Neue Netze für nachhaltige Fischerei

    Der gelenkte Fisch

    30:54 Minuten
    Ein Heringsschwarm unter Wasser.
    Mit Hilfe von neuen Netzen soll unerwünschter Beifang reduziert werden. © picture alliance / blickwinkel / F. Hecker
    Von Lutz Reidt · 16.03.2021
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    Überfischte Meere und dann noch Millionen Tonnen Beifang, der bei der herkömmlichen Fischerei anfällt. Smarte Netze sollen dafür sorgen, dass künftig nur noch der Fisch ins Netz geht, der gefangen werden soll. Doch es gibt Widerstand.
    Das Warten hat ein Ende, am frühen Morgen konnte es wieder losgehen - endlich. Eine Sturmwarnung hatte die Crew an Bord der "Solea" zwei Tage am Auslaufen gehindert. Doch nun schaukelt das gut 40 Meter lange Forschungsschiff mit seinem tiefblauen Rumpf und den weißroten Aufbauten in der Dünung vor der mecklenburgischen Küste.
    Vom eisigen Nordostwind geschützt steht Daniel Stepputtis auf dem Oberdeck und kann es kaum erwarten, ins Netz zu schauen:
    "Wir holen das Netz jetzt an Deck", erklärt er. "Man hört die Ketten und die Leinen, wie sie an Bord aufgetrommelt werden. Jetzt kommen da die ersten Kugeln, die den Anfang vom Netz darstellen, die Auftriebskörper, und dann ist das Netz gleich an Bord. Da sieht man das grüne Netz schon und dann können wir gucken, was der letzte Fang des Tages, der Fahrt uns beschert hat."
    Daniel Stepputtis arbeitet am Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock, einer Forschungseinrichtung des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Der Fischereibiologe entwickelt mit seinem Team neue Netzkonstruktionen.
    Heute in der Erprobung: ein Netz, das ähnlich wie eine Hose geschnitten ist. Es besteht aus zwei Netzen, die oben, gewissermaßen am Hosenbund, miteinander verbunden sind. Die beiden meterlangen Hosenbeine unterscheiden sich deutlich in der Art, wie die Maschen gestrickt sind.
    "Das Ziel war, möglichst viele Plattfische zu fangen, denn das ist ja das, was die Fischerei noch fangen können soll, und die Dorsche möglichst nicht zu fangen, zumindest in dem Netz, in unserem Versuchsnetz", sagt Stepputtis.
    "Aber damit wir gucken können, wie gut das funktioniert, müssen wir in dem zweiten Netz, was wir parallel fischen – wir haben also zwei Netze draußen –, da möchten wir gern ein paar Dorsche haben, um nachher messen zu können, um wie viel Prozent man den Dorschbeifang reduzieren kann."

    Das Ziel: weniger Beifang

    Weniger Dorsche fangen, das ist das Ziel. Denn der begehrte Speisefisch ist in der Ostsee seit Jahren überfischt, vor allem in den Seegebieten östlich von Bornholm. Plattfische wie Scholle und Flunder gibt es dagegen noch reichlich. Damit der Dorsch sich wieder erholen kann, braucht es schlaue Netze für kluge Fischer. Netze, die unter Wasser die Flundern und Schollen fangen und die wenigen Dorsche wieder rauslassen.
    Um solche Netze zu entwickeln, muss Daniel Stepputtis immer wieder in See stechen und neu entwickelte Netze testen. Um zu überprüfen, wie gut sie funktionieren, beobachtet er den Fischfang auch per Video unter Wasser.
    Schlaue Netze für kluge Fischer! Denn es gilt, ein globales Problem zu lösen: den unerwünschten Beifang.

    Jeder zehnte Fisch ist Beifang

    Hochrechnungen der Welternährungsorganisation FAO zufolge zieht die Fischerei jedes Jahr rund 90 Millionen Tonnen Fisch und Meerestiere aus den Weltmeeren. Schätzungsweise ein Zehntel davon geht als Beifang über Bord. Die Fische sind entweder zu klein oder es zappelt nicht die gewünschte Art im Netz.
    Dieses Problem besteht überall auf den Weltmeeren, somit auch in Nord- und Ostsee. Der ICES, der Internationale Rat für Meeresforschung in Kopenhagen, geht davon aus, dass die Fischer in diesen Randmeeren jährlich rund 150.000 Tonnen Fisch über Bord werfen.
    Um diesen sogenannten Rückwurf zu reduzieren, hat sich die Europäische Union im Rahmen ihrer Fischereireform vor einigen Jahren neu aufgestellt, sagt Christopher Zimmermann:
    "Die Politik hat dies als eine der vier wesentlichen Säulen der Reform der gemeinsamen Fischereipolitik von 2014 in ganz Europa eingeführt. Es ging los mit der Ostsee: Ab 1.1.2015 durften Dorsche, Heringe, Sprotten in diesen Fischereien nicht mehr über Bord geworfen werden. Die letzten Fischereien sind am 1.1.2019 gefolgt, das sind dann vor allen Dingen zum Beispiel die Plattfischfischerei in der Nordsee."

    Christopher Zimmermann leitet das Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock. Aus Sicht der Fischereibiologen war die Reform überfällig. Vor allem, weil der Zwang wegfallen soll, speisefähige Fische zurück ins Meer zu werfen. Dies war jahrzehntelang Praxis innerhalb der Europäischen Union und hing indirekt mit der Zuteilung von Fangquoten zusammen.
    Das deutsche Fischereiforschungsschiff "Solea" liegt auf dem Gelände der Fassmer Werft an der Weser. 
    Auf dem Trockenen: Das deutsche Fischereiforschungsschiff auf dem Gelände der Fassmer Werft an der Weser. © picture alliance / Hauke-Christian Dittrich / Hauke-Christian Dittrich
    Jedes Jahr kurz vor Weihnachten kommen in Brüssel die Fischereiminister der EU zusammen, um sich auf Höchstfangmengen für das Folgejahr zu einigen.
    Da jedoch Fischbestände mal größer und mal kleiner sind, können die Fangmengen für den einzelnen Fischer variieren - obwohl die Fangquoten insgesamt gleich bleiben.
    Hat zum Beispiel ein Nordsee-Fischer eine üppige Quote für Schellfisch, aber nur einen knappen Anteil an Kabeljau, musste er früher den Kabeljau wieder über Bord werfen, sobald seine Quote dafür ausgeschöpft war. Damit soll jetzt Schluss sein, wie Christopher Zimmermann erklärt:
    "Das ist also die eigentlich wesentliche Änderung. Der Fischer darf quotierte Arten nicht mehr über Bord schmeißen, er wird aber auch nicht mehr gezwungen, sie über Bord zu schmeißen, so wie das bisher der Fall war. Wenn eine Quote zum Beispiel ausgeschöpft war, musste der Fischer schon gefangenen, auch speisefähigen Fisch über Bord werfen. Die Idee dahinter ist, dass der Fischer, wenn es teurer wird für ihn, unerwünschte Fänge, unerwünschte Beifänge zu tätigen, dass er zum Beispiel in bessere Fangtechnik investiert und Netze kauft, Netze entwickelt, mitentwickelt und dann auch einsetzt, die selektiver sind, also unerwünschte Beifänge vermeiden."

    Vor allem die Plattfischfischerei ist in Verruf geraten

    Das Ausmaß ist unterschiedlich. Bei Hering oder Makrele bleibt relativ wenig Beifang in den Netzen hängen. Gleiches gilt für die Seelachsfischerei in der Nordsee.
    Ganz anders verhält es sich bei Plattfischen. Um die begehrten Seezungen zu fangen, bleiben tonnenweise andere Meeresbewohner ebenfalls in den Netzen hängen: Seesterne, Muscheln, Würmer und vor allem jede Menge Schollen. Drei von vier gefangenen Schollen sind bislang wieder über Bord geworfen worden:
    "Die Plattfischfischerei ist in europäischen Gewässern verschrien als die Fischerei, die mit die höchsten Rückwurfraten hatte. Das hängt einfach damit zusammen, dass Seezunge wertvoller ist, aber schlanker gebaut. Seezungen und Schollen haben ungefähr das gleiche Fluchtverhalten, aber Seezungen sind eben schlanker gebaut, das heißt, man muss die Maschenweite kleiner halten."
    Und diese Maschenweite beträgt gerade mal acht Zentimeter. Somit geraten unzählige Schollen mit in die Netze.

