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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.12.2007

Neuer Bischof von Limburg verteidigt Zölibat

Tebartz-van Elst: Es geht um ernsthaftes Vorbild sein

Moderation: Jürgen König

Der neu ernannte Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst (AP)
Der neu ernannte Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst (AP)

Der neuernannte Bischof der Diözese Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, will das Gespräch mit Jugendlichen suchen. Dies mache aber nur Sinn, wenn es einhergehe mit gemeinsamen Gebet. Damit Jugendliche merken, dass es einem ernst ist mit dem Glauben, sei ein Festhalten am Zölibat nötig, glaubt Tebartz-van Elst.

Jürgen König: Zum Gespräch begrüße ich in einem Studio des Westdeutschen Rundfunks in Münster den neuernannten Bischof der Diözese Limburg, Professor Franz-Peter Tebartz-van Elst. Guten Morgen, Herr Bischof.

Franz-Peter Tebartz-van Elst: Guten Morgen, Herr König.

König: Papst Benedikt XVI. hat Sie Ende November zum neuen Diözesanbischof ernannt. Am 20. Januar soll die Bischofsweihe stattfinden. In allen Meldungen, die man darüber liest, wird immer hervorgehoben, dass Sie mit nur 48 Jahren der jüngste deutsche Diözesanbischof seien. Ist das tatsächlich für einen Bischof so ein, wenn ich das so sagen darf, jugendliches Alter?

Tebartz-van Elst: Zunächst darf ich sagen, Herr König, dass ich schon zum Bischof geweiht worden bin vor vier Jahren. Im Bistum Münster war ich jetzt vier Jahre Weihbischof. Am 20. Januar wird die Einführung als Bischof von Limburg sein.

König: Ich danke für die Korrektur und bitte um Nachsicht.

Tebartz-van Elst: Aber es ist gleich die Brücke zu dem, was ich gerne auf Ihre Frage sagen möchte. 35 Jahre muss man alt sein nach dem Kirchenrecht, um Bischof werden zu können. Es gibt durchaus einige Mitbrüder auch, die schon im Alter, in dem ich jetzt bin, Bischof waren. Also es ist nichts Außergewöhnliches. Aber einer muss der Jüngste sein, und das bin ich nun mal.

König: Sie haben in vorangegangenen Gesprächen immer wieder betont, vor allem Jugendliche ansprechen zu wollen. Nun habe ich diesen Satz schon von sehr vielen Frauen und Männern der Kirche gehört: Wir wollen die Jugend gewinnen. Und wenn man in unsere Kirchen schaut, dann sieht man, dass es dort nicht wirklich sehr viele Jugendliche gibt. Mit welchem Rezept wollen Sie junge Menschen gewinnen.

Tebartz-van Elst: Ich glaube nicht, dass es ein Rezept gibt. Aber aus meiner Erfahrung gerade in den vergangenen vier Jahren als Weihbischof möchte ich zweierlei sagen: Ich habe erlebt, da, wo ich mit Jugendlichen im Gespräch bin, ist es möglich, mit ihnen die Fragen des Lebens, die Themen des Glaubens doch so anzusprechen, dass sie neu nachdenklich werden. Das ist gerade in den letzten Jahren meine Beobachtung. Das hat zugenommen.

Und ein Zweites, das nicht nachgeordnet ist, sondern gleich wichtig ist, mit ihnen im Gebet zu sein. Die Vorbereitung auf den Weltjugendtag, der Weltjugendtag selber, auch die Nachwirkung hat mir noch mal deutlich gemacht, dass beides zusammengehört. Wo Fragen des Lebens auch in das Wort des Gebetes gebracht werden, ist bei Jugendlichen eine andere Offenheit über ihr Leben nachzudenken.

Ich nenne ein Beispiel, wo mir das sehr, sehr deutlich geworden ist: Als im vergangenen Jahr der schreckliche Amoklauf in Emsdetten war und ich dort war, um mit Jugendlichen auch ins Gespräch zu kommen, da hat sich gezeigt, dass das Gespräch und das Gebet zusammenkommen müssen. Und gerade noch mal in diesem Gottesdienst war bei den Jugendlichen eine wirklich tief zu spürende Aufmerksamkeit da, die auch weitergegangen ist, wie mir die Seelsorger heute in den betreffenden Gemeinden der Stadt Emsdetten immer wieder auch gesagt haben.

König: An der Ehelosigkeit der Priester, am Zölibat halten Sie unbedingt fest.

Tebartz-van Elst: Ja.

König: Wie machen Sie das den Jugendlichen schmackhaft?

Tebartz-van Elst: Ich glaube, das erleben Jugendliche auch. Wo jemand mit ganzer Leidenschaft, mit Herz und Hand da ist für den Dienst der Kirche, für den Dienst am Reich Gottes, da merken sie auch, wie ernst es einem ist. Und ich glaube, dass die Kirche zu allen Zeiten davon gelebt hat, das hat Jesus schon am Anfang gewollt, dass Menschen sich ganz einbringen. Und Jugendliche merken das auch, ob Seelsorger ganz zur Verfügung stehen. Und deswegen bekommt die Lebensform um des Himmelreiches Willen, wie wir ja sagen, ihre größte Argumentationskraft durch ein überzeugendes Beispiel.

