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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.04.2017

Neuer DHM-Chef Raphael Gross Er wird Stehvermögen brauchen

Von Christiane Habermalz

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Deutsches Historisches Museum (picture alliance / dpa  / ZB / Sören Stache)
Deutsches Historisches Museum (picture alliance / dpa / ZB / Sören Stache)

Raphael Gross hat das Deutsche Historische Museum übernommen. Er hat viel Arbeit vor sich, zuletzt war das DHM in die zweite Museumsliga abgerutscht. Es geht um nichts weniger als eine Neuausrichtung des gesamten Hauses.

Offenbar hat es sich bewährt, die deutschen Geschichtsinstitutionen Intellektuellen mit Migrationshintergrund anzuvertrauen, wie man heute so schön sagt – zumal wenn die Institutionen sich in einer lange schwärenden Krise befinden. Ein Schotte für das Humboldtforum, ein Niederländer für das Märkische Museum, jetzt soll ein Schweizer das Deutsche Historische Museum (DHM) retten: Raphael Gross, gebürtiger Zürcher, langjähriger Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt. Erst vor zwei Jahren war er von dort nach Leipzig gegangen, um einen Lehrstuhl für jüdische Geschichte anzutreten und das Simon-Dubnow-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur zu leiten. Es sei kein leichter Schritt gewesen, der Wissenschaft bereits nach zwei Jahren wieder den Rücken zu kehren, sagt Gross. Doch die Leitung des DHM sei einfach ein Angebot gewesen, das man als Historiker kaum ausschlagen könne.

"Ein Haus mit einem unglaublichen Team von auch Wissenschaftlern, das ist ja auch eine Forschungseinrichtung, so ein Museum. Ein Haus mit einer sehr bedeutenden großen Sammlung, fast einer Million Objekte, mit einem eigenen Kino, was ich ganz toll finde für so ein Haus, mit Veranstaltungsmöglichkeiten, in Berlin, und mit wunderbaren Bezügen zu anderen spannenden Häusern in der Gegend. Insofern ist das schon eine besondere Gelegenheit."

Portraitbild des Direktors des Fritz-Bauer-Instituts, Raphael Gross. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)Der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Raphael Gross. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)

Raphael Gross macht seinem Namen alle Ehre, er ist ein stattlicher Mann. Ein gewisses Stehvermögen traut man ihm sofort zu und das wird er auch brauchen. Er tritt kein leichtes Amt an. Sein Vorgänger Alexander Koch kam 2011 mit vielen Vorschusslorbeeren ans DHM, als Reformer, der die in die Jahre gekommene Dauerausstellung überarbeiten und ein modernes Museum aufbauen sollte.

Doch Koch agierte glücklos, überwarf sich mit seinem Haus, die Ausstellungen, zumeist extern kuratiert, wurden von den Medien regelmäßig verrissen. Zuletzt operierte das DHM nur noch in der zweiten Museumsliga. Koch musste schließlich gehen, die Probleme des DHM blieben ungelöst, zurück blieben zerstrittene, demotivierte Mitarbeiter und ein Haus, das nach seiner Position suchte. Jetzt soll es Raphael Gross richten. Er will sich Zeit lassen, in Ruhe mit allen reden, sich ein Bild machen.

"Ich denke es ist sinnvoll, gerade in so einer Anfangsphase, dass man zunächst erst einmal lernt von einem Haus."

Viele Fragen sind nun zu beantworten. Allen voran die nach der Funktion, die das Haus haben soll. Identitätsstiftendes Nationalmuseum oder Ort der kritischen Debatte? Für Gross vor allem ein Ort, an dem man seine historische Urteilskraft bilden soll. Denn Geschichte sei nichts Abgeschlossenes, sondern ein ständiger Referenzpunkt für die Aktualität. Daher seien Wechselausstellungen so immens wichtig.

"Wo man eben etwa über religiösen Fanatismus in Europa nachdenken kann – vor dem Hintergrund von Irland, vom 30-jährigen Krieg, von verschiedenen anderen Konflikten, wo man aber schnell vergisst, ah, die gab es auch, mit großem Fanatismus geführt, und wir sind gar nicht jetzt heute in einer Stunde Null. Wo nicht vorher etwas passiert wäre, aus dem wir unser Denken schulen können und unsere Diskussionen. Und da, habe ich das Gefühl, ist so eine Einrichtung wie vielleicht nichts anderes dafür prädestiniert."

Die Objekte verschiedene Geschichten erzählen lassen

Für die Überarbeitung der Dauerausstellung wolle er sich Zeit lassen, sagt Gross. Auch denen, die damals daran mitgearbeitet haben, sei klar, dass heute andere Sehgewohnheiten vorherrschten, dass der Wissensstand heute zum Teil ein anderer sei. Eins aber stellt er klar:

"Die wird sehr stark von Objekten ausgehen. Das meine ich als Gegensatz zu Ausstellungen, die man auch in modernen Museen sieht, die viel stärker medial funktionieren. Und das wäre sehr schade für dieses Haus, denn es hat diese unglaubliche Sammlung, und die sollten wir nutzen."

Zweitens wolle er dafür sorgen, dass Objekte nicht als bloße Bebilderung einer These eingesetzt würden. Denn dann würde die Möglichkeit vertan, Objekte ganz verschiedene Geschichten erzählen zu lassen - je nach Betrachter oder historischem Kontext, in den sie gestellt werden.

"Denn wenn Sie sich zum Beispiel die Kolonialismus-Ausstellung vor Augen führen, wenn jetzt jemand aus dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika sich da Objekte anschaut, wird ihr oder ihm das wahrscheinlich ganz anders erscheinen als einer Berlinerin oder einem Berliner oder einem Engländer oder Franzosen. Auch vor dem Hintergrund, dass wir wissen, dass über 50 Prozent unserer Besucher aus dem Ausland kommen."

Gibt es so etwas wie "deutsche Geschichte"?

Aber muss das Deutsche Historischen Museum nicht auch so etwas wie deutsche Kultur und Identität vermitteln – und wenn ja welche? Was wird von ihm erwartet in einer Zeit, in der Politiker wie Björn Höcke von der AfD nach einer erinnerungspolitischen Wende rufen, nach einer Geschichtsschreibung, die endlich wieder die positiven deutschen Werte in den Vordergrund rückt?

Das Wort Identität habe er schon immer gehasst, sagt Gross. Und ob es eine deutsche Geschichte überhaupt gebe, da ist er sich auch nicht ganz sicher. Denn den europäischen und außereuropäischen Kontext habe es immer schon gegeben. Zur aktuellen Krise Europas, ja, da könne das Museum eher Antworten finden.

"Wenn man sagt, dieses Haus begleitet uns. Es hat das Potenzial, uns, die wir wirklich nicht wissen, wie die EU aussehen wird ohne Großbritannien, nimmt Deutschland da einen großen Raum in der EU ein, so viele Nachbarländer haben gespaltene Gefühle dazu, da denke ich ist so ein Haus ideal, um nicht so wie Tageszeitungen oder Fernsehen zu intervenieren, aber trotzdem über die tiefen Strukturen von diesen Dingen nachzudenken." (inh)

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