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Buchkritik | Beitrag vom 30.04.2019

Neuer Roman von David KeenanKleines Kaff, große Träume

Von Gerrit Bartels

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Cover des Romans "Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird" von David Keene, im Hintergrund ein Zug am Bahnhof von Airdrie. (Frankfurter Verlagsanstalt / imago)
Trist und öde ist es in Airdrie. Aber es gibt Träume und es gibt die Musik. (Frankfurter Verlagsanstalt / imago)

Das Leben in Airdrie, einer westschottischen Kleinstadt, ist für junge Leute in den 80er-Jahren ziemlich öde. Dagegen helfen große Träume und der Glaube an das Unmögliche. Davon erzählt David Keenan in seinem Roman "Eine Impfung gegen …".

Ob das wirklich nötig gewesen wäre? Aus einem schlichten Originaltitel, "This is Memorial Device", so ein Ungetüm für die deutsche Ausgabe dieses Romans zu machen: "Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird".

Vielleicht war es das ja wirklich. Denn zum einen sorgt so ein langer, nicht unorigineller (nicht zuletzt einer Kapitelüberschrift entnommener) Buchtitel für Aufmerksamkeit, überdies für einen gewissen Erinnerungs- und Wiedererkennbarkeitswert.

Zum anderen kennt die Band, um die es hier häufig geht, nämlich Memorial Device, kein Mensch: Memorial Device sind fiktiv, sie hatten ihre größte Zeit in den mittleren achtziger Jahren, überdies in Schottland, in einem kleinen, allerdings realen Kaff an eben jener schottischen Westküste, in Airdrie und Umgebung.

"Sie klangen wie Airdrie, was heißen soll, sie klangen wie ein beschissenes schwarzes Loch. Alle liebten oder hassten sie, und die, die sie hassten, liebten sie gleich doppelt."

So steht es in der Einleitung dieses Debütromans des 1971 geborenen schottischen Musikers und Autors David Keenan, einer kurzen Einleitung, die von einem gewissen Ross Raymond stammt, der hier als eine Art fiktiver Herausgeber und Materialsammler fungiert.

Musik, Drogen und ein Haufen Träume

Raymond ist eine von vielen Figuren und Erzählern von Keenan, aber derjenige, der sie in 26 Kapiteln alle zum Sprechen bringt und dazu, sich an eine Zeit zu erinnern, in der selbst in dem nicht weit von Glasgow gelegenen Airdrie vieles möglich schien: nicht nur für die größte Band aus dem schottischen Pop-Underground, sondern auch für viele seiner Einwohner  und Einwohnerinnern.

Sie machen Musik, sie lieben Musik, sie nehmen Drogen, sie haben Sex, sie haben einen Haufen Träume –  und was macht es da schon, dass viele sich nur mit irgendwelchen McJobs in Krankenhäusern, Imbissen, Schuhgeschäften oder Bars über Wasser halten, "dass hier die am wenigsten mobile Bevölkerung aller britischen Städte lebt"?

Ganz sicher, das ist das mindeste, so weiß es einer der vielen Geschichtenerzähler von Keenan, verstecken sich hier "in einsamen möblierten Zimmern und tristen Wohnungen über Imbissen die mitunter exzentrischen Charaktere, die je einem Roman entsprungen sind." Und die schaffen es dann auch mal nach Israel/Palästina oder Paris, selbst wenn ihnen dort nicht so viel Glück beschieden ist. Oder eben, klar, nach London, wo "Memorial Device" den Vertrag bei einem Indie-Label unterschreiben, das mit einer großen Plattenfirma zusammenarbeitet.

Einflüsse aus der Popliteratur

Es steckt viel Popmusik drin in diesem Roman, streng der Zeit der späten Siebziger bis mittleren Achtziger verpflichtet, der hohen Zeit des Postpunk. Alle sind Fans, kaufen Platten, lassen sich von Television, Suicide, Bowie oder Sonic Youth inspirieren, sind Teil der lokalen Musikszene. Und natürlich hat David Keenan seine Popliteratur gelesen und verinnerlicht. Er liebt das Listenwesen, lässt fiktive Interviews führen, erstellt eine fiktive Discografie von Memorial Device (bei denen man manchmal vage an die realen Orange Juice denken kann), und ein ewig langes Personen - und Stichwortregister gibt es auch. Nicht umsonst heißt der Unterttitel des Romans, an dem sich der deutsche Verlag womöglich orientiert hat:

"An Hallucinated Oral History of the Post-Punk Scene in Airdrie, Coatbridge and Environs, 1978-1986". 

Wie mündlich erzählt wirken fast alle der kurzen Geschichten der vielen Menschen aus Airdrie. Keenans Prosa hat etwas schön Schnoddriges, scheint gezielt dem (post-)pubertären schottischen Arbeiter- und White-Trash-Leben abgelauscht (was die Übersetzerin Conny Lösch im Deutschen gut erhalten hat).

Vergnügliche Lektüre

Diese Stärke ist allerdings manchmal auch das (einzige) Problem dieses originellen Romans, gerade zu Beginn:  Ein Erzähler, eine Erzählerin klingt wie der oder die andere. Weil Keenan das wohl selbst irgendwann aufgefallen ist, wechselt er häufig die Form. So folgt auf ein Interview eine mit vielen Unterstrichen versetzte Erinnerung, gibt es Geschichten mit mal mehr, mal weniger Absätzen, einmal einen E-Mail-Brief, einmal ein Requiem in Form einer Sentenzensammlung. "Wir alle leben unser Unglück in unterschiedlichen Maße aus", heißt es darin.

Am Ende einer abwechslungsreichen vergnüglichen Lektüre weiß man, dass das schottische Airdrie gleichermaßen etwas von Winesburg, Ohio hat wie es gut in die Romanwelt von Keenans Landsmann Irvine Welsh passen würde.

David Keenan: "Eine Impfung zum Schutz gegen das selbsttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird"
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Liebeskind Verlag, München 2019
320 Seiten, 20 Euro

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