König: Noch einmal für alle diejenigen, die jetzt kopfschüttelnd uns zuhören. Wie machen Sie den hohen Wert des Zölibats jungen Männern klar, die vielleicht Priester werden wollen oder werden könnten?

Tebartz-van Elst: Indem ich immer wieder auch davon spreche, dass es wichtig ist, eine priesterliche Lebenskultur zu haben, sich Zeit zu nehmen für Gott. Das ist das Erste, was in dieser Lebensform auch zum Ausdruck kommen möchte, um damit Zeit zu haben für die Menschen. Ich erlebe das selber in meinem Dienst. Wenn ich ganz viel zu tun habe, wenn ich mir Zeit des Gebets nehme, auch wenn es äußerlich so scheint, als wenn vieles andere nach mir greift, dann merke ich, darin wird mir eine andere Zeit, im Sinne von innerer Geduld, von Gelassenheit geschenkt, um mich den Menschen zu widmen. Und das spürt man, wenn jemand daraus wirklich lebt, dann überträgt sich das auch in der Begegnung. Und ich glaube, dass sich das bei jungen Menschen immer auch festmacht an dem stimmigen Eindruck, den sie von dem bekommen, der diese Lebensform lebt.

König: Sie haben sich habilitiert mit einer Arbeit über Gemeinde in mobiler Gesellschaft, haben dazu in einem Interview gesagt: "Als große, neue Herausforderung empfinde ich den Glauben, missionarisch zu leben". Nun ist Missionierung hier in Deutschland nicht gerade ein Modewort. Was verstehen Sie unter missionarischer Seelsorge?

Tebartz-van Elst: Es gibt ein schönes Bild in der Apostelgeschichte, wie missionarische Seelsorge aussehen kann. Der Apostel Paulus steht auf dem Marktplatz von Athen, wenn man so will, auf dem Areopag. Er hört den Menschen zu, er bekommt mit, welche Fragen sie haben, welche Themen des Lebens sie bewegen - so wie ich es eingangs schon sagte auf ihre Frage, wie ich Jugendliche ansprechen möchte - und es gelingt ihm, diese Fragen aufzunehmen, die Menschen aber auch mitzunehmen und das Christusereignis, die Botschaft des Evangeliums ihnen als Antwort nahe zu bringen.

Was ich damit konkret sagen möchte ist, die Themen des Lebens aufzuspüren und anzusprechen, welche Inhalte des Glaubens für uns als ein tragendes Bekenntnis auch gelten. Und dazu braucht es, wie ich eingangs auch schon sagte, beides, Gespräch und Gebet. Wir erleben das da, wo Feiern des Glaubens sehr stimmig sind, sehr getragen sind, Menschen plötzlich merken, wie gut es Ihnen tut, dazu gehören zu dürfen. Für mich gehört zu einer missionarischen Seelsorge - Mission heißt ja eigentlich, die Sendung der Kirche leben, die Sendung mit dem Evangelium in die Welt hinein - Katechese, die Vermittlung der Glaubensinhalte, und Liturgie, die Feier des Glaubens.

König: Sie sind ja Bischof nicht nur der Stadt, sondern auch der Diözese Limburg. Zu dieser gehören die Großstädte Frankfurt am Main und Limburg und die ländlichen Regionen, Westerwald, Rheingau zum Beispiel. Welche Glaubensunterschiede gibt es von Stadt und Land?

Tebartz-van Elst: Auf dem Land ist es sicher so, dass Menschen in einem sehr überschaubaren Raum auch mit sehr viel intensiveren Sozialbezügen, die sie durch Nachbarschaft haben, durch Vereine haben, auch erwarten, dass Kirche sehr nah an ihren tagtäglichen Lebensbezügen ist. Und das ist für die Seelsorger auch künftig wichtig. Es gilt darauf zu achten, wie auch Ehrenamtliche in den Gemeinden gewonnen werden können, Verantwortung vor Ort zu übernehmen, der Kirche auch ein Gesicht zu geben.

In der Stadt ist es stärker so, wie ich es gerade schon vom Apostel Paulus her angesprochen habe, der Areopag der Großstadt Frankfurt und der Großstadt Wiesbaden bringt es noch mal mehr mit sich, darauf zu hören, was bewegt die Menschen an bestimmten Themen? Die Präsenz der Kirche etwa auch im Bereich der Bildungsarbeit, aber auch der vielen sozialen Angebote der Caritas in beiden großen Städten macht deutlich, wie nah sie im Bistum Limburg an den Themen, den Nöten des Lebens der Menschen ist. Ich glaube, dass es von daher gut ist im Bistum Limburg, dass beides da ist. Auf der einen Seite die ländliche Prägung, wo Menschen genauso die Frage nach Orientierung und Sinn stellen, aber in anderen Bezügen, und eben die Stadt mit diesen Herausforderungen. Ich glaube, dass sich das sehr befruchten kann.

