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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.01.2015

Neue Philharmonie in ParisAnnäherung an das Publikum

Von Kathrin Hondl

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Arbeiter schrubben den Boden vor der neuen Philharmonie de Paris am 13. Januar 2015 kurz vor ihrer Eröffnung am 14. Januar 2015 im Nordosten der französischen Hauptstadt. (AFP / JACQUES DEMARTHON)
"Unvollendete Symphonie" nannte eine französische Zeitung die neue Philharmonie in Paris. Auch nach der Eröffnung am 14. Januar 2015 wird wohl noch gebaut werden. (AFP / JACQUES DEMARTHON)

Hemmschwellen abbauen und ein breiteres Publikum für klassische Musik begeistern: In der neuen "Philharmonie de Paris" sollen Ausstellungen und Workshops für Offenheit sorgen. Auch die Lage zwischen schickem Zentrum und benachteiligten Banlieues ist Programm.

Nicht symphonischer Wohlklang sondern Baulärm vermittelt wenige Tage vor der Eröffnung einen ersten Eindruck von der Akustik des neuen Konzertsaals. Tag und Nacht schuften hunderte Arbeiter im Wettlauf mit der Zeit. Hammer, Bohrer, Sägen machen die Musik, wo das Orchestre de Paris unter Paavo Järvi mit prominenten Solisten wie Hélène Grimaud oder Lang Lang drei Eröffnungs-Galakonzerte geben wird: Ein riesiger Saal mit einem Volumen von mehr als 30.000 Kubikmetern und in der Mitte dem Podium für die Musiker. 2400 Zuschauerplätze gruppieren sich nach dem so genannten "Weinberg-Prinzip" um die zentrale Bühne. Vorbild ist die von Hans Scharoun entworfene Berliner Philharmonie von 1963. Ein Vorbild, das Stararchitekt Jean Nouvel und sein Akustiker Harold Marshall allerdings entscheidend weiterentwickelten. Denn trotz seiner enormen Größe soll der neue Pariser Saal Intimität und Nähe zu den Musikern vermitteln, sagt Intendant Laurent Bayle:

"Das Problem wurde gelöst, indem die Balkone nicht an den Wänden fixiert wurden. Das Publikum erreicht sie über kleine Brücken und ist der Bühne näher. In einem klassischen 'Schuhkarton'-Saal wie der Salle Pleyel sind die hintersten Plätze 47 Meter vom Dirigenten entfernt. In der Berliner Philharmonie sind es 40 Meter. Hier konnten wir die Entfernung auf 32 Meter reduzieren."

Annäherung ans Publikum, das ist auch ganz generell das Motto. Und das heißt vor allem: Annäherung an ein neues potentielles Publikum für klassische Musik. Neben dem großen Konzertsaal bietet die Philharmonie Probenräume und Probebühnen, Ausstellungsräume und allein 2000 Quadratmeter Platz für Workshops und Musikateliers für Kinder und Jugendliche. Ein "Centre Pompidou der Musik" ist das Ziel.

Die Lage ist Programm

"Die klassischen Konzertsäle schaffen es nicht, ihr traditionelles Publikum zu erweitern. Konzertbesucher sind fast ausnahmslos sozial Privilegierte und sie werden immer älter. Die neue Philharmonie soll ein Ort des Lebens sein. Und kein Konzertsaal, der für ein eingeweihtes Publikum abends um 8 auf- und um 10 wieder zumacht. Es gibt zu viele, die sich von diesem Ritual ausgeschlossen fühlen, weil sie es nicht kennen."

Die neue Philharmonie will Hemmschwellen abbauen. Schon die Lage ist da Programm: Am nordöstlichen Rand von Paris, gleich nebem dem Périphérique, der Ringautobahn, die das schicke Zentrum von den benachteiligten Banlieues trennt. Hier erhebt sich der noch unvollendete 37 Meter hohe Neubau von Jean Nouvel wie ein steinerner Hügel im Parc de la Villette. Wie der Park soll auch die Philharmonie zum Spazierengehen einladen. Rampenwege führen hinauf auf eine große Dachterrasse mit Rundumblick auf die nahen Banlieues und den fernen Eiffelturm.

"Jeder kann sich das Gebäude zu eigen machen. Die Leute stehen nicht vor einer Mauer, wenn sie vom Park her kommen. Jeder kann reinkommen, in die Ausstellungen und Workshops. Wir werden auch Großleinwände installieren, die die Konzerte nach draußen übertragen. Jean Nouvels Idee war, über die Architektur zu ermöglichen, dass auch Menschen erreicht werden, die vielleicht gar nicht daran denken, ein klassisches Konzert zu hören."

"Unvollendete Symphonie" für Paris

Das ambitionierte Projekt hat natürlich seinen Preis, und wie bei Großbaustellen üblich wurde der viel höher als gedacht. Die anfangs auf rund 200 Millionen Euro angesetzten Baukosten haben sich schon jetzt verdoppelt. Es hagelte Kritik an Stararchitekt Nouvel, der sich beleidigt zurückzog und es bisher offen ließ, ob er zur Eröffnungsgala überhaupt erscheint.

Auch die Betriebskosten der Philharmonie sind noch nicht gesichert. Nachdem die Stadt Paris ihre Subventionen gekürzt hat, kann Laurent Bayle statt der zugesagten 18 Millionen nur mit staatlicher und städtischer Unterstützung von insgesamt 15 Millionen rechnen. 15 weitere Millionen sollen durch Eintrittsgelder und Sponsoren dazu kommen.

Paris leistet sich eine "unvollendete Symphonie" titelte die Zeitung Le Parisien am Wochenende. Mindestens bis zum Sommer wird wohl noch weitergebaut werden, bevor das "Centre Pompidou für die Musik" wirklich fertig ist. 

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Weinberg statt Schuhkarton
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 20.05.2008)

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