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Fazit | Beitrag vom 02.12.2020

Neue Serie "Spy City"Hauptstadt der Spione und Klischees

Von Hartwig Tegeler

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Szenenfoto aus der Spionage-Serie "Spy City", auf dem der Schauspieler Dominic Cooper in der Rolle des Agenten Fielding Scott mit einem gefalteten Schachbrett unter dem Arm an zwei Soldaten vorbei die Straße hinunter läuft. (Dusan Martincek /  Odeon Fiction )
Auf den Spuren von James Bond im Berlin der 60er-Jahre: Die Serie "Spy City" (Dusan Martincek / Odeon Fiction )

Die neue Serie "Spy City" spielt in Berlin während des Kalten Krieges. Sie bietet alles, was zu einem zünftigen Spionagethriller dazugehört: Mord, Intrigen, Bösewichter. Leider bleibt die Serie damit auch in allzu bekannten Klischees hängen.

Es beginnt an diesem 21. März 1960 mit dem Tod eines Spions auf der Toilette. Warum? "Simon Helldane wollte mich umbringen."

Nun, wir werden sechs Episoden von "Spy City" warten müssen, bis der Spion Fielding Scott – gespielt von Dominic Cooper – rauskriegt, warum der andere MI6-Agent, ebenfalls Brite, ihn umbringen wollte.

Verrat in Spionage-Kreisen

Das wird dann anderthalb Jahre später sein, kurz vor dem 13. August 1961, diesem historischen Sonntag, an dem die DDR in Berlin die Mauer errichtete. In der "Stadt der Spione" kann sich der Spion Scott, der den Kollegen in Notwehr, wie er beteuert, tötete, nur rehabilitieren, indem er das Leck findet, durch das Informationen an die Russen gelangen.

"Niemand stellt die eigentlich richtige Frage."
"Die wäre?"

Und dann ist da noch der gelbe Umschlag.

"Das ist Sprengstoff."

Die westliche Welt ist in Gefahr, klar, entsprechend müsste der Kollege von MI6-Agent James Bond sich also auch in der Serie "Spy City" im legeren blauen Anzug vorstellen mit: "Mein Name ist Scott, Fielding Scott!". Und natürlich sowieso: Verrat lauert überall wie bei 007.

"Vertraust du mir wieder?"
"Kann man überhaupt vertrauen?"

Das ist Scotts Credo in der Stadt mit den vier Sektoren und vier Geheimdiensten sowie natürlich dem Verräter im britischen MI6, Außenstelle Berlin.

"Finden Sie auf Ihre Art den Verräter und töten Sie ihn. Das ist Ihre Pflicht."

Und dann ist da noch die Geliebte, hier die französische Amtskollegin Severine, die Spion Scott auf einige falsche Fährten lockt.

Der Charme des Kalten Krieges

"Spy City" bietet mithin alles, was das Genre des Spionagefilms braucht: das Schachspiel im Park zwecks Kontaktaufnahme mit dem zwielichtigen Informanten; Kopfschüsse mit Schalldämpfer, den 60er-Jahre-Berlin-Kalter-Kriegs-Charme, der für die deutsch-britisch-tschechische Serie in Prag und Umgebung im historischen Flair wiederauferstand, und natürlich den alten Nazi, der – nun im Dienste der Stasi – weiterhin für das Böse in der Welt sorgt:

"Ich hoffe, dass du mir helfen wirst, ihn aufzuspüren. Die Vorstellung, dass er da draußen ist, irgendwo in Berlin, und ein normales Leben führt, hat etwas Obszönes. Wir müssen ihn fassen und vor Gericht bringen."

Die deutsche Serie "Babylon Berlin" – inzwischen auf drei Staffeln gewachsen, eine vierte ist in Planung – war und ist ein großer Erfolg. Dass das Folgen haben würde, war klar. Also neuer Serien-Anlauf, dieses Mal nicht Weimar, sondern die junge Bundesrepublik und die DDR im Kalten Krieg.

Im Mittelpunkt Berlin und ein Schauspieler, der in der "Avenger"-Kinoreihe, im zweiten "Mamma Mia!"-Film oder in der Serie "Preacher" spielte. Nicht unbedingt erste Hollywood-Liga, aber als eine Art TV-James-Bond in "Spy City" in einer respektablen Performance zu sehen. An der Seite übrigens von Johanna Wokalek und Leonie Benesch, die sich bemühen, in dieser Serie nicht allzu unterfordert zu erscheinen.

Enttäuschend wenig Neues im Agentengenre

Das Problem an "Spy City" ist die Messlatte, die im beliebten Genre des Spionagethrillers bzw. der Spionageserie sehr hoch hängt. Martin Ritts "Der Spion, der aus der Kälte kam" von 1965 – ebenfalls im Berlin des Kalten Krieges spielend – und in allen folgenden John-le-Carré-Adaptionen, aber auch in Steven Spielbergs "Bridge of Spies" ist der Spion Metapher für die Existenz des Individuums in der modernen Welt. 

Ganz in diesem Sinne bietet, nur ein Beispiel, auch die franko-israelische arte-Serie "Kampf um den Halbmond" blasse, fast ins Dunkle abgleitende Farben, wenn sie von den Abgründen des Spionagegeschäftes im Heißen Krieg zwischen Kurden und dem IS in Nordsyrien erzählt.

Die neue Serie "Spy City" hingegen verhandelt mit dem historischen Blick auf Berlin keine Reflexion über Zeitläufte, hat keine komplexen tragischen Figuren, sondern verbeugt sich viel zu sehr vor dem 007-Vorbild. 

Dunkle Schatten in den Straßen von Berlin und in der Psyche der Protagonisten wird man bei "Spy City" trotz Mord, Todschlag, Lügen und Verrat vergeblich suchen. Autor William Boyd schrieb Romane und die Drehbücher zu solch eindrucksvollen Filmen wie "Julia und die Geister" oder Richard Attenboroughs "Chaplin"-Biopic.

Zusammen mit Regisseur Miguel Alexandre hat er sich für "Spy City" aber vor allem aus dem Klischeetopf des Spionagethrillers bedient. Das ist annehmbar zu sehen, aufregend aber eher nicht. Ach ja, und Berlin, das weiß der KGB-Offizier:

"Wissen Sie, in Berlin ist Provokation die Mutter der Frustration."

Verstanden? Und wenn nicht, nehmen Sie noch dies:

"Und Frustration ist der Vater der Konfrontation."

Finale Aufklärung dieses großen Rätsels dann ja vielleicht in Staffel 2 von "Spy City".

Die Serie "Spy City" ist zu sehen ab dem 3. Dezember 2020 auf dem Subscription-Video-on-Demand-Portal "MagentaTV". 2021 plant das ZDF die Ausstrahlung im linearen Fernsehen.

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