuser auch öffentlich zugänglich gemacht, und plötzlich war das Außen für die Leute überhaupt nicht mehr entscheidend, denn die abstrakte und relativ kompakte Hülle ist natürlich gleichzeitig sehr ökonomisch und ökologisch, und die Hülle außen, die wird einwachsen, die wird zwischen den Bäumen verschwinden und wird innerhalb der nächsten zehn Jahre überhaupt nicht mehr die Bedeutung haben, die man jetzt sieht. Das sehen Sie, wenn Sie von der Terrasse runterschauen: Vor lauter Bäumen sieht man kaum andere Häuser. Also das wird auch hier so sein, und jede Siedlung in seiner Neubauphase eckt an, muss anecken, sonst wäre es keine Auseinandersetzung mit einer anderen Interpretation des Wohnens. "

Die neue Siedlung am Horn eckt schon deshalb an, weil sie auf den ersten Blick alte Vorurteile bedient: Würfel mit Flachdach, das kann nur Bauhaus sein. Das bedeutet undichte Dächer und entspricht dem Lebensgefühl einer forcierten Avantgarde, die es schon längst nicht mehr gibt. So oder so ähnlich hat sich das Ressentiment gegen die Bauhaus-Moderne zementiert. Doch in Weimar liegen die Dinge komplizierter: Hier am Horn bekommt man die einmalige Chance, sich an Ort und Stelle mit den Prinzipien des Neuen Bauens auseinanderzusetzen, um dann die Frage zu stellen: Wie wollen wir heute wohnen?

Goethes Gartenhaus steht im Park an der Ilm. Das ist ein beliebtes Postkartenmotiv, mit Rebstöcken am Haus und einem romantischen Garten. Hier lebte der junge Goethe unbeschwert, und noch in späteren Jahren diente ihm das kleine Häuschen vor den Toren der Stadt als Liebeslaube.

Anfang des letzten Jahrhunderts hatte sich der Architekt Paul Schulze-Naumburg – als ein wichtiger Vertreter der neu gegründeten Heimatschutzbewegung – für den historischen Erhalt von Goethes Anwesen eingesetzt. Damals sollte die Stützmauer zum Park hin abgerissen werden. Ein Vorhaben, das Henry van de Velde, Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule, lebhaft unterstützte. Am Ende wurde die Mauer dann doch nicht abgerissen, und bis heute ist sie ein kleiner Beleg dafür, wie sehr sich damals die konservative Architektenschaft für Goethes Gartenhaus interessierte, erklärt der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt vom Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main.

" Man entdeckte, dass dieses sehr alte Haus eigentlich einen zeitlosen und immer noch gut zu gebrauchenden Typus darstellte, ein Typus, in dem ganz viel Erfahrung drinsteckt. Also, so wie da dieses Gartenhaus organisiert ist, wie die Fenster liegen, wie die Treppe da drin liegt. Natürlich hat das kein Badezimmer gehabt und keine moderne Küche und auch noch kein fließend Wasser und so weiter, aber selbst in einem solchen Typus war so was alles leicht einzubauen, ohne groß zu verändern. Und das sind alles Qualitäten, die sehr geschätzt worden sind. Das war das absolute Gegenbild, die Gegenthese zur protzigen Villa der Gründerzeit. Das hat die Leute fasziniert. "

Nach der Reichsgründung war es in Weimar wie überall. Es wurden Gründerzeitvillen gebaut, die dem Historismus verpflichtet waren. Stolze Trutzburgen fürs Bürgertum, mit vielen Erkern, Zinnen und Türmchen, die wahllos und unbedarft alle Stilepochen zitierten.

Am Anfang des letzten Jahrhunderts und erst recht nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg besannen sich Bauherren und Architekten auf schlichtere Werte. "Armut ist ein großer Glanz aus Innen", hatte Rainer Maria Rilke schon 1903 gedichtet. Das entsprach einem neuen Zeitgefühl, das sich auf das Wesentliche besann und die Zukunft ohne die geistigen und architektonischen Gründerzeitschnörkel gestalten wollte.

" Die Ästhetik der Armut ist 1918 eigentlich ein Renner gewesen im Bürgertum. Das Bürgertum hatte Probleme, seine Standards zu halten nach dem verlorenen Krieg, und dann war so die edle Armut, war so ein Wert an sich. Und es ist dann kein Zufall, dass Adaptionen des Goetheschen Gartenhauses in der Architektur Kariere machen und das so ein Standardtyp wird, der allgemein weit akzeptiert ist und zwar bevor dann eigentlich die Neue Sachlichkeit sich entwickelt, und erst dann wird das zu einem Gegensatz. "

In seinem Essay "Erfahrung und Armut" schrieb Walter Benjamin über jene Zeit. Er verwirft das Alte, lobt die Glasarchitektur Paul Scheerbarts als eine Vision der Zukunft und fordert angesichts der Katastrophe des Ersten Weltkriegs ein neues positives Barbarentum.

" Wohin bringt die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, von vorn zu beginnen; von Neuem anzufangen; mit Wenigem auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren und dabei weder rechts noch links zu blicken. Unter den großen Schöpfern hat es immer die Unerbittlichen gegeben, die erst einmal reinen Tisch machten. Sie wollten nämlich einen Zeichentisch haben und sind Konstrukteure gewesen. "

In Weimar waren die neuen Barbaren längst angekommen. Sie lehrten und studierten am Bauhaus, das der Architekt Walter Gropius 1919 in der Nachfolge der Kunstgewerbeschule gegründet hatte. Die Bauhäusler waren auf allen Gebieten ganz entschieden für einen Neuanfang, und das galt ganz besonders auch für die Architektur. Am Horn wollte Gropius beweisen, was er und das Bauhaus mit den neuesten Technologien sozial und ästhetisch alles leisten konnten. Ein paar Schritte von Goethes Gartenhaus sollte eine Mustersiedlung entstehen. Gropius plante zwanzig freistehende Doppelhäuser für die Bauhaus-Meister, fünfzig Reihenhäuser und eine Schule.

Die Siedlung am Horn wurde nie gebaut. Doch ein Haus im Stil dieser neuen Zeit gibt es bis heute. Es steht neben weiteren Bauhaus-Gebäuden seit 1996 auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste. Das "Versuchshaus am Horn" wurde für die Bauhaus-Ausstellung 1923 errichtet. Die Pläne für das komplett eingerichtete Musterhaus hat allerdings nicht Walter Gropius gezeichnet, sondern der Maler Georg Muche. Sie stammen von einem architektonischen Laien.

Das "Versuchshaus am Horn" wurde zu einer viel beachteten Sensation. Plötzlich stand eine weiße Schachtel in der Weimarer Vorstadt. Das Zentrum bildet eine vier Meter hohe quadratische Halle. Um diesen erhöhten Würfel gruppieren sich die Wohnräume: das Zimmer des Herrn, das Zimmer der Dame, das Kinderzimmer, die Küche und das Bad.

Zeitgenossen verglichen den Bau mit einer Nordpolstation. Aus der Küche konnte die Hausfrau ins Kinderzimmer blicken. Das war praktisch gedacht, doch in Wahrheit verstellt der große Esstisch in dem eher kleinen Speisezimmer den Blick auf das Treiben der Kinder. "Operationsräume", lästerten die Kritiker, während Walter Gropius schrieb.

" Wir wollen den klaren organischen Bauleib schaffen, nackt und strahlend aus innerem Gesetz heraus, ohne Lügen und Verspieltheiten, der unsere Welt der Maschinen bejaht, Drähte und Schnellfahrzeuge bejaht, der seinen Sinn und Zweck aus sich selbst heraus durch die Spannung reiner Raummassen zueinander funktionell verdeutlicht und alles Entbehrliche abstößt, das die absolute Gestalt des Baues verschleiert. "

Wo einst Walter Gropius seine Siedlung plante, stehen heute die bunten Würfel, die auf den ersten Blick an das Bauhaus erinnern. Der Wiener Architekt Adolf Krischanitz gehört zu den Gestaltern der neuen Siedlung, er hat den B-Plan, den Bebauungsplan entworfen, und natürlich hat auch er sich mit dem berühmten "Versuchshaus am Horn" auseinandergesetzt.
" Ich halte das Haus auf jeden Fall für ein ungeheuer raffiniertes Haus. Ich will jetzt nicht sagen, dass es den Vorbildcharakter hat, weil es quasi von der Typologie so ein ganz spezielles Haus ist. Aber ich finde das faszinierend das Haus, und insofern ist es dann auch durchaus eingeflossen, weil es eben auch ein einzelnes Haus ist, dass nicht an ein anderes angebaut ist, und das als einzelnes Haus so eine Eigentümlichkeit entwickelt nach innen, die frappant ist. Das heißt, es ist wie so ein Punkthaus konzipiert, das dann bestimmte Ausblicke hat aber relativ, sagen wir mal, robust ist, gegenüber dem, was daneben steht und was davor und dahinter steht. Und das war schon insofern auch ganz interessant, das haben wir durchaus auch angestrebt, dass die Häuser relativ nah aneinander stehen, dass sie einzeln konzipiert werden, ohne dass das jetzt vordergründig so thematisiert wird. "

