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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 20.12.2019

Neues Album von Andrea Pancur "Weihnukka"Der Traum von einer besseren Zukunft

Von Luigi Lauer

Die Sängerin Andrea Pancur während eines Auftritts. (imago / Viadata )
Die Münchner Musikerin Andrea Pancur (imago / Viadata )

Die Lichterfeste Chanukka und Weihnachten überschneiden sich in diesem Jahr. Das hat die Münchener Musikerin Andrea Pancur als Anlass genommen, Lieder beider Feste zusammen zu bringen. Es gelingt Pancur daraus etwas eigenes zu schaffen.

Nanu? Ein Weihnachtslied in einer Sendung über jüdisches Leben in der Welt? Das geht doch nicht? Doch, das geht. "Weihnukka" macht es möglich. Es war schon im 19. Jahrhundert durchaus üblich, dass jüdische Familien sich nach deutscher Tradition einen Tannenbaum ins Wohnzimmer stellten und ihn schmückten. Immerhin liegen Chanukka und Weihnachten zeitlich beieinander, da wollten viele nicht außen vor stehen. Und die Kinder werden schon mächtig Druck gemacht haben, wieso es nicht so bunt lichtert und glitzert wie bei den Hubers nebenan.

Andrea Pancur hat sich schon immer für die jüdische Kultur interessiert. Bereits vor mehr als zehn Jahren packte sie jiddische und bayerische Musiktraditionen zu Alpen-Klezmer zusammen. Die persönliche Verbundenheit mit Klezmer und Artverwandtem sieht Andrea Pancur in ihrer slowenischen Familiengeschichte.

"Die Familie, die war ja schon vor dem Ersten Weltkrieg da, und die Pancurs haben sich dann 1924 einbürgern lassen, nicht wissend, dass 1933 kommen wird und es für die Slowenen dann relativ schwierig wurde. Und dann hat man sich einen wilden Ariernachweis zusammengebastelt, mit Familienlegende, um die Zeit einfach zu überstehen. Aber es war lebensgefährlich."

Schmerzliche Parallelen

Es gab viele Zwangsarbeiterlager für Slowenen, ungezählte von ihnen landeten im KZ. Die Pancurs haben es knapp überlebt. Doch noch zwei Generationen später erlebte Andrea Pancur als Kind das Gefühl der Ausgegrenztheit, den Schmerz, nicht richtig dazu zu gehören.

"Die jiddische Musik, das war für mich wirklich ein Überlebensdruck, die zu singen. Die slowenische Herkunft und was war da im NS, das war so rätselhaft und so nebulös, und dann war die jiddische Musik ein Ventil für mich, um mich da auszudrücken."

Tatsächlich ist das Schicksal der Slowenen während der NS-Diktatur erst in jüngerer Zeit erforscht worden, wofür sich Pancur als studierte Geschichtswissenschaftlerin naturgemäß besonders interessiert hat, ihre Abschlussarbeit handelt davon.

Ob Chanukkia oder Weihnachten, zum Jahresende wird gefeiert, Punkt. Ob mit Krapfen und Kartoffelpuffern beim Dreidelspiel oder Würstchen an Kartoffelsalat beim Monopoly – die Arbeit bleibt an diesen Tagen liegen. Sie machen ja auch genug Arbeit.

"Es sind beides Familienfeste, es dreht sich bei beiden Festen relativ viel um die Kinder, es dreht sich bei beiden Festen sehr viel ums Essen. Inhaltlich trennt letztlich Weihnachten das Christentum vom Judentum, weil: ohne Weihnachten kein Christentum. Und Chanukka geht zurück auf einen historisch verbürgten Aufstand."

Die Orgel als Kitt zwischen den Religionen

Der war 164 vor, nun ja, Christus, und beendete die Zeus-Anbetung in Jerusalem. Nur: Wie bekommt man zwei religiös wie historisch so unterschiedlich begründete Feierlichkeiten auf eine Fest-Platte?

"Nee, das war überhaupt nicht der Hintergrund bei der Auswahl. Wir haben sogar versucht, es möglichst viel miteinander zu kombinieren. Wir haben versucht, möglichst viel Glocken zu verwenden, die Orgel zieht sich durch, und wir haben auch versucht, es miteinander zu mischen, wenn es möglich war."

Einfach nur Jahresendlieder unterschiedlicher Provenienz neu interpretieren – so etwas Banales ist von Andrea Pancur nicht zu erwarten. Schon das erste Stück basiert auf dem wenig zimperlichen Gedicht "Heilige Nacht" von Erich Mühsam; dann wirft ein Wiegenlied die Frage auf, wie die Geschichte wohl verlaufen wäre, hätte ein Mädchen in der Krippe in Bethlehem gelegen; und mit dem "Partizaner Marsh" drängt gar ein antifaschistisches Arbeiterkampflied aus den Lautsprechern. Eines dürfte bei dieser Aufzählung klar werden: Ein Album für das traute, besinnlich-familiäre Beisammensein ist "Weihnukka" definitiv nicht.

"Nein, ist es nicht, gut erkannt, vielen Dank. Nein, ich wollte kein Wellness-Album machen, wo man Chanukka-Lieder und Weihnachtslieder nebeneinander stellt. Ich muss ganz ehrlich sagen, so was langweilt mich eigentlich eher. Also, mich haben die Unterschiede interessiert."

Nicht der Lüge glauben

Und offensichtlich auch, was von dem einen sich dem anderen unterjubeln lässt. Es ist vor allem das Spiel mit der Erwartungshaltung, das Weihnukka so spannend macht, und man kann den Spaß der Musikantinnen und Musikanten hören, uns mit vertrauten Titeln wie "Kommet ihr Hirten" in die Irre zu führen. Und doch: "Weihnukka" will ein versöhnliches Album sein.

"Weil ich denke, ja, kann nie schaden, ja, wenn wir von einer besseren Welt träumen, in der man nicht der Lüge glaubt, sondern weiter die Wahrheit sucht."

Die kindlich anmutende Zeichnung auf dem CD-Booklet, wo der 9-armige Chanukkia-Leuchter als Christbaumspitze dient, unterstreicht diesen Gedanken. Ein anderer bildet das Ende des Vorwortes von Andrea Pancur. Sie zitiert im Booklet Angela Merkel und schreibt: Der Traum von einer besseren Zukunft für Mensch, Tier und Umwelt ist noch lange nicht ausgeträumt. Mein Weihnukka-Wunsch: Wir schaffen das. Trotz alledem.

"Ja! Ich finde, das ist ein guter Satz, den sie gesagt hat. Und dann dachte ich, wenn nicht an Weihnachten, wann dann? Wann zitiere ich mal Frau Merkel? Dann mache ich das jetzt, ja. War mir ein Fest."

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