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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.03.2016

Neue Perspektiven in der ForschungDie DDR als Chance?

Von Jochen Stöckmann

Der inzwischen abgerissene Palast der Republik, einst Sitz der DDR-Volkskammer, in Berlin (Archivfoto von 1990) (picture alliance / ZB / Hubert Link)
Was für ein Staat war die DDR? Darüber streiten die Historiker. (picture alliance / ZB / Hubert Link)

Der US-Historiker Andrew Ian Port kritisiert das in Deutschland herrschende Geschichtsbild von der DDR. Ihm geht es um regionale Unterschiede und kritisiert unter anderem, sich zu stark auf die Recherche der Stasi-Akten zu verlassen.

"Wir wissen, dass die DDR keinen verbrecherischen Krieg geführt hat. Wir wissen, dass die DDR keinen Massenmord betrieben hat, keinen Genozid. Das ist nichts Neues, dazu hätte es 25 Jahre DDR-Forschung nicht gebraucht. Also sollten wir versuchen, eher die DDR als Chance zu begreifen und neue Wege oder andere Wege dann auch mal zu gehen."

Was Dierk Hoffmann als Quintessenz seiner nunmehr dritten Expertise zu den Perspektiven der DDR-Forschung vorträgt, bleibt im Ungefähren, ist kaum mehr als ein unsicheres Vorantasten. Aber der Begriff lässt aufhorchen: die DDR als Chance? Welche Chancen bietet die so intensiv erforschte DDR noch für Historiker? Der US-Historiker Andrew Ian Port sagt:

"Ich war hier in Berlin, als die Mauer fiel. Ich bin hier zwei Jahre rumgereist, habe mit Leuten gesprochen, wollte wissen, wie es damals war. Ich finde aber, wenn man einfach auflistet, was noch nicht erforscht worden ist, das ist nicht besonders spannend. Nicht jeder weiße Fleck muss koloriert werden, es gibt manche, die einfach uninteressant sind."

Port ist unter den 18 Historikern, die im Sammelband "Die DDR als Chance" ihre pointierte Meinung zu der Expertise vertreten. Zusammen mit seiner englischen Kollegin Mary Fulbrook kritisiert er die deutsche Lehrmeinung von der DDR als einem vorgegebenen Puzzle, in das nur noch fehlende Teile eingefügt werden müssten.

Die Dominanz der Platzhirschen in der DDR-Forschung

Sein Geschichtsbild ist komplexer, verändert sich im Laufe der Forschung. Etwa bei der geduldigen, jahrelangen und scheinbar völlig unspektakulären Lektüre von Gewerkschafts- und Betriebsarchiven im thüringischen Saalfeld. Port hat dabei etwas erfahren, was nicht zum herrschenden DDR-Bild passt:

"Dieser Unmut, dass die Leute wirklich kein Blatt vor den Mund gehalten haben! Und das hat mich als Amerikaner, als Westler, der gedacht hat, dass alle wie die Schäfchen da im Osten gelebt haben, das hat mich wirklich umgehauen."

Aus diesem Erlebnis, diesem Forscherglück, hat Andrew Port seinen Ansatz entwickelt und die "rätselhafte Stabilität der DDR" analysiert. Eine Fragestellung, unter der auch die angeblich "überforschten" Aktenbestände neu zu sichten wären. Mit einer Methode, die sich dem Blick der angelsächsischen Historiker verdankt:

"New cultural history, neue kulturelle Geschichte! Nicht, wie die Leute gelebt haben, wie es ihnen wirtschaftlich ging. Sondern: wie haben sie die Welt betrachtet – und wie hat diese Betrachtungsweise ihre Aktionen, ihr Benehmen wesentlich beeinflusst."

Als Wissenschaftler aus dem gewissermaßen "neutralen" Ausland bleibt Port unvoreingenommen, wenn es um politisch aufgeladene deutsche Debatten geht wie etwa die Zukunft der Stasi-Unterlagenbehörde. Er sieht das eher pragmatisch:

"Ich war zwei Jahre in Rudolstadt, Saalfeld. Man muss nicht ins Stasi-Archiv gehen."

Was den Historiker mit Abschlüssen in Harvard und Yale dagegen mächtig aufregt, das ist die Dominanz von Platzhirschen in der DDR-Forschung, des Instituts für Zeitgeschichte und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam.

"Die zitieren sich alle gegenseitig und was im Ausland erscheint wird überhaupt nicht wahrgenommen. Da steht in dieser Expertise: 'Wir brauchen Lokalstudien über Aushandlungsprozesse zwischen Herrschern und Beherrschten.' Das ist genau das Thema meines Buches!"

Andrew Port hat für Streit gesorgt

Ports Buch wurde von zwei Autoren der Expertise, Dierk Hoffmann und Hermann Wentker, sogar rezensiert. Aber die deutschen Kollegen, so der Autor in der Podiumsdiskussion, würden oft nur Titel und erste Sätze lesen. Oder, wie Mary Fulbrook in ihrem Beitrag beklagt, Thesen falsch interpretieren, um sie anschließend hinwegzufegen. Auch die britische Historikerin setzt mit ihrer "Anatomie der Diktatur" nicht im Zentrum der Macht an, sondern an den Rändern, bei den "Aushandlungsprozessen" im ganz normalen Alltagsleben. Vielversprechende Ansätze, die  der Theologe und Philosoph Richard Schröder kategorisch ablehnt:

"Die Engländerin oder Amerikanerin, das weiß ich nicht mehr, deren Namen ich nicht aussprechen kann – Follbruk oder Fullbruck – redet sogar von partizipatorischer Diktatur und die meisten Menschen hätten die meiste Zeit ein normales Leben geführt."

Da hatte auch Schröder nicht genau gelesen – oder war einem Irrtum aufgesessen. Wie auch im Fall der "Aushandlungsprozesse", die Andrew Port so detailliert untersucht hat:

"Es gibt aber hier einen Beitrag von Andrew Pots, Post? Die ostdeutsche Basis, schreibt er, habe vielfältige Möglichkeiten gehabt auf die interne Entwicklung einzuwirken. Also das ist nun leider so nicht richtig."

Ein Historikerstreit ist da noch nicht ausgebrochen – aber Andrew Port hat auf jeden Fall für Streit gesorgt:

"Ich habe Wortprotokolle gelesen, wo sie klipp und klar gesagt haben, was ihnen nicht gefällt. Und die Funktionäre an der Basis haben wirklich ihre Politik so geformt, um zu einem gewissen Konsens zu kommen, wie es tagtäglich lief in der DDR. Ich glaube, es ist viel differenzierter und viel interessanter als Sie vielleicht annehmen."

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