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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.03.2018

Neue Mobilität in HannoverÜber Umwege ans Ziel

Von Dietrich Mohaupt

Ein Handy mit der MOIA-App vor einem Fahrzeug des Unternehmens. (imago stock&people)
MOIA startete 2017 in Hannover (imago stock&people)

Sie werden per App geordert, holen Fahrgäste ab und bringen sie ans Ziel: In Hannover gehören die VW-Bullis mit der Aufschrift "MOIA Servicetest" fast zum Stadtbild. Was an eine Fortentwicklung des Sammeltaxis erinnert, soll Teil eines neuen Mobilitätskonzepts werden.

Ein Bistro am Hauptbahnhof in Hannover – MOIA-Chef Ole Harms hat von hier aus die ganze Welt der Mobilität in der niedersächsischen Landeshauptstadt im Blick. Da gibt es den zentralen Busbahnhof, einen großen Taxistand und jede Menge Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, im Untergrund kreuzen sich U-Bahn-Linien mit direktem Übergang zu den Fernbahnstrecken. Ach ja … außerdem verstopfen natürlich auch regelmäßig Massen von Autos, Kleintransportern und LKW die Hauptverkehrsstraßen im Bahnhofsumfeld wie fast ständig auch überall sonst in der Innenstadt. Die vorhandene Infrastruktur werde einfach überwiegend falsch genutzt, meint Ole Harms.

"Wir haben überall – in jeder Stadt – die gleichen Probleme: Stau und Luft- und Lärmbelastung und alles, was damit zusammenhängt. Und das kommt halt zum großen Teil daher, dass eben die Leute ihr Auto nicht stehen lassen, weil halt nicht die relevanten Anwendungsfelder abgedeckt sind. Und deswegen … wir sagen immer, es gibt eine große Lücke zwischen dem Privatauto und dem öffentlichen Nahverkehr – da wollen wir hin, und wollen mit Mobilitätskonzepten, die das eigene Auto unnötig machen in der Stadt, Angebote schaffen, die das Leben in der Stadt besser machen."

Haltepunkte sind über die ganze Stadt verteilt

Das klingt ein bisschen nach Hochglanzprospekt – und aus dem scheint auch das Fahrzeug für das aktuelle MOIA-Mobilitätskonzept zu stammen. Leise ertönt chillige Musik aus den Lautsprechern in einem mit fünf opulenten, freistehenden Ledersitzen ausgestatteten VW-Bulli vom Typ T6. Davon lässt sich Fahrer Bernd Kühn am Steuer des in dezentem nachtblau lackierten Fahrzeugs nicht ablenken. Er konzentriert sich voll auf den dichten Verkehr – von Zeit zu Zeit macht ein auf dem Armaturenbrett montiertes Tablet akustisch auf sich aufmerksam.

"Das ist jetzt eine Anforderung … bzw. das ist mein nächster Ort, wo ich hinfahren muss, und da wird der Kunde zusteigen – an dem Haltepunkt, an der virtuellen Haltestelle in der Königstrasse 9a."

Ein engmaschiges Netz solcher "virtuellen Haltepunkte" ist über den gesamten Innenstadtbereich von Hannover verteilt – per Handy-App können die Kunden einen Wagen anfordern, der dann im Gegensatz zum "normalen" Taxi eben nicht vor die Haustür, sondern zu einer dieser Haltestellen kommt. In der Königstrasse steigt Cordula in den Bulli ein.

Die junge Frau ist eine von inzwischen 3500 Testnutzerinnen und -nutzern. Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Ridepooling-Angebot … naja – gemischt, meint Cordula. Unschlagbar sei natürlich …

"… also momentan der Preis – das kann man nicht wegdiskutieren. Es gibt noch einige Sachen, die – wie so üblich im Test – nicht ganz hundertprozentig funktionieren und wo man als Kunde dann doch schon mal ein oder zwei Augen zudrückt, weil es eben ein Test ist, wo ich – wenn ich reguläre Preise bezahlen würde, sicherlich kritischer mit umgehen würde."

Kunden müssen weite Umwege in Kauf nehmen

Sechs Cent pro Kilometer und Person während der Testphase … mit diesem Fahrpreis, abgerechnet direkt über die Smartphone-App, kann MOIA nicht einmal die Betriebskosten decken. Das soll so sein, damit der Service nicht von der Stadt als Beförderungsdienstleistung genehmigt werden muss. Zu den angedeuteten Schwächen des Systems zählt Cordula unter anderem das Navi, das manchmal seltsame Streckenführungen durch Hannover vorschlägt – und …

"… dann dieses einsammