Seit 11:05 Uhr Tonart

Dienstag, 25.02.2020
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Studio 9 | Beitrag vom 28.01.2020

Neuer Feiertag 8. MaiDen Sieg über Nazi-Deutschland würdigen

Von Moritz Behrendt / Friedrich Wilhelm Graf im Gespräch mit Julius Stucke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der sowjetische Soldat Militon Kantarija aus Georgien hisst am 2. Mai 1945 die sowjetische Flagge auf dem Berliner Reichstag. Dies geschah bereits nach der Einnahme Berlins durch die Rote Armee am 30. April 1945. Da aber weder ein Fotograf noch ein Kamermann anwesend war, wurde die historische Szene nach der Kapitulation Berlins am 2. Mai für den russischen Kriegsfotografen Jewgeni Chaldej nachgestellt. (picture-alliance / dpa Bildarchiv / Jewgeni Chaldej)
Am 2. Mai 1945 hisst ein Soldat der Roten Armee die Sowjetflagge auf dem Berliner Reichstag. Am 8. Mai folgt die Kapitulation der Wehrmacht. (picture-alliance / dpa Bildarchiv / Jewgeni Chaldej)

Sollte der "Tag der Befreiung" in Deutschland zum Feiertag werden? Der Forderung der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano stimmten bereits mehrere Politiker zu. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf geht sogar noch weiter.

Am 8. Mai 1945 endete mit der Kapitulation des Deutschen Reichs der Zweite Weltkrieg auf europäischem Boden. Der Tag des Kriegsendes solle zu einem bundesweiten Feiertag erklärt werden, fordert die Holocaust-Überlebende und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in Deutschland Esther Bejarano. Das schreibt sie in einem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel und Mitglieder des Bundestages.

Ein solcher Schritt sei seit sieben Jahrzehnten überfällig, argumentiert Bejarano. Er könne helfen zu begreifen, "dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes. Wie viele andere aus den Konzentrationslagern wurde auch ich auf den Todesmarsch getrieben. Erst Anfang Mai wurden wir von amerikanischen und russischen Soldaten befreit. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit."

Zustimmung von Grünen und Linken

Politiker mehrerer Parteien äußerten schnell ihre Zustimmung: Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt sagte, der 8. Mai als Feiertag mahne daran, die deutschen Verbrechen nicht zu relativieren – und wäre ein bleibender "Pflock" in der deutschen Erinnerungskultur.

Die Linkspartei setzt sich seit Längerem dafür ein, den Tag des Kriegsendes als Feiertag zu etablieren: "Die Befreiung vom Hitler-Faschismus" bilde die Grundlage des demokratischen Deutschlands, so Fraktionschef Dietmar Bartsch.

Stolpersteine putzen, nicht baden

Für Christian Höppner, den Generalsekretär des Deutschen Musikrates, kommt die Forderung genau zum richtigen Zeitpunkt. Im Deutschlandfunk Kultur machte er aber eine Einschränkung:

"Dieser Tag, der eignet sich nicht dafür, Baden zu fahren oder sonstwas zu machen, sondern ich finde zumindest da, wo wir mitregulieren können, das wären zum Beispiel die Schulen, dass man an diesem Tag sagt, die Schulen öffnen ihre Häuser, sie zeigen, was sie zu diesem Thema gearbeitet haben, ob das Ausstellungen sind oder Aufführungen. Man kann sich auch vorstellen, sie gehen raus und reinigen zum Beispiel die Stolpersteine."

Erst in Berlin, dann in ganz Europa?

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer will den Blick nicht auf Deutschland verengen – der 8. Mai sei ein so zentrales Ereignis der europäischen Geschichte, er sollte am besten europaweit zum Feiertag werden, meint der FDP-Politiker.

Im Bundesland Berlin ist der 8. Mai 2020, 75 Jahre nach Kriegsende, einmalig ein gesetzlicher Feiertag. In anderen Bundesländern scheiterten entsprechende Vorstöße der Linkspartei.

Auch der protestantische Theologe Friedrich Wilhelm Graf sieht, so wie FDP-Politiker Theurer, die Chance, mit dem 8. Mai einen gesamteuropäischen Feiertag zu etablieren. In einigen Ländern sei er bereits ein Feiertag, etwa in Tschechien und in Frankreich, so Graf. 

Wie würde man den 8. Mai als Feiertag gestalten? Der Staat dürfe den Leuten nicht vorschreiben wollen, was sie an diesem Tag zu tun haben, betont der Theologe. "Die Kirchen können den Leuten ja auch nicht vorschreiben, was sie an Pfingsten oder an Weihnachten tun. Ein Feiertag kann von den Leuten ganz unterschiedlich genutzt werden, das kann man nicht verhindern."

Ein jüdischer Feiertag

Friedrich Wilhelm Graf hat vor kurzer Zeit noch einen anderen Vorschlag für einen neuen Feiertag geäußert: Nach dem antisemitischen Anschlag von Halle hatte er an die beiden großen christlichen Kirchen appelliert, auf einen Feiertag zu verzichten, etwa den Pfingstmontag, um mit Jom Kippur auch einen jüdischen Feiertag in die symbolisch-religiöse Zeitordnung des Landes aufzunehmen.

"Ich habe sehr viel zustimmende Post von Pfarrern beider Konfessionen bekommen", sagt Graf. Im Bereich des höheren kirchenleitenden Personals sei er mit seinem Vorschlag aber eher auf Unverständnis gestoßen.

(jfr)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur