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Tonart | Beitrag vom 25.09.2017

Neues Album von Van Morrison Audienz beim genialen Grantler

Von Marcel Anders

Der irische Musiker Van Morrison bei einem Konzert in Wien im Juni 2015. (dpa / picture alliance / EPA / Georg Hochmuth)
Auf der Bühne geradezu hyperaktiv, im Gespräch eher schwierig: Van Morrison (dpa / picture alliance / EPA / Georg Hochmuth)

Ein begnadeter Sänger und Songwriter – und ein fürchterlicher Gesprächspartner: Mit "Roll With The Punches" legt Van Morrison eine Hommage an den Blues vor - und beim Gespräch über sein neues Album ist der Altmeister mal wieder richtig übel gelaunt.

"‘Roll With The Punches‘  ist einfach der Name eines Songs und bedarf keiner Freud'schen Analyse – ich habe ihn verwendet, weil ich ihn mag. Genau wie das Foto fürs Cover. Das ist der einzige Grund – nicht mehr und nicht weniger."

Van Morrison hat eine seltsame Auffassung von Pressearbeit – er vermeidet sie seit sechs Dekaden so gut er nur kann. Lässt er sich doch auf einen Termin ein, dann ist er kurz angebunden, bissig und genervt. Eine Situation, die keinen Spaß macht – dabei ist der Anlass des Gesprächs doch ein Album, das der Musiker selbst als "reines Spaßprojekt" bezeichnet. Und das sehr gelungen ist: Eine Hommage an sein Lieblingsgenre, den Blues. Und an seine Helden wie T. Bone Walker, Count Basie, Sam Cooke, Lightnin' Hopkins und Bo Diddley, die ihn viel netter behandelt haben, als Morrison sein Gegenüber.

"Ich habe Little Walter gesehen – mit ihm abgehangen und mit ihm gespielt. Genau wie mit Lightnin' Hopkins, Bo Diddley, Mose Allison oder Count Basie. Denn ich war ein Student, der so viel lernen wollte, wie möglich. Und diese Leute waren Ikonen. Ich hatte das Glück, sie kennenzulernen und sie hatten kein Ego und waren ganz anders als Rockstars."

"Jeff Beck ist ein Meister der Gitarre"

Aber "Roll With The Punches" ist nicht nur ein Cover-Album, auf dem Morrison zehn Blues-Standards interpretiert - er steuert auch fünf Eigenkompositionen in derselben Manier bei, die sich qualitativ nicht vor den Klassikern verstecken müssen. Was nicht nur an Morrisons starkem Gesang und Saxofon-Spiel liegt, sondern auch an seiner eingespielten Band und illustren Gästen wie Chris Farlowe, Georgie Fame und Gitarrengott Jeff Beck, der an insgesamt fünf Stücken mitwirkt.
 
"Jeff Beck ist ein Meister der Gitarre. Für mich steht er auf einer Stufe mit B.B. King und all diesen Jungs. Wir wollten schon ewig zusammenarbeiten. Jetzt hat es endlich geklappt."

"I Can Tell" von Bo Diddley ist ein Stück, das repräsentativ für dieses Album ist: Musik alter Schule – zelebriert mit handwerklichem Können, Spielwitz und geradezu missionarischem Anspruch. Eben alle Varianten des Blues-Genres abzudecken, seine Vielfalt und Klasse aufzuzeigen und die Jugend, wenn nicht die Welt, an ehrliche, handgemachte Töne zu erinnern. Denn natürlich sind die Stücke live im Studio entstanden und meist auch im ersten Take. Was heutzutage - so Morrison - gar nicht so einfach sei.

Früher war die Musik echt und ehrlich

"Als ich anfing, waren die Techniker um einiges älter als ich – und sie haben auf eine bestimmte Weise aufgenommen: Erst wurden die Songs geprobt und dann festgehalten. So etwas wie Overdubs gab es nicht, sondern wenn du es verbockt hast, musstest du noch mal von vorne anfangen. Trotzdem war das ein viel schnellerer Prozess. Denn die heutigen Techniker haben keine Ahnung von Live-Musik, geschweige denn, wie man effizient arbeitet. Sie sind nicht damit aufgewachsen – im Gegensatz zu mir. Und ich muss sagen, dass es früher interessanter war, weil man nicht so viel Zeit auf irgendwelche Kleinigkeiten verwendet hat. Es ging schneller und war somit aufregender."

Früher, das ist die These, die Van Morrison hier vertritt, war vieles besser. Musik war echt und ehrlich. Platten wurden nur von Leute aufgenommen, die wirklich ein Instrument spielen konnten und Studiotricksereien, um nachträglich Fehler auszubügeln, gab es nicht. Eine goldene Zeit, über die Van The Man mit glänzenden Augen schwärmt – auch, wenn er gleichzeitig zugeben muss, dass seine alten Plattenverträge eher unvorteilhaft waren und er mehrfach von Labels und Managern übers Ohr gehauen wurde. Doch mit der modernen Musikwelt, mit Streaming, sozialen Medien, Casting-Shows und DJ-Producern kann der 72-Jährige nichts anfangen. Und von Albumverkäufen auch längst nicht mehr leben. Selbst wenn "Keep Me Singing" von 2016 eines seiner erfolgreichsten war.

Nicht genug Geld für den Ruhestand

"Es hat zwar hohe Chartplatzierungen erreicht – aber ich kann nicht sagen, was das in Verkaufszahlen bedeutet. Heutzutage ist es so, dass Alben in den ersten paar Wochen hoch in die Hitparaden einsteigen und dann ganz schnell wieder verschwindet. Das ist normal – und deshalb verfolge ich das auch nicht. Einfach, weil die Charts nichts mehr über Umsätze aussagen. Die Zahlen stehen in keinerlei Zusammenhang."

So bleibt dem kleinen, kompakten Mann mit den schlechten Zähnen nur die Bühne – auf der er nach wie vor hyperaktiv ist. Zum einen, so sagt er, weil er nichts Besseres mit sich anzufangen wisse, aber auch, weil er es sich schlichtweg nicht leisten könne, in Rente zu gehen. Dafür seien die Tantiemen aus Albumverkäufen und Airplay zu gering. Somit ist das Leben kein Zuckerschlecken – weder für ihn, noch für die Journalisten, denen Van Morrison eine Audienz gewährt.

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