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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.08.2007

Neue Welt und neue Fragen

Martin Mosebach: "Der Mond und das Mädchen", Hanser Verlag, München 2007, 189 Seiten

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In dem kurzen Roman "Der Mond und das Mädchen" beschreibt der Martin Mosebach die Zeit vom Vollmond bis zum Neumond während eines heißen Sommers in Frankfurt am Main. Der diesjährige Büchner-Preisträger hat eine Hommage auf Shakespeares "Sommernachtstraum" mit Magie und Verwünschung, mit erotischen Verwicklungen und dem Stück im Stück, das jede Nacht aufgeführt wird, geschrieben.

In dem kurzen Roman "Der Mond und das Mädchen" beschreibt der diesjährige Büchner-Preisträger Martin Mosebach die Zeit vom Vollmond bis zum Neumond während eines heißen Sommers in Frankfurt am Main. Wie oft bei Mosebach verbergen sich hinter einer einfachen Geschichte komplexe gesellschaftliche Probleme.

Hans, ein Bankangestellter am Anfang einer gehobenen Karriere und Ina von Klein, eine junge Kunsthistorikerin, haben geheiratet. Für die Hochzeitsreise ist keine Zeit, Hans muss arbeiten, und Ina fährt mit ihrer Mutter nach Italien und überlässt ihrem Mann die Wohnungssuche. Er mietet eine Wohnung im Bahnhofsviertel, da, wo es Einwanderer gibt, Händler, Durchreisende, Zuhälter und Nutten.

Hans findet das interessant, er hat keinen Dünkel, er ist neugierig und ein bisschen naiv, hört dem Äthiopier, dem Marokkaner, den anderen wunderlichen Gestalten zu, die nachts im Hof auftauchen und Bier trinken, staunt über das Wissen seines Nachbars Wittekind, wird mit der Schauspielerin Britta im Bett liegen und verliert seinen Ehering. Hans, der Businessmann, lernt auf diese Weise in den Nächten eine neue Welt und neue Fragen kennen.

Und Mosebach lässt den Intellektuellen Wittekind kulturpessimistische Thesen über den Untergang der europäischen Kultur sagen. Wittekind versteigt sich sogar zur These, dass wir die neuen Phönizier seien; die alten Phönizier richteten nach ihrer Blüte einen Kahlschlag an und gingen 146 v. Chr. unter. Wittekind zieht Parallelen zwischen unserem heutigen Verhältnis zu Zahlen, zum Handel, zur Abkehr von der Schönheit und der Natur und vergleicht die phönizische Praxis des Kinderopfers mit unserer heutigen Praxis der Abtreibung.

Hans ist der verblüffte Zuhörer, der Parasit in diesem bunten Haufen. Er merkt nicht, dass seine aus Italien in die "fremde Zone" Ehe zurückgekehrte altmodisch-schüchterne Frau sich ängstlich dieser Welt verweigert; er erkennt ihr wachsendes Unglück nicht. Während Hans wie ein erwachender Träumer eine für ihn neue Realität erkundet, die von der Misshandlung durch die moderne Gesellschaft berichtet, explodieren in Ina Enttäuschung und Wut.

Sie, das zarte Wesen, schlägt Hans eines Abends vor der gesamten Clique im Hof eine Bierflasche auf den Kopf und rettet mit dieser Brutalität ihr Leben. Das, so erfährt man aus einem Brief von Inas Mutter, seinen alten bürgerlichen Normalfortgang nimmt, mit Kindern und einem Haus im Grünen.

Mosebach hat in "Der Mond und das Mädchen" eine Hommage auf Shakespeares "Sommernachtstraum" mit Magie und Verwünschung, mit erotischen Verwicklungen und dem Stück im Stück, das jede Nacht aufgeführt wird, geschrieben. Gesellschaftliche Barrieren scheinen sich aufzulösen, aber nur scheinbar. Ina von Klein holt Hans zu sich in ihre Welt.


Rezensiert von Verena Auffermann

Martin Mosebach. Der Mond und das Mädchen
Hanser Verlag, München, 2007, 189 Seiten, 17.90 Euro

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