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Rang I | Beitrag vom 02.09.2017

Neue Spielzeit am Maxim-Gorki-Theater"Desintegriert euch!"

Shermin Langhoff und Jens Hilje im Gespräch mit Susanne Burkhardt

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 Shermin Langhoff (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Die Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin, Shermin Langhoff. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Der Kulturpolitische Sprecher der AfD habe schon angekündigt, im Falle eines Wahlsieges das Theater als "Beispiel für Multikulti-Ideologien" zu schließen, sagt Intendantin Shermin Langhoff. Von den anderen Parteien verlangt sie eine deutliche Parteinahme für das Theater.

Ohne die Berliner Volksbühne wäre sie nie zum Theater gekommen: Kein Wunder also, dass sich Shermin Langhoff darüber freut, dass Kritiker das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz vor wenigen Tagen zum "Theater des Jahres" gekürt haben.

Grund zum Neid hat die Intendantin des etwas weiter westlich, fast in Laufnähe gelegenen Maxim-Gorki-Theaters nicht - zumal ihr Haus das berühmte "OST"-Schild erbt, das sich viele Jahre lang weithin sichtbar als Aushängeschild auf dem Dach der Volksbühne befand.

Die offene Gesellschaft ins Theater holen

Das passe gut zum Gorki-Theater und dessen neuer Spielzeit, erklärte Langhoff im Deutschlandfunk Kultur. So stehe der dritte Herbstsalon im Saison doch unter dem Motto "Desintegriert euch!". Und "natürlich stand die Volksbühne immer für Desintegration", sagt die Theatermacherin. "Die Haltung, die hinter diesem OST-Schild steckt, ist auch ein Symbol für Desintegration."

Das abendlich beleuchtete Maxim Gorki Theater in Berlin, aufgenommen am 17.01.2015. (dpa / picture-alliance / Paul Zinken)Das Maxim Gorki Theater in Berlin (dpa / picture-alliance / Paul Zinken)

Das Gorki, das vor vier Jahren als postmigrantisches Haus angetreten ist, um die offene Gesellschaft in den Theaterraum zu holen, hat sich auf verschiedene Weise mit dem Begriff des Anderen, mit Strukturen von Ausgrenzung und Populismus auseinandergesetzt. Co-Intendant Jens Hillje ärgern daher besonders Debatten, die man hinter sich gelassen wähnte, wie Festschreibungen zum Deutschsein. Er fühle sich "beleidigt im Versuch, das Deutschsein so zu restaurieren, wie es die AfD wünscht […] als blond und blauäugig - irgendwie arisch. Wir sind als Deutsche einfach anders, als man bisher dachte und wir sind gerade auf dem Weg, das Anderssein als Deutsche als Realität anzuerkennen."

Für die AfD ein Beispiel für "Multikulti-Ideologie"

Als Ort, an dem neue Ideen davon verhandelt werden, was Deutschsein heute bedeuten kann, wie man Diversität und Unterschiede aushalten und produktiv weiterentwickeln könnte, stehe das Gorki besonders im Fokus von rechtsnationalen Bewegungen wie den "Identitären". Der Kulturpolitische Sprecher der AfD habe schon angekündigt, im Falle eines Wahlsieges das Theater als "Beispiel für Multikulti-Ideologien" zu schließen, so Shermin Langhoff.

So etwas müsse man ernst nehmen, schließlich bestünde nach aktuellen Schätzungen die Chance, dass die AfD drittstärkste Partei im Bundestag werden könne. Langhoff appelliert daher an die "kulturpolitischen Sprecher der anderen Parteien", hier deutliche Worte zu finden: "Da muss eine Antwort kommen, die kann nicht nur von uns kommen, das erwarten wir vor allem von der CDU."

Mit Vertretern der AfD oder der Identiären werden man nicht sprechen: "Wir halten das Prinzip des Gorki durch: Keine Arschlöcher."

"Das heißt nicht, dass wir uns nicht mit rechten Ideologien auseinandersetzen. Die AfD kommt bei uns zu Wort und zwar kritisch reflektiert." Und, so ergänzt Jens Hillje: "So lange kein Interesse an Dialog ist, ist auch kein Gespräch möglich."

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