Neue Perspektiven

Strandszene in Durban, Südafrika. © picture alliance / Stephan Jansen
Von Leonie March · 24.07.2011
Beim internationalen Filmfestival in Durban stehen so viele Filme auf dem Programm wie noch nie. Auch die Perspektive der Regisseure vom Kap der guten Hoffnung hat sich verändert: Sie wollen sich nicht mehr ausschließlich mit Themen wie Apartheid, Aids oder Armut beschäftigen.
Otelo, ein junger schwarzer Südafrikaner aus den Townships, entflieht der harschen Realität als er die tief verwurzelte Angst zu schwimmen überwindet und seine Liebe zum Wellenreiten entdeckt. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich frei. Sein Schicksal steht im Mittelpunkt von "Otelo Burning" dem Eröffnungsfilm des internationalen Filmfestivals in Durban. Er spielt in den frühen 90er-Jahren: Südafrika ist im Umbruch, auf dem Weg in die Freiheit. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, erzählt Regisseurin Sara Blecher, doch die Aussage hat universellen Charakter:

"In meinem Film geht es darum, was passiert, wenn man die Freiheit endlich erlangt hat. Deshalb spielt er auch zur Zeit der Freilassung Nelson Mandelas aus dem Gefängnis. Die Jugendlichen, die erwachsen werden, stehen stellvertretend für die Entwicklung des Landes. Es geht um den verklärten Traum von Freiheit als paradiesischen Zustand und um die Wirklichkeit: um Eifersucht, Neid und Verrat, menschliche Abgründe, die sich mit der Freiheit auftun. Die Frage, wie man mit dieser schwierigen, beängstigenden Situation umgeht, spiegelt den aktuellen Zustand Südafrikas wieder."

Sara Blecher steht für eine neue Generation südafrikanischer Regisseure, die sich zwar noch immer intensiv mit der Vergangenheit ihres Landes auseinandersetzen, zunehmend aber neue Ansätze und Perspektiven wählen.

"Als zeitgenössische Filmemacher sind wir jetzt im gewissen Sinne von der Verantwortung befreit, nur weltbewegende Filme drehen zu können. Wir müssen uns nicht mehr ausschließlich der Geschichte Nelson Mandelas oder des heroischen Freiheitskampfes widmen. Wir können jetzt unsere eigenen, kleinen, persönlichen Geschichten erzählen. Unser Publikum möchte keine amerikanischen Schauspieler mehr sehen, die Südafrikaner verkörpern sollen. Sie wollen nicht mehr ausschließlich englischsprachige Filme sehen. Sie verlangen wahrhaftige Geschichten, in denen sie sich wieder erkennen können."

Immer mehr Filme werden deshalb in den einheimischen südafrikanischen Sprachen gedreht, auf Zulu oder Xhosa. Im Mittelpunkt stehen immer häufiger einfache Menschen, die die Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen vieler Südafrikaner verkörpern. Zum Beispiel "King Naki", der Protagonist des gleichnamigen Dokumentarfilms.

Schauplatz ist die weite Landschaft der Transkei, einem ehemaligen Homeland in Südafrika. Mehrere Jahre lang ist Regisseur Tim Wege dort der uralten, weitgehend unbekannten Tradition des Pferderennens nachgegangen:

"King Naki hat seine Arbeit in einem Rennstall in der Stadt aufgegeben, sich entschieden sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich ein eigenes Pferd gekauft. Seine Beharrlichkeit und unerschütterliche Hoffnung haben mich fasziniert. Außerdem hat mich es gereizt, eine Geschichte aus Südafrika zu erzählen, die nicht den üblichen Klischees entspricht. Zuerst habe ich mich mit Blick auf internationale Zuschauer gefragt, inwieweit Themen wie Aids darin auftauchen müssen und ob ich den Film so drehen soll, dass er politisch relevant ist. Doch letztendlich habe ich mich entschieden, einfach die Geschichte eines Mannes und seinem Kampf ums Überleben zu erzählen."

Ums Überleben geht es auch im Debüt des Nachwuchsregisseurs Charlie Vundla. Allerdings schlägt er keine ruhigen Töne an. Sein Gangsterfilm "How to steal 2 Million" erinnert eher an eine Hollywood-Produktion.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach einer kriminellen Karriere ein ganz normales Leben beginnen will, dessen Vergangenheit ihn aber immer wieder einholt. Keine tief schürfende Auseinandersetzung mit dem Problem der Kriminalität in Südafrika, sondern ein Kinofilm, der das Publikum in erster Linie unterhalten soll, betont der junge Filmemacher:

"Ich denke, dass auch ein solcher Film heutzutage seine Berechtigung hat. Natürlich kann man sich weiterhin mit Themen wie der Apartheid, Aids oder Armut auseinandersetzen. Es besteht ja sogar international eine gewisse Erwartungshaltung, dass afrikanische Filme dies tun müssen. Aber das ist für meinen Begriff überholt. Ich sehe es jedoch nicht als meine Aufgabe an, die Einstellung des Westens gegenüber Afrika zu verändern. Mit geht es darum Filme zu drehen, die ehrlich und unterhaltsam sind."

Mit guter Unterhaltung und universellen Themen wollen sich junge Filmemacher in Südafrika einem breiteren Publikum öffnen, ohne dabei die eigene Handschrift zu verlieren. Faszinierende und facettenreiche neue Perspektiven auf ihr Land und den Kontinent.


Weitere Informationen:

Das Internationale Filmfestival in Durban läuft noch bis zum 31. Juli.