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es am Horn auch eine Kaserne. Bis 1992 war das Gelände militärisches Sperrgebiet. Die Westgruppe der Rote Armee nutzten die Gebäude der Strechhan’sche Kaserne. Nach der Wende wurde der Hauptbau restauriert und umgebaut und beherbergt nun die Hochschule für Musik Franz Liszt. Das ehemalige Lazarett und die Gewehrkammer sind jetzt Studentenwohnheim, während das alte Offizierskasino von der Bauhaus-Universität genutzt wird.

Der Masterplan für diesen Bereich stammt vom Schweizer Büro Diener und Diener, während die Stützmauer und die Aussichtsterrasse aus dem Entwurf des Schweizer Architekten Luigi Snozzi stammt. Es ist also ein kleiner Campus entstanden, der noch weiter wachsen soll, denn die maroden Mannschaftsgebäude werden demnächst auch noch zu einem Studentenwohnheim umgebaut.

Als nach 1945 die russischen Streitkräfte die Kaserne bezogen, wurde das Gelände zunächst noch einmal erweitert. Dort wo Walter Gropius einst seine Siedlung bauen wollte, standen nun Schuppen und Fahrzeugbaracken für das Militär. Mit der Wende wurde der Freistaat Thüringen Besitzer des Areals. Jetzt konnte über die Zukunft am Horn neu nachgedacht werden. Die Pläne, hier doch noch eine Mustersiedlung zu bauen, entstanden Mitte der 90er Jahre. 1999 sollte Weimar Europäische Kulturhauptstadt werden, und so schien die Gelegenheit günstig, auch architektonisch ein Zeichen zu setzten. Architekt Lars-Christian Uhlig von der Weimarer Bauhaus-Universität hat das Siedlungsprojekt von Anfang an mit begleitet.

" Das Projekt begann im April 1996, mit der Einrichtung eines Projektbüros an der Bauhaus-Universität, in intensiver Zusammenarbeit mit unseren Partnern, der Landesentwicklungsgesellschaft und der Stadt Weimar. 1999, also das Jahr in dem Weimar Kulturhauptstadt war, dafür sollte das Projekt weitgehend fertig gestellt sein. Das sind die Vorstellungen von uns Architekten gewesen. Wir haben dann im Laufe des Verfahrens erst mal selber mitbekommen, wie lange Stadtplanung dauert, was da für Zeithorizonte anzusetzen sind, und am Ende war das so, dass im Jahre 1999 der Bebauungsplan durch den Stadtrat erst verabschiedet wurde, und auch dann erst zum Jahreswechsel 2000 die ersten Baustellen für die privaten Wohnhäuser hier eingerichtet wurden. "

Seitdem sind erneut fünf Jahre ins Land gegangen, doch jetzt sind die Konturen der neuen Siedlung deutlich zu erkennen. Es ist keine Reminiszenz an das historische Bauhaus geworden. Hätte Gropius in den 20er Jahren bauen können, wäre eine Siedlung entstanden, wie man sie von Dessau-Törten oder Karlsruhe-Dammerstock kennt. Doch so ein Konzept kam für Adolf Krischanitz auf gar keinen Fall in Frage, denn er hat sich einfach die schlichte Frage gestellt: Wo würde ich heute gerne wohnen?

" … und da gibt es ja verschiedene historische Versuche, die man ja kennt, man könnte, wie so die alte Bauhaus-Siedlung gewesen wäre, wenn sie dort gebaut worden wäre, wäre das eine Reihenhaussiedlung gewesen. Das Reihenhaus hat heute, und gerade auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, hat das natürlich so einen eigenartigen kollektiven Aspekt, der mir zwar als Architekt ganz gut gefällt, andererseits, wenn ich mir vorstelle, dass man jetzt dann ein Reihenhaus bewohnt und dann fangen alle an, zur selben Zeit draußen zu grillen, vor dem Reihenhaus auf der einen Seite, oder auf der anderen Seite, je nach Sonnenstand, dann habe ich da auch schon meine Bedenken. "

Die Bedenken haben zu einem völlig neuen Konzept geführt. Mit einem außergewöhnlichen Masterplan konnte Adolf Krischanitz die Jury von Land, Stadt und Universität überzeugen.

" Ja, man sagt Masterplan dazu. Aber es ist in dem Sinn kein klassischer Masterplan, weil er eigentlich im Gegensatz zu den klassischen Masterplänen, die im Prinzip fast bis in jedes Detail bestimmte Bebauungsformen vorgeben, eben keine vorgibt. Ich hab habe keine Häuser gezeichnet und entworfen, sondern eigentlich Grundstücke, weil die Grundstücke ja die Voraussetzung sind, um dann irgendwann auch darauf Häuser errichten zu können. Und es ist interessant, dass man zusammen mit der Thüringer Bauordnung Grundstücke entwerfen kann, die dann eben zu bestimmten Häusern oder Häuserformen führen, letztlich auch Lebensformen führen. "

Der Entwurf ist aber auch ein Stück Rückbesinnung auf die städtebaulichen Qualitäten der Residenzstadt Weimar, wo die Häuser zwar nahe aneinander stehen, aber nicht aneinander gebaut wurden, so dass der Eindruck einer großen Parklandschaft entsteht. Diese städtebauliche Qualität soll am Horn wieder erreicht werden, zumal die unmittelbare Nachbarschaft äußerst heterogen ist: Da ist zunächst die Kaserne, weiter gibt es eine Wohnsiedlung aus den 30er Jahren, mehrgeschossige Zeilenbauten aus den 50er Jahren und eine Schrebergarten-Kolonie, an deren Rand das "Versuchshaus am Horn" steht.

Adolf Krischanitz hat mit den vorgegebenen Spielregeln versucht, das Verhältnis von Öffentlich und Privat neu zu bestimmen. Im Bebauungs-plan wurden Regeln erstellt, an die sich die Bauherren und ihre Architekten halten müssen. Dazu gehört auch, dass es unterschiedlich große Parzellen gibt.

" Diese kleinen Grundstücke ermöglichen relativ dicht dort zu bauen, ohne dass die Leute aber in jedem Fall zusammen bauen. Das heißt, im Prinzip ist das so aufgebaut, dass es Grundstücke gibt, die sind ganz schmal, da muss man an beiden Seiten anbauen, dann gibt’s, die sind halbschmal, da kann man an einer Seite anbauen und dann gibt es breite, die sind offen bebaut, also offene Bebauung. Ich würde so sagen, dass die Idee war, dass nicht ich die Häuser entwerfe oder irgendein anderer Architekt als einzelner, sondern dass möglicherweise jeder Bauherr oder Hausherr seinen Architekten hat, oder – wenn er es kann – auch alleine das machen kann. "

Grundstücksgröße, Bebauungsdichte und auch das Flachdach sind vorgeschrieben. Das hat aber keine ideologischen, sondern ganz pragmatische Gründe, beteuert Walter Stamm-Teske.

" Ich glaube eher, dass eben über diese kubische Gestaltung und über die Staffelung am Hang der Versuch einer Optimierung war, sich gegenseitig nicht vor dem Licht zu stehen oder Sicht zu stehlen. Die Interpretation der Gebäude und die Art der Fenster, die Art der Außenräume und so, wenn man das genau anschaut, ist die sehr differenziert. Das heißt, Flachdach heißt nicht automatisch Bauhaus-Bauen, sondern diese Kuben – wenn Sie das genau verfolgen, ob sie jetzt hier so als Flachdachhäuser sind oder sonst was – sehen ähnlich aus. "

Das Regelwerk, an das sich Bauherren und Architekten halten müssen, soll – so Adolf Krischanitz – wie eine Grammatik funktionieren.
" Die Regeln sollten so sein, dass sie sich nicht direkt abbilden, sondern so ähnlich wie in der Sprache sollten sie gewissermaßen eine Hintergrundregelung sein, die nicht explizit sichtbar ist, aber wie so eine unsichtbare, wie so ein unsichtbarer Faden durch das Ganze durchgeht. Und das ist eigentlich, glaube ich, ganz gut gelungen. Und das Komische ist, dass die Qualität höher ist, als es normalerweise ist in einer Siedlung, wo jeder sein Haus baut, und dass sie aber nicht penetrant sind in dem Sinne, dass sie dann Durchgängigkeit unbedingt verlangt. Die Regeln sind sehr sublim auf bestimmte Dinge reduziert, die aber dann doch in Summe sehr viel ausmachen. "

Das Architekturbüro AFF hat schon mehrere Häuser am Horn gebaut. Die anfängliche Skepsis, so Thorsten Lockl, ist längst verflogen, man hat ein Gespür für die vielfältigen Möglichkeiten entwickelt, die unter den vorformulierten Bedingungen realisierbar sind.

