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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.04.2014

Neue NationalgalerieAmerikanischer Eigensinn

Späte Würdigung des US-Malers Marsden Hartley mit Blick auf seine Berliner Zeit

Von Barbara Wiegand

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In der Neuen Nationalgalerie in Berlin wird am 04.04.2014 die Ausstellung "Marsden Hartley - Die deutschen Bilder 1913-1915" vorgestellt. Im Vordergrund hängt das Werk "Portrait of One Woman" aus dem Jahr 1916.  (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
Das Werk "Portrait of One Woman" aus dem Jahr 1916 von Marsden Hartley. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Eine eigenwillige Mischung aus Comic, Kubismus, Symbolismus, Ornament und Abstraktion findet sich im Werk von Marsden Hartley. In seinen Berliner Bildern zeigen sich sein Faible für Männer in Uniformen und düstere Kriegsszenarien.

"Die Bilder Marsden Hartleys sind mir zum ersten Mal begegnet in einer Ausstellung im Martin Gropius Bau vor einigen Jahren. Das war eine Überblicksausstellung über amerikanische Kunst und damals habe ich gedacht: Mensch, das ist doch Pop-Art oder zeitgenössisch, das ist ja unglaublich, dass diese Bilder 1914 entstanden sind."

So beschreibt Dieter Scholz die "Faszination Marsden Hartley“ – und das, was den Kurator der Schau an diesem Künstler so fasziniert, ist denn auch nicht zu übersehen. Im Obergeschoss des gläsernen Mies van der Rohe-Baus werden zwar nur 30 Bilder gezeigt, aber die haben es in sich. Voller Farben und voller explosiver Leuchtkraft sind sie. Eine ziemlich eigenwillige Mischung aus Comic, Kubismus, Symbolismus, aus Ornament und Abstraktion. Gemalt hat Marsden Hartley sie in Berlin, wo er zwischen 1913 und 1915 lebte. Von Paris aus hatte es ihn hierhergezogen – der Liebe wegen.

"Ja, Marsden Hartley hat in Paris zwei Deutsche kennengelernt, einmal den Berliner Bildhauer Arnold Rönnebeck und einen preußischen Offizier mit Namen Carl von Freyburg. Hartley hat sich besonders für Freyburg interessiert, war begeistert von diesem stattlichen, weltgewandten Offizier und ist ihm letztlich nach Berlin gefolgt. Und in späteren Aufzeichnungen schreibt er auch ganz eindeutig, dass dieses ganze militärische Zeremoniell, diese Uniformen, die gewichsten Stiefel, das Leder, die blitzenden Helme, das all das ihn angezogen hat, auch im erotischen Sinne."

Vor dem Kriegsausbruch: Reines Farbenmeer

Während Hartley diese Leidenschaft im wahren Leben, wenn, dann nur diskret und im Stillen ausleben konnte, erzählen seine Bilder viel von seinem Faible für schneidige Männer in prachtvollen Uniformen. Entdeckt man hier doch immer wieder Offiziere hoch zu Ross, Feder geschmückte Helme, Flaggen, Eiserne Kreuze.

Vor Ausbruch des Krieges war das noch ein reines Farbenmeer: Pferde, rot mit weißen Schweifen oder ganz in blau sind hier unterwegs, gruppieren sich in und um mystisch strahlende Bildzentren herum. Doch mit Ausbruch des Krieges verdüstern sich die Szenerien, zumal der geliebte Carl von Freyburg bereits im Oktober 1914 fällt. Im Gedenken an ihn malt Hartley sein aus dem Metropolitan Museum of Modern Art geliehenes "Portrait eines deutschen Offiziers“ in dem eine geballte Formation aus Initialen und Regimentsnummer des Getöteten, aus Flaggen, und Orden die Umrisse eines Körpers erahnen lässt.

"Auf jeden Fall ist dieses Bild ein Mahnmal – es ist zwar die ganze Fröhlichkeit, die Farben der Paraden noch vorhanden, aber der Hintergrund ist schwarz. Es ist die Farbe der Trauer, die dort regiert. Es wirkt wie ein lebensgroßes Bild einer Person, die einen Helm unter dem Arm trägt, die aber selber nicht da ist – es ist kein Gesicht da, kein Körper, sondern nur die Uniformbestandteile und die Fahnen."

Berlin im Zeichen des Ersten Weltkrieges

So bildete der 1877 in Maine geborene Marsden Hartley auf seine Art Berlin im Zeichen des Ersten Weltkrieges ab. Und hielt auch sonst das Zeit- und Kunstgeschehen in der Stadt fest. Zum Beispiel den Absturz eines Zeppelins in Berlin Johannisthal 1913: Bei Hartley ist das Luftschiff ein flammender Feuerball, ein fantastisch kugeliges Wesen wie aus einem Science-Fiction-Film. Doch so fantastisch das daherkommt, so klare Referenzen an Künstlerkollegen gibt es – blaue und andere Pferde erinnern an Franz Marc, gestrichelte Bäume, in ihrer blattlos abstrakten Machart, an Darstellungen von Paul Klee. Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie:

"Er ist zwar beeinflusst durch den Kubismus, einen Neoimpressionismus. Er kennt das alles, auch schon aus Amerika. Aber was dann hier in Berlin passiert ist, ich hab es eine frühe Form der Mischkultur genannt, das er nicht nur fasziniert ist von dem preußischen militärischen Popanz, sondern eben hier auch ins Völkerkundemuseum geht, hier auf die indianischen Kulturen trifft, sich beeinflussen lässt durch eine asiatische Kultur. Und alles fließt in seinen großartigen farbintensiven Bildern zusammen und da ist er eben ein sehr individueller Künstler."

Vor allem Berliner Bilder zeigen diese ganz eigene Qualität. Impressionistisch geprägte Landschaften, eher traditionelle Stillleben, die vorher und nachher in den USA entstanden, wirken im Vergleich dazu eher konventionell. Und deshalb ist gerade dieser Blick auf Marsden Hartleys Berlin so spannend, sind die hier entstandenen Werke eine Entdeckung wert – man braucht zwar etwas Zeit, um in Hartleys Bildwelten einzutauchen, aber dann ist man bald fasziniert, von seiner Mischung aus europäischer Avantgarde und amerikanischem Eigensinn.

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