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Tonart | Beitrag vom 12.06.2019

Neues Album von Eleni MandellVom Gefängnis inspiriert

Von Carsten Beyer

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Frauen stehen in Häftlingskleidung im Estrella- Gefängnis in Phoenix in einer Reihe. Jede hat ihren rechte Hand auf die Schulter der Frau vor ihr gelegt. (Picture Alliance / dpa / EPA / Jim Lo Scalzo)
Reue und der Wunsch nach Vergebung: Viele Themen, mit denen sich Eleni Mandell in ihren Lieder auseinandersetzt, gehören im Gefängnis zum Alltag. (Picture Alliance / dpa / EPA / Jim Lo Scalzo)

Resozialisierung durch Songwriting - das ist die Idee von "Jail Guitar Doors". Auch Eleni Mandell hat Workshops hinter Gittern gegeben und dabei viel Überraschendes erlebt. Aber auch Inspiration für ihr neues Album "Wake Up Again" gefunden.

"Wake Up Again" heißt das neues Album von Eleni Mandell. Sie fasst darin Erlebnisse in verschiedenen amerikanischen Frauengefängnissen zusammen.

"Ich weiß gar nicht genau, was ich erwartet habe", erzählt Eleni Mandell. "Ich wollte den Leuten helfen: Ich wollte ihr Leben ein bisschen fröhlicher machen, ich wollte, dass sie ein bisschen über sich selbst nachdenken. Vieles von dem, was ich im Gefängnis gelernt habe, hat mich überrascht. Wieviel wir gelacht haben zum Beispiel, aber auch wie talentiert viele der Frauen waren. Und selbst die, die nicht so talentiert waren, hatten einen unglaublich starken Wunsch, sich auszudrücken. Sie haben gerne mitgemacht und waren stolz auf ihre Arbeit."

Schon immer für Gefängnisse interessiert

Eleni Mandell hat sich schon immer für Gefängnisse interessiert: Ihre beste Freundin ist Strafverteidigerin, ihre Mutter hat viele Jahre als Lehrerin im Justizvollzug gearbeitet – und dann war da noch ihr Großvater, der in den 70er-Jahren eine Zeitlang im Knast saß, ohne dass irgendjemand der kleinen Eleni sagen wollte, warum der Opa auf einmal nicht mehr zu Besuch kam.

Vielleicht war das auch der Grund, dass sich die Kalifornierin gleich gemeldet hat, als sie das erste Mal von "Jail Guitar Doors" hörte. Songwriting- Workshops hinter Gittern, das schien interessant. Außerdem war sie gerade auf Jobsuche und das ewige Touren ging ihr auf die Nerven. Wayne Kramer besorgte ihr die nötigen Sicherheitsfreigaben beim Sheriff – und schon konnte es losgehen

Privates mit Häftlingen geteilt

"Ich war erst ein bisschen schockiert, als sich die Zellentore auf einmal hinter mir geschlossen haben", berichtet Mandell. "Aber ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas passieren könnte. Ich hatte immer eine Pfeife dabei, um schnell Hilfe holen zu können, und ich habe aufgepasst, nie in etwas hingezogen zu werden. Trotzdem meinten einige der Wärterinnen, ich sei naiv, weil ich so viele private Dinge mit den Häftlingen geteilt habe. Das macht man normalerweise nicht. Aber wie kann ich über so etwas Privates wie das Schreiben von Songs reden, ohne private Beispiele zu geben?"

Schuld und Sühne, Reue und der Wunsch nach Vergebung – all das hat schon in früheren Songs von Eleni Mandell eine Rolle gespielt. Im Gefängnis aber hatte sie es auf einmal mit Menschen zu tun, für die solche Themen zur Alltagsrealität gehören. Mörderinnen hat sie getroffen, Bankräuberinnen und Drogendealerinnen – mit ihnen zusammen hat sie sich hingesetzt, Gedanken aufgeschrieben und schließlich Songs daraus gemacht.

Von der Hoffnung auf ein normales Leben

Dabei kam Mandell auch die Idee, selbst ein Album über die Zeit im Gefängnis zu veröffentlichen: Von der Hoffnung, irgendwann wieder ein normales Leben führen zu können, handelt einer der Songs und ein anderer erzählt von der Angst, den Kontakt zu den eigenen Kindern zu verlieren. Und dann ist da noch der Titelsong "Wake Up Again" – über die schwere Bürde, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen

"In diesem Song geht es um eine Frau, die ich im Gefängnis kennengelernt habe, die schon mehr als 40 Jahre einsitzt. Ich habe versucht, mich in sie hinzuversetzen, mir vorzustellen, wie sich das anfühlt, eine solche Tat begangen zu haben: Wenn man jeden Morgen aufwacht und denkt: Könnte ich das Geschehene doch wieder rückgängig machen und einfach nochmal von vorne anfangen", erzählt Eleni Mandell.

Paranoide Gedanken habe ich schon

"Wake Up Again" ist eine sehr melancholische, nachdenkliche Platte geworden. Ihren Schülerinnen im Gefängnis hat Eleni Mandell davon nichts erzählt und sie hat auch nicht vor, dort mit den neuen Songs aufzutreten – schließlich hat sie mittlerweile einen neuen Job als Musiklehrerin an einer Highschool. Ein schlechtes Gewissen habe sie nicht. Schließlich seien die einzelnen Personen in den Songs unkenntlich gemacht worden, sagt sie – und wird dann doch ein wenig nachdenklich:

"Ich habe oft drüber nachgedacht, wie es wäre, wenn jemand von den Insassen sich über einen Song ärgert, dann rauskommt und mich findet und zur Rede stellt. Solche paranoiden Gedanken habe ich schon. Gleichzeitig hoffe ich aber, dass auch die Leute, um die es geht, erkennen, dass sie mich vor allem positiv beeindruckt haben. Viele dieser Frauen leben in sehr komplizierten Verhältnissen, sie haben eine Menge durchgemacht. Deswegen möchte ich ihnen auf gar keinen Fall schaden."

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