" Innerhalb dieser Regeln sind eigentlich schon noch ganz angenehme Spielräume für den Wohnraum zu machen. Das ist auch psychologisch ganz gut für den Bauherrn, dass der ein bisschen gefasster ist und nicht immer seine sofortigen Wünsche, die er hat, umsetzen kann. "

Auf der Terrasse von Stamm-Teskes Haus lässt sich die Grammatik der Siedlung deutlich erkennen. Von hier oben blickt man auf eine bunte Mischung von Bäumen, Gärten und Häusern. Es gibt zwei, drei Baustellen, und einige Grundstücke warten noch auf einen Käufer.

" Ich denke etwas Wichtiges, was wir von hier oben sehen, ist, dass nicht ablesbar ist, wo genau die Grundstücksgrenzen sind zwischen den einzelnen Häusern. Die Parzellen sind so versetzt angeordnet, und über ihre Spielregeln, mal drauf, mal daneben, mit Abstand bauen, dass man jetzt als Gesamtes eigentlich ein Gartenkonzept sieht, das höchstens mal ne kleine Hecke dazwischen hat. Und man hat den Eindruck, man wohnt in einem Landschaftspark. "

Für Walter Stamm-Teske ist die Terrasse ein Stück Lebensqualität. Bevor er zu bauen begann, haben sich seine Familie und er gründlich überlegt, wie sie wohnen wollen. Das Ergebnis ist reichlich unkonventionell geworden, denn der Architekt hat sein Haus buchstäblich auf den Kopf gestellt. Jedenfalls was die Nutzung betrifft, denn Küche und Terrasse befinden sich nicht im Parterre, sondern oben im zweiten Stock.

" Ich versuch's mal zu schildern. Im Erdgeschoss, das ist natürlich klar, dass man da die Nachbarbauten sieht. Sie sind mal drei Meter weg und mal fünfzehn Meter weg. Und die Aussicht ist nicht da, aber das ist eine Gartensituation. Und wir haben Kinder im Alter von jetzt 9 und 13 Jahren, die ganz viele Freunde haben, die kommen rein und raus und haben andere Bedürfnisse als wir Eltern. Das heißt, wir haben uns dann entschieden, dass die Kinder im Erdgeschoss wohnen, im Zwischenge-schoss sind dann Schlafzimmer und Arbeitsräume der Eltern und hier, wo wir jetzt sitzen, mit einem phantastischen Rundumblick, 270 Grad, die Sicht über die Dächer, und wir sitzen hier von halb sieben Uhr morgens im Sommer, bis abends um zehn, bevor die Sonne untergeht, und kommen uns vor wie in den Ferien. "

In Weimar werden neue Wohnformen für das 21. Jahrhundert erprobt. Dass dies auf Augenhöhe zu Goethes Gartenhaus und zum "Versuchshaus am Horn" geschieht, hat seinen besonderen Reiz. Wolfgang Voigt vom Deutschen Architektur Museum ist überzeugt, dass der ideologische Hickhack von einst nunmehr Vergangenheit ist.

" Meine Schlussfolgerung wäre, dass diese beiden Wege ihre Legitimität hatten, dass es eigentlich nicht sein kann, dass man eine Architektur dekretiert – die und die muss es sein und die repräsentiert unsere Zeit, das ist unserer Stil – das gibt es in der Moderne nicht mehr. Das haben aber die streitenden Parteien in der Architektur in den 20er Jahren und 30er Jahren geglaubt, und sie haben sich aufs Messer bekämpft, und wir wissen heute, wohin das geführt hat, und das kann es nicht mehr geben. "

Bauhaus gegen Weimar und Goethe? Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Und bei Licht besehen ist es ja auch ein ziemlich unproduktiver Streit, der mit der neuen Siedlung am Horn nicht länger fortgesetzt wird.