Es gilt für mich jetzt gerade, auch wenn ich hinkomme, noch mal neu wahrzunehmen, wie ist das Leben auf dem Land dort. Ich komme aus dem Münsterland, das ist wieder anders. Ich habe gewisse Erfahrungen mit dem Landleben. Ich komme von einem Bauernhof am Niederrhein. Mir ist das alles nicht fremd. Aber es gibt doch immer auch noch mal wieder besondere mentalitätsmäßige Prägungen. Die Großstadt Frankfurt, das ist für mich eine ganz neue Erfahrung. Ich komme aus dem Bistum Münster. Münster ist eine große Stadt, aber Frankfurt hat doch noch mal eine ganz andere Prägung.

König: Eines der Themen, die in Frankfurt zurzeit sehr bewegen, sind die hohen Managergehälter. Manche sagen, sie verdienen viel zu viel Geld. Was sagen Sie dazu? Ist das überhaupt ein Thema für einen Bischof?

Tebartz-van Elst: Ich denke schon. Es ist wichtig, darauf zu achten, und das ist eines meiner Anliegen auch, immer wieder vom Evangelium her auch anzusprechen, dass wir eine Gerechtigkeit brauchen in unserer Gesellschaft. Und diese Frage der Gerechtigkeit durchzieht alle Bereiche. Wo die Schere immer weiter auseinandergeht, kommt es auch zu einer sozialen Unzufriedenheit in der Gesellschaft, denn alle arbeiten mit am Gemeinwohl der Gesellschaft. Ich glaube, dass die Aufgabe der Kirche ist, immer wieder darauf zu achten, dass das in eine verantwortbare und vertretbare Balance kommt.

König: Was halten Sie von der Idee, Gehälter in der Höhe gesetzlich oben zu begrenzen?

Tebartz-van Elst: Ich finde das sehr schwierig, wenn man gesetzlich alles normieren müsste und möchte. Ich meine, dass es viel wichtiger ist, gerade auch das sehe ich als Aufgabe der Kirche, an die ethische Verpflichtung zu erinnern, dass da, wo ich Eigentum habe, da, wo ich entsprechend verdiene, auch zu begreifen, dass ich mit dem, was mir gegeben ist, auch anderen helfen kann, helfen soll, auch Menschen zu unterstützen habe. Die Güter, die uns anvertraut sind, haben wir nicht für uns selbst, sondern sie sind uns anvertraut, dass wir sie auch mit anderen teilen. Das macht letztlich das Leben nur reich. Wenn ich merke, dass ich mit dem, was ich selbst erarbeitet habe, auch anderen Hilfestellung geben kann, anderen Gutes tun kann.

König: Sie waren, Herr Bischof, längere Zeit als Professor für Predigtlehre in den USA. Dort ist die Kirche viel mehr als hier darauf angelegt zu wachsen, sich zu vergrößern. Was haben Sie aus den USA mitgebracht, was haben Sie dort gelernt für Ihre Arbeit hier?

Tebartz-van Elst: In den USA gibt es einen ganz eigenen Sinn für Pragmatismus, gerade wenn es um pastorale Fragestellungen geht. Nicht in dem Sinne, dass man einfach macht. Aber das hängt zusammen auch mit der amerikanischen Mentalität. Es gibt dort noch mal ein größeres Selbstbewusstsein, das in dem Sinne vorwärts gewandt ist, dass es darum geht, den Blick darauf zu richten, was wächst, was gedeiht, wo können wir sozusagen auch einen Weg finden, der uns nach vorne bringt.

Wir sind in Deutschland manchmal mehr auf das fixiert, was alles weniger wird, was wegbricht. Ich glaube, dass wir so etwas wie einen pfingstlichen Stimmungswandel auch in der Kirche brauchen, den Blick auf das zu richten, was als kleines Pflänzchen wächst, das aber auch zu fördern. Dafür haben die Amerikaner einen ganz besonderen Blick.

Ich will ein Beispiel nennen: Die Sorge um die erwachsenen Taufbewerber ist in den USA schon vor 20 Jahren ein Thema in der Seelsorge gewesen. Es waren kleine Zahlen, aber die Aufmerksamkeit für diese Gruppe hat dazu geführt, dass die Gemeinden selbst darauf aufmerksam geworden sind und ihr Taufbewusstsein neu entdeckt haben. Und dadurch ist so ein positiver Stimmungswandel in die Gemeinden hineingekommen.

Und ich glaube, so etwas brauchen wir auch. Es gibt bei uns viel Gejammer manchmal über das, was nicht mehr so ist, wie es mal war. Aber damit behindern wir uns eigentlich nur selbst. Wichtiger ist es, sich an dem zu freuen, was sich in all den Veränderungen und Umbrüchen auch neu ergibt und neu auf den Weg kommt. Und das ist für mich so ein Grundimpuls, den ich aus der Zeit in den USA mitgenommen habe.

König: Also mit frischem Mut ins neue Amt.

Tebartz-van Elst: Richtig.

König: Vielen Dank. Der neue Bischof der Diözese Limburg, Professor Franz-Peter Tebartz-van Elst im Gespräch.

Tebartz-van Elst: Danke schön.

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