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Tonart | Beitrag vom 09.12.2019

Neues Album von "The Who"Alte weiße Männer machen Musik für junge Generation

Von Robert Rotifer

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Roger Daltrey und Pete Townshend performen zusammen auf der Bühne in Atlanta. (picture alliance / AP / Invision / Robb Cohen)
Machen wieder zusammen Musik, wenn auch nicht zeitgleich im Studio: Roger Daltrey und Pete Townshend. (picture alliance / AP / Invision / Robb Cohen)

Nach zwölf Jahren veröffentlichen "The Who" ein neues Album. Im Interview sagt Songwriter Pete Townshend, wir alle würden die Welt besser machen. Das sollte man nicht Donald Trump oder Boris Johnson überlassen.

Pete Townshend und Roger Daltrey waren immer schon die beiden Antipoden in der Welt von The Who. Der künstlerisch ambitionierte Autor und Gitarrist Townshend am einen Ende des Spektrums, der geradlinig proletarische Sänger Daltrey am anderen Ende.

Heutzutage ist der eine pro Remain, der andere pro Brexit, sie geben keine gemeinsamen Interviews und während der Produktion des neuen Albums tauchte Daltrey nicht einmal im Studio auf, sondern sang seine Parts lieber alleine ein.

Bei jeder anderen Band wären das die schlimmsten Voraussetzungen für ein gelungenes Werk, nicht so bei The Who. Denn wie Pete Townshend erklärt, ist die Figur, der er seine Songs auf den Leib geschrieben hat, genau jene, die ihn und Daltrey eint: das Stereotyp des weißen alten Mannes.

"Die längste Zeit war mir klar: Falls wir je ein neues Album machen würden, musste Roger sich hundertprozentig darin wohlfühlen. Und wie sich herausstellte, war dem nicht so. Ich beschloss also, über Dinge zu schreiben, die wir gemein haben, und wir sind beide alt und weiß, und wir haben diese hauptsächlich männlichen Fans. Indem ich für Roger schrieb, habe ich auch für diese Leute geschrieben, die sich wohl ausgeschlossen fühlen. Aber ein 55- oder 60-jähriger, der mit kantigem Rock′n′Roll aufwuchs, sollte heute eigentlich Stormzy, Tyga oder Kendrick Lamar hören. Im Hip-Hop geht es um das Leben als Schwarzer, aber das spiegelt auch genau die Umstände wider, unter denen wir als junge Leute in der Nachkriegszeit aufwuchsen."

Einladung an nachfolgende Generationen

Das entwaffnende Eingeständnis der eigenen Irrelevanz, ein implizites, gegen sich selbst gerichtetes "Okay Boomer", zieht sich als roter Faden durch die neuen Who-Songs. Doch statt sich selbstmitleidig in diese defensive Rolle zurückzuziehen, streckt Townshend eine einladende Hand des Mitgefühls in Richtung der nachfolgenden Generationen aus.

"Ich wurde ungefähr am letzten Tag des Krieges geboren, und meine Frustrationen als quengelndes verwöhntes Balg waren, dass ich zu lange auf meinen Zucker warten musste. Oder, dass meine Eltern, die so lange im Krieg gewesen waren, zusammen Spaß haben und mich nicht daran teilhaben lassen wollten. Das ist typisch für meine Generation der Baby-Boomer. Aber jetzt haben wir eine andere Generation, die tiefe Narben trägt. Da ist eine riesige Maschine von Millennials am Werk, und die wissen nicht, wie man lacht. Nicht, dass sie keine Ironie verstünden, aber was sie mit sich herumtragen, ist ein tiefes Schuldgefühl."

Ein Appell an alle Menschen

Kenner von Pete Townshends Songwriting werden auf "WHO" einiges vom kommunalen Gestus von Seventies-Songs wie "Join Together oder "Let’s See Action" wiederfinden. In "Street Song" etwa verbindet er seinen Tribut an die Opfer des Großbrandes 2017 im Londoner Grenfell Tower mit einem gemeinschaftlichen Appell. Die Antwort auf das im Albumtitel in Großbuchstaben geschriebene Fragewort "WHO" ist ein entschiedenes: Wir alle.

"Als ich 'Street Song' halb fertig hatte, tanzte ich allein durch mein Studio und dachte mir: Was für ein fröhlicher Song: Das sind unsere Straßen, und wenn jemand für sie was tun kann, dann sind das wir. Ich will nicht Donald Trump oder Boris Johnson bitten, es wieder gutzumachen. Wir werden es tun. In der Musik geht das leicht, im echten Leben weniger."

Es liegt wohl auch an der Spärlichkeit ihres Spätwerks, aber "WHO" ist das beste Album dieser Band seit dem Tod ihres Schlagzeugers Keith Moon 1978. Dass Pete Townshend selbst mit 74 noch so überzeugend für seine Generation und nicht nur diese schreiben kann, hätte man eigentlich nicht zu hoffen gewagt.

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