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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.07.2012

Neue Teilchen, unbekannte Phänomene

Lisa Randall: "Die Vermessung des Universums - Wie die Physik von morgen den letzten Geheimnissen auf der Spur ist", S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main 2012, 496 Seiten

Der größte Teichenbeschleuniger der Welt: Der "Large Hadron Collider" im schweizerischen Cern (AP)
Der größte Teichenbeschleuniger der Welt: Der "Large Hadron Collider" im schweizerischen Cern (AP)

Lisa Randall ist jetzt das Kunststück gelungen, ein Buch zu schreiben, das ein Jahr nach seinem Erscheinen in den USA aktueller ist denn je. Sie schreibt in flottem Stil über die Grundlagen der modernen Physik, bevor der LHC-Beschleuniger in Genf und seine Experimente Thema wurden.

Gelegentlich sind Sachbücher schon recht bald nach dem Erscheinen veraltet. Lisa Randall ist jetzt das Kunststück gelungen, ein Buch zu schreiben, das ein Jahr nach seinem Erscheinen in den USA aktueller ist denn je. Denn die "Vermessung des Universums" ist eine Art Handbuch für den LHC-Beschleuniger in Genf.

Lisa Randall beschreibt sehr detailliert, wie ihre Kollegen damit neue Teilchen und unbekannte Phänomene suchen – und natürlich spielt das ominöse Higgs-Teilchen dabei eine zentrale Rolle, das letzte fehlende Steinchen im Standardmodell der Elementarteilchenphysiker. Nun scheint es sich am LHC zu offenbaren, wie die Forscher vor wenigen Tagen kundtaten.

Lisa Randall zählt zu den Top-Stars der Wissenschaft. Sie forscht und lehrt als erste theoretische Physikerin an der renommierten Harvard-Universität. Ihre Spezialgebiete sind Teilchenphysik, Stringtheorie und Kosmologie.

Nachdem ihr Werk "Verborgene Universen" vor sechs Jahren noch ein als Sachbuch getarntes Fachbuch war, hat sie sich inzwischen auch das populäre Schreiben angeeignet. Es geht flott durch die Grundlagen der modernen Physik, bevor der LHC und seine Experimente Thema werden und Lisa Randall das Standardmodell in allen Details darlegt, auf Schwächen hinweist und von ihrer so geliebten Stringtheorie schwärmt, die zum allumfassenden Modell der Natur werden soll. Nach fast vier Jahrzehnten Quasi-Stillstand, in denen die Elementarteilchenphysik keinen großen Schritt nach vorn machen konnte, sehnt sich die Forschergemeinde nach den LHC-Daten – ob sie nun den Erwartungen entsprechen oder die Experten völlig überraschen.

Offenbar war die Sorge, wieder ein Fachbuch zu schreiben, recht groß. Denn an vielen Stellen ist der Text nur bemüht locker und die zahlreichen inhaltlichen Schlenker zu historischen Begebenheiten oder wissenschaftlichen Nebenschauplätzen machen das Buch nicht leichter, sondern geben ihm oft eine gewisse Beliebigkeit. So interessant zum Beispiel ihr Exkurs zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft ist – in diesem Buch ist er fehl am Platz.

Der Fischer-Verlag, in dem die deutsche Ausgabe erscheint, hat bei der Übersetzung des Titels völlig daneben gegriffen. Die Originalausgabe heißt "Knocking on Heaven's Door", was ebenso charmant wie deutlich die heutige Situation der Physiker beschreibt. "Die Vermessung des Universums" gibt das nicht ansatzweise wieder.

Der deutsche Untertitel ist glatter Etikettenschwindel: "Wie die Physik von morgen den letzten Geheimnissen auf der Spur ist". Denn selbst Lisa Randall ist bewusst, dass Wissenschaftler zu allen Zeiten geglaubt haben, kurz vor der Lösung vermeintlich letzter großer Rätsel zu sein – und dass es nie gestimmt hat. Auch sie räumt ein, dass womöglich alle Ideen in diesem Buch sich in der Rückschau als Irrtum erweisen könnten. Im Sinne der Wissenschaft hätte sich die Mühe dennoch gelohnt.

Wer einige physikalische Vorkenntnisse hat, wird mit Freude in diesem Buch schmökern und viel darüber lernen, an welche Türen die Physiker gerade klopfen – und dann mitfiebern, ob der Himmel tatsächlich auch mal öffnet.

Besprochen von Dirk Lorenzen

Lisa Randall: Die Vermessung des Universums - Wie die Physik von morgen den letzten Geheimnissen auf der Spur ist
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder
S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main 2012,
496 Seiten, 24,99 Euro

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