    "Die Nordsee ist ein sehr schwieriges Managementgebiet"

    Ohnehin ist die Nordsee besonders beifanglastig. Warum das so ist, erklärt der Fischereibiologe Alexander Kempf vom Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven:
    "Die Nordsee ist ein sehr schwieriges Managementgebiet, weil wir hier immer gemischte Fischereien haben. Man muss sich das so vorstellen: Wenn man ein Netz in der Nordsee durchs Wasser zieht, hat man nicht nur ein paar Arten im Netz, sondern einen Mix aus sehr unterschiedlichen Arten. Und zweitens ist die Nordsee auch ein sehr produktives Gewässer. Es produziert natürlich dann auch viel Nachwuchs, und dieser Nachwuchs ist ziemlich weit verteilt in der Nordsee. Sodass man eigentlich immer wieder die Gefahr hat, dass man eben auf Gebiete trifft, in denen viel untermaßige Fische sind."
    Untermaßig – das sind dann meist Jungfische von Speisefischen. Es ist also der Fang von morgen und übermorgen, der über Bord geht.
    Meist sind die Tiere nicht mehr überlebensfähig oder bereits tot. Wenig robust sind vor allem Speisefische wie etwa Kabeljau oder Schellfisch. An diesen beiden Fischarten wird das Dilemma der gemischten Fischerei in der Nordsee deutlich. Denn den beiden Beständen geht es nicht gleich gut.

    Das unterschiedliche Fluchtverhalten der Tiere ausnutzen

    Der Schellfisch hatte zuletzt viel Nachwuchs, der Bestand dürfte also wachsen und wird vielen Fischern das Überleben sichern. Der Kabeljau dagegen ist aus der südlichen Nordsee nahezu verschwunden und auch im nördlichen Bereich sind die Bestände stark geschrumpft. Deswegen muss es das Ziel der Fischerei sein, den Beifang von jungem Kabeljau, so gut es geht, zu vermeiden – was mit den gegenwärtig üblichen Netzen schwierig ist. Beide Arten schwimmen häufig gemeinsam umher. Deswegen wären Netze hilfreich, die bereits unter Wasser die Arten voneinander trennen.
    Und genau das gibt es längst. In einem Gemeinschaftsprojekt haben Fischer und Forscher vor der Ostküste der USA den Eliminator Trawl entwickelt:
    "Eliminator Trawl ist eine Möglichkeit, wo man versucht, das Fluchtverhalten, also das unterschiedliche Fluchtverhalten von den Fischarten auszunutzen", erklärt Meeresbiologe Kempf.
    "So fliehen zum Beispiel Schellfisch oder auch Wittling eher nach oben, wenn sie ins Netz geraten, während Kabeljau und Plattfische eher nach unten fliehen. Und so hat man eben unterschiedliche Maschenweiten im oberen Teil des Netzes und im unteren Teil des Netzes, sodass Schellfisch und Wittling zurückgehalten werden und im Fang landen, während Kabeljau nach unten flieht und dort durch größere Maschenweiten entkommen kann."
    Ein Dorsch hängt in einem Netz.
    Unterschiedliche Maschengrößen bei Netzen können unerwünschten Beifang reduzieren (Symbolfoto).© imago images / Susanne Hübner
    Bei Testfahrten stellte sich heraus, dass der Eliminator Trawl den Beifang von Kabeljau um gut 80 Prozent reduzieren konnte. Bei Flundern waren es sogar 95 Prozent. Und auch Rochen, Schollen und Hummer blieben seltener in den Netzen hängen.
    Die Naturschutzorganisation WWF prämierte das mit einem Innovationspreis. Der Druck, dass derartige neue Techniken auch in der EU eingesetzt werden, ist gestiegen. Denn mittlerweile müssten EU-Fischer eigentlich alles, was sie fangen, auch an Land bringen.
    "Der Fischer erhält nun einen Anreiz, nur noch das zu fischen, was er wirklich haben möchte", sagt Christopher Zimmermann. "Und da kann die Fischereitechnik wirklich sehr hilfreich sein, weil wir da noch lange nicht am Ende sind, was die Möglichkeiten angeht, Fische unter Wasser zu sortieren. Und nur da macht es Sinn. Denn bisher habe ich möglichst viele Fische gefangen, an Deck gebracht, da sortiert, die, die ich nicht haben wollte, über Bord geschmissen. Die waren in den meisten Fällen tot. Wenn ich es also schaffe, die unter Wasser zu selektieren, haben sie eine sehr, sehr gute Überlebenschance."
    Neptun meint es heute gut mit der Crew an Bord der "Clupea". Kein Windhauch lässt das Wasser kräuseln, spiegelglatt wie ein Ententeich liegt die Ostsee vor dem knapp 30 Meter langen Forschungskutter. In mäßigem Tempo zerteilt der tiefblaue Rumpf das Wasser in Sichtweite der Küste von Mecklenburg. In der Ferne ist die Strandpromenade von Heiligendamm zu erkennen, schemenhaft die weiße Häuserreihe mit ihrer berühmten Bäderarchitektur.

    Mit Unterwasserkameras wird der Fang überwacht

    Postkartenidylle über Wasser bei strahlendem Sonnenschein. Auf dem größeren Forschungsschiff, der "Solea", hatte Daniel Stepputtis noch überprüft, wie gut seine geteilten Hosennetze funktionieren.
    Jetzt, an Bord der kleineren "Clupea", will er nachschauen, wie gut sie unter Wasser funktionieren. Der Forscher sitzt auf der Brücke und sieht auf dem Computer-Display eine moosgrüne Suppe:
    "Ja, willkommen in der grünen Ostsee. Wir sehen ganz viel Grün, weil wir ungefähr bei 16, 17 Meter Wassertiefe geguckt haben. und da kommt nicht mehr viel rotes Licht an. Wir sehen also ganz viel Grün hier auf dem auf dem Monitor und gucken in das Netz hinein, nach hinten, Richtung Fangbeutel, Richtung Steert."
    Im Steert, dem Ende eines Schleppnetzes, landen die Fische. Damit Daniel Stepputtis sieht, welche das sind und wie sie sich verhalten, hat er kleine Unterwasserkameras am Fangnetz montiert. Von dort werden die Bilder auf die Kommandobrücke der "Clupea" übermittelt:
    "Auch durch die vielen Kameratechniken, die wir jetzt einsetzen können, sind wir in der Lage, dieses Verhalten mehr zu untersuchen, besser zu verstehen und sehr präzise und genau zu steuern."
    Das Verhalten von Fischen steuern. Unter Wasser. Im Netz. Klingt absurd, ist aber wirklich das Ziel: der gelenkte Fisch!

    Mit einem Cabrio-Netz den Dorsch schützen

    Ähnlich wie sich der Eliminator Trawl beim Fang die Fluchtrichtung der Fische zunutze macht, will Daniel Stepputtis in der Ostsee vorgehen. Sein Ziel: Plattfische wie Schollen und Flundern von den Dorschen separieren, deren Bestand sich erholen muss.
    Heute im Test: eine Art Cabrio-Netz, also eines ohne Dach. Es hat einen langen, schlauchförmigen Netztunnel, der oben offen ist:
    "Und den haben wir viereckig gemacht im Querschnitt. Das heißt, wir haben unten eine Seite, rechts und links eine Wand sozusagen und oben das Dach haben wir weggenommen. Da sollen die Dorsche nachher wegschwimmen. Und die Plattfische, die sollen eigentlich - das machen sie auch hier wunderschön - die schwimmen da, kommen da unten am Netz entlang geschwommen und schwimmen hinten ins Netz."
    Schollen und Flundern sausen als dunkle Schatten durch die moosgrüne Suppe, einige drehen Pirouetten oder kippen zur Seite weg, als wollten sie ihre helle Bauchseite präsentieren. Doch Dorsche, die durchs offene Cabrio-Netz nach oben ins freie Wasser flüchten, sind bislang nicht zu sehen.

    Dem Ostdorsch geht es miserabel

    Die Dorsche in der Ostsee sind auf zwei Bestände verteilt. Dem deutlich größeren von beiden, dem Ostdorsch, geht es schon seit Jahren miserabel. Deshalb ist eine gezielte Fischerei darauf verboten, sagt Christoper Zimmermann:
    "Der Internationale Rat für Meeresforschung hat für 2021 für den Ostdorsch, also das Gebiet östlich Bornholms empfohlen, die Fischerei ganz einzustellen. Das hat er im letzten Jahr auch schon empfohlen. Die Politik ist dieser Empfehlung im Grunde gefolgt. Es sind 2.000 Tonnen Beifangquote festgelegt worden für den Ostdorsch für 2020. Und die sind jetzt nochmal reduziert worden auf 700 Tonnen."
    Nur als Beifang dürfen noch Dorsche in den Netzen landen, zum Beispiel beim Fang von Plattfischen.
    Sobald die Fischer in der Summe die Beifangquote von 700 Tonnen Ostdorsch ausgeschöpft haben, müssen sie alle Fangfahrten einstellen, wo Dorsch noch in den Netzen zappelt – egal, wie viele Flundern und Schollen noch im Meer auf sie warten. Das zumindest besagen die neuen Regelungen.

    Die Politik ist derzeit vorsichter als die Experten

    Nicht ganz so prekär ist die Situation beim kleineren Dorschbestand, dem Westdorsch. Der ist vor allem für die deutschen Fischer interessant.
    "Für den Dorsch der westlichen Ostsee sieht die Situation deutlich besser aus. Da hat die Politik letztes Jahr die Fangmengen deutlich mehr gesenkt, als der ICES empfohlen hatte oder für dringend notwendig erachtete. Das schafft jetzt ein bisschen Luft, sodass der ICES empfehlen konnte, für 2021 die Fangquoten um etwas über zwanzig Prozent zu steigern. Die Politik ist auch dieser Empfehlung wieder nicht gefolgt, sondern etwas vorsichtiger geblieben und hat die Fangmengen für 2021 um sechs Prozent gesteigert."
    Christopher Zimmermann ist auch Mitglied des Internationalen Rates für Meeresforschung in Kopenhagen. Der ICES ermittelt jährlich den Zustand der kommerziell genutzten Fischbestände im Nordatlantik und dessen Randmeeren wie Nord- und Ostsee. Das Resultat sind wissenschaftliche Empfehlungen für die Fangquoten im Folgejahr.
    Dass die Politiker ihren Fischern weniger zugestehen, als es die Forscher für geboten halten, kommt selten vor. In der Regel ist es meist umgekehrt: Die Wissenschaftler mahnen Zurückhaltung an, die Fischereiminister dagegen wollen mehr.

    Es gab nie mehr Schollen als jetzt

    Christopher Zimmermann erkennt aber den Vorsorge-Ansatz in der politischen Entscheidung: Zwar gehe es dem Dorschbestand in der westlichen Ostsee noch relativ gut - das liegt am letzten guten Nachwuchsjahrgang, dem von 2016. Aber seitdem wächst zu wenig nach. Und solange das nicht besser wird, müssen viele Fischer eben auf Scholle und Flundern ausweichen:
    "Wenigstens im Westen haben sich die Plattfische sehr gut entwickelt. In der Zeitserie, die wir überblicken können – und das sind immerhin so 20, 25 Jahre –, ist nie mehr Scholle da gewesen als zurzeit. Auch den Flundern im Westen, geht es gut. Im Osten gibt es dann einzelne sehr kleine Bestände, denen es nicht ganz so gut geht. Die dann aber auch schon seit vielen Jahren so hundertfünfzig Tonnen, manchmal zweihundert Tonnen Ertrag liefern, also im Grunde kommerziell ohnehin wenig beeindruckend sind. Die großen Bestände der Plattfische, denen geht es eigentlich sehr, sehr gut."
    Und damit sich zumindest diese Plattfische fangen lassen, ohne dass der Dorsch darunter leidet, braucht es künftig schlaue Netze für kluge Fischer.
    In einer grünen Plastikkiste liegen frisch gefangene Flundern.
    Knapp sieben Tonnen Fisch in zwei Tagen, darunter zahlreiche Flundern, hat John Much gefangen (Symbolfoto).© imago images / Karina Hessland
    Der Fang von zwei Tagen liegt längst unter Eis, jetzt ist Aufräumen angesagt an Bord der "Stella Polaris". Der 24 Meter lange Fischkutter liegt in Heiligenhafen an der Pier.
    Es ist ein relativ milder Wintertag gegen Jahresende 2019. Am frühen Morgen ist John Much eingelaufen. Zwei Tage war der Fischer unterwegs in den Seegebieten rund um Fehmarn.
    Der Kühl-LKW steht noch auf der Pier. Der Fang ist fein säuberlich nach Arten sortiert, gestapelt in blauen Plastikkisten unter einer schneeweißen Decke aus Eis:
    "Wir haben hier unseren Fang von zwei Tagen, das sind zweihundert Kisten á 35 Kilo, das sind dann sieben Tonnen knapp", sagt Much. "Das hier sind Flundern, da hinten sind noch ein paar Dorsche dabei, ein paar Schollen dabei, so von allem was."

    Seit ein paar Jahren fehlt es an Dorsch-Nachwuchs

    Fleischige, violett-graue Flundern mit charakteristisch rauer Haut lugen aus dem Eis hervor. In der Kiste daneben Schollen, hellbraun, mit kleinen roten Punkten. Und dann noch graugrün getigerte Dorsche.
    Von denen hätte John Much gern etliche mehr gefangen, denn die Erlöse für Dorsch sind besser als für Plattfische. Doch seit dem letzten guten Jahrgang 2016 hat es zu wenig Nachwuchs gegeben. Wenn das so weitergeht, sieht es auch in der westlichen Ostsee bald düster aus mit dem Dorsch. Umso wichtiger findet es der Fischer, Beifang zu vermeiden:
    "Die grundsätzliche Idee finde ich sehr gut, dass man schon mal den Fang vorsortiert. Das Entscheidende ist ja, dass wir den Fang im Wasser schon entkommen lassen oder die kleinen Fische entkommen lassen oder die, die wir nicht haben wollen, den ungewünschten Beifang, dass der vorher entkommen kann. Und wir sind jetzt mit mehreren Fischern dabei, das in der Praxis zu erproben."

    Auch den Fischern hat die Pandemie übel mitgespielt

    Auf den nächsten Fangreisen mit an Bord, aufgewickelt auf zwei übermannshohen Trommeln: eine Variante der Cabrio-Netze von den Fischereiforschern um Daniel Stepputtis.
    "Wir sind ja zum Beispiel ein sogenannter Twin-Trawler: Wir können mit zwei Netzen gleichzeitig fischen", erklärt Fischer Much. "Und wir machen das jetzt so, dass wir auf der einen Seite das ursprüngliche Netz, das traditionelle Netz haben und auf der anderen Seite das mit dem neuen Steert. Dann können wir direkt vergleichen: Hat das irgendwelche Auswirkungen auf den Fang? Wie gut ist das? Wir können also direkt vergleichen. Wir sollen das also jetzt über ein paar Monate mal in der Praxis erproben, ob das dann funktioniert."
    Ob es wirklich gut funktioniert, konnte John Much nicht mehr ausgiebig testen. Denn dem Besuch an Bord der "Stella Polaris" Ende 2019 folgte das Corona-Jahr 2020: wenige Fangfahrten auf die Ostsee, viele erzwungene Liegezeiten im Hafen und kaum noch Verkauf direkt vom Kutter.
    Auch den Fischern hat die Pandemie übel mitgespielt. Und die Forscher durften wegen der Beschränkungen nicht so ohne Weiteres an Bord der Fischkutter, um beim Test der neuen Netze zu helfen. 2020 - ein fast verlorenes Jahr.

    Schwarze Silhouetten im grünen Meer

    Die "Clupea" gleitet gemächlich an der Küste von Mecklenburg entlang Richtung Westen. Daniel Stepputtis muss bei seinen Forschungen auf Rückmeldungen aus der Praxis vorerst verzichten und im Alleingang weiterarbeiten.
    Entspannt sitzt er auf der Brücke vor seinem Monitor und blickt auf das Netz unter Wasser. Das Geflecht der dunklen Maschenstruktur hebt sich deutlich ab vom Moosgrün der Ostsee.
    Immer noch hat sich kein Dorsch blicken lassen. Noch nicht einmal aus dem guten Nachwuchsjahrgang von 2016 scheinen hier welche unterwegs zu sein.
    Vor Kühlungsborn und Heiligendamm, so hat es den Anschein, leben nur Plattfische. Und von denen sausen jetzt etliche durch den Netztunnel nach hinten in den Fangbeutel. Schwarze Silhouetten im grünen Meer:
    "Wie der jetzt gerade, der dreht sich ein bisschen zur Seite, dass man auch sehen kann, dass er wirklich auch flach ist. Und dann ist er im Prinzip wie so eine Hand, die man sich anguckt, eine Hand, ausgestreckt, die Finger auseinandermacht, eher breit als hoch. Hier die Plattfische, die sind ja eher breit als hoch. Und die fliegen hier wie kleine Ufos vorbei. Das sieht schön aus. Und der hier guckt sogar in die Kamera."
    Das Fischereiforschungsschiff Clupea und das grün-weiße Westmolenfeuer in Warnemuende.
    Auch an Bord des kleineren Forschungsschiffs "Clupea" werden die neuen Netze einem Praxistest unterzogen. (Symbolbild)© picture alliance / Patrick Franck / Patrick Franck
    Seit Jahren studiert Daniel Stepputtis das Verhalten der Fische beim Fang unter Wasser. Viele Ideen für selektivere Fangkonstruktionen hat er schon entwickelt - doch bis so etwas in der Praxis ankommt, kann es ewig dauern.
    In der Europäischen Union ist es schwierig, innovative Netze in den Alltag zu überführen, selbst wenn der Problemdruck von Tag zu Tag wächst. Der Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven, der Fischereibiologe Gerd Kraus, nennt den Grund:
    "Das Problem ist eigentlich auf der regulatorischen Seite. In der EU ist die Fischerei sehr, sehr strikt geregelt. Es gibt nicht nur die Fangquoten, sondern auch ganz viele Regeln, die sich auf die Spezifikationen der jeweiligen Fanggeräte beziehen. Das ist ein relativ langer und schwieriger Prozess, wenn man die ‚EU 27‘ dazu bringen muss, dann am Ende des Tages ein neues Gerät zuzulassen. Und das ist einfach noch nicht der Fall."

    Viele Fischer bleiben bei herkömmlichen Netzen

    Und selbst wenn, spielen manchmal die Fischer nicht mit. Bestes Beispiel: Der Eliminator Trawl – jenes Netz, das den Schellfisch vom Kabeljau schon unter Wasser trennen kann. Bereits im Jahr 2007 wurde es vom WWF mit einem Innovationspreis bedacht. Doch die Nordsee-Fischer hat das bis heute nicht sonderlich beeindruckt, bedauert Fischereibiologe Alexander Kempf:
    "Das Problem ist halt, dass wir diese gemischten Fischereien in der Nordsee haben und die Fischer nicht nur Geld mit Schellfisch und Wittling machen, sondern zum Beispiel auch mit Flügelbutt, mit Seeteufel und so weiter. Und diese fliehen auch nach unten und können dann durch die größeren Maschenweiten entkommen. Sodass es immer ein bisschen eine Abwägung ist, für welche Fischer sich dann dieser Trawl auch wirklich ökonomisch lohnt."
    Beifänge wie Seeteufel und Flügelbutt sind relativ selten. Zu wenig davon gibt es im Meer. Auf Fischmärkten erzielen die Raritäten Höchstpreise. Darauf möchten die Fischer nicht verzichten und bleiben deshalb lieber bei herkömmlichen Netzen.
    Das Problem ist nur: Zwischen Seeteufel und Flügelbutt bleibt immer viel Kabeljau im Netz hängen, eine quotierte Art und die müssen die Fischer anlanden. Gefangenen Kabeljau einfach zurück ins Meer zu werfen, ist inzwischen verboten.
    Wenn der Fischer aber seine Quote für Kabeljau ausgeschöpft hat, bedeutet das zwangsläufig: Ende der Fischerei. Kein Seeteufel, kein Flügelbutt und auch kein Schellfisch mehr - selbst wenn er die Quote für diese Fischarten noch nicht ganz genutzt hat.

    Regelverstöße sind schwer aufzudecken

    Das Dilemma der Fischer ist offenkundig. Deswegen bezweifelt Christopher Zimmermann, dass sich wirklich jeder Fischer ans Anlandegebot hält. Und unerwünschter Beifang nicht doch zurück in die Nordsee geworfen wird, ohne Chance auf ein Weiterleben oder bereits tot. Es fehle an einer effizienten Überwachung.
    "An der Stelle krankt es im Moment eigentlich seit der Einführung. Es gibt nach unserer Kenntnis keinen einzigen geahndeten Regelverstoß, obwohl wir wissen, dass Fischer weiter discarden, weiter Fische über Bord werfen, die sie eigentlich mit an Land bringen müssten."
    Christopher Zimmermann hat das nicht mit eigenen Augen gesehen. Doch seine Vermutung ist plausibel: Ein gewisser Beifang von Dorsch – so heißt der Kabeljau in der Ostsee – lässt sich mit den derzeit eingesetzten Netzen nicht vermeiden. Und aus Probefängen wissen die Forscher, wie hoch die Zahlen ungefähr sein müssen.
    "Die besagen, dass beim Dorsch zum Beispiel im letzten Jahr die Beifänge untermaßiger, also zu kleiner Fische, bei etwa 7,5 Prozent liegen. Offiziell in die Logbücher eingetragen und angelandet werden aber nur 0,27 Prozent. Das heißt: Nur ein Bruchteil der Fänge, die zu klein sind und auf die Quote angerechnet werden müssten, werden wirklich mitgebracht." Vieles fliege offenbar weiterhin über Bord.

    EU-Fischereireform ist nur halbherzig umgesetzt worden

    Der Dorsch in der Ostsee hat ohnehin seit Jahren Nachwuchsprobleme. Wenn von den wenigen jungen Dorschen unzählige wieder über Bord geworfen werden, können sich die Bestände nicht erholen.
    "Und die überwiegende Mehrheit der Fischer landet überhaupt keine untermaßigen Fische an! Das heißt, sie geben vor, nie einen einzigen untermaßigen Fisch zu fangen. Und das ist einfach extrem unwahrscheinlich", sagt Zimmermann.
    "Aber das Problem ist: Extrem unwahrscheinlich reicht nicht, um vor Gericht zu gehen, sondern dann muss man sie in flagranti erwischen und das ist im großen Meer fast unmöglich."
    Die EU-Fischereireform von 2015 ist nur halbherzig umgesetzt worden. Das Verbot, unerwünschten Beifang zurück ins Meer zu werfen, ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Doch es fehlt das Instrumentarium, diese Regelung zu überwachen.
    Stattdessen verwässern Ausnahmen das Anlandegebot. Die Plattfischfänger in der Nordsee zum Beispiel dürfen jetzt wieder Schollen über Bord werfen. Begründung: Es gäbe keine Fanggeräte, die den Beifang vermeiden könnten.
    Dabei erschwert es die Europäische Union selbst, bessere praxistaugliche Netze zuzulassen.

    Leuchtend grüne Unterwasserwelt mit leerem Netz

    Die "Clupea" hat inzwischen kehrtgemacht und gleitet zurück zum Heimathafen in Rostock. Beim Blick durchs Fenster auf der Steuerbordseite kann Daniel Stepputtis bereits die Silhouette des Leuchtturms von Warnemünde in der Ferne erkennen.
    Der Blick auf den Computermonitor enttäuscht: Leuchtend grüne Unterwasserwelt mit leerem Netz. Kein Dorsch, noch nicht einmal ein Plattfisch. Nur ein paar Leinen mit gelb-orangefarbenen Auftriebskörpern flattern hinten im Netztunnel in der Strömung – der sollte eigentlich die Dorsche nach oben durchs Cabrio-Dach leiten.
    Der Forscher blickt angestrengt auf den Monitor. Jetzt huschen wieder ein paar Schatten durchs Netz. Genau hingucken ist angesagt:
    "Weil einfach die Fische da so schnell durchschwimmen, und wenn jetzt ein Dorsch kommt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir den fast verpassen", sagt Stepputtis. "Da kommt just einer, der kommt nach hinten ins Netz geschwommen, merkt dann, dass da oben frei ist und schwimmt raus. Dieser Dorsch im Speziellen hat genau das gemacht, was er soll: Er schwimmt nach hinten, guckt sich um, da oben ist frei und schwimmt raus."

    80 Prozent der Dorsche konnten sich retten

    Jetzt kommen noch ein paar. Nicht tellerförmig wie die Plattfische, sondern länglich, wie Torpedos. Und alle sausen rückwärts, mit der Schwanzspitze nach vorn, durch den Netztunnel:
    "Die Dorsche schwimmen in der Regel so, dass sie mit der Schnauze in Richtung Schiff, in Richtung Netzeingang gucken und versuchen, quasi nach vorne zu entkommen. Deswegen sehen wir die auch quasi hier rückwärts ins Netz schwimmen, mit der Schwanzspitze zuerst in Richtung Netzbeutel. Und dann merken die trotzdem relativ gut – die haben diese Seitenlinienorgane –, dass da irgendwas anders ist, dass da irgendwas wackelt, dass die Strömung anders ist, als sie das erwarten würden. Und dann hat der jetzt hier gerade - da ist er - oben erkannt, dass da die ganze Oberseite des Netzes weggeschnitten ist, und kann da herausschwimmen, da ist einfach die Freiheit. Klassenziel erreicht."
    Ab durchs Cabrio-Dach nach oben, ins freie Wasser. Zurück in die Freiheit des offenen Meers.
    In seiner Zwischenbilanz stellt Daniel Stepputtis fest: 80 Prozent der gefangenen Dorsche konnten aus seinen Netzen entweichen, der Großteil der gewünschten Plattfische dagegen wurde gefangen.
    Das Prinzip funktioniert also auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Jetzt liegt es an den zuständigen Gremien, die Netze für die Ostseefischer zuzulassen.
    Schlaue Netze für kluge Fischer - es geht um nicht weniger als eine schonende und nachhaltige Fischerei. Hier in der Ostsee, aber auch anderswo in den Weiten der Meere.

    Autor: Lutz Reidt
    Sprecherin und Sprecher: Nina West und Joachim Schönfeld
    Regie: Klaus-Michael Klingsporn
    Technik: Christiane Neumann
    Redaktion: Martin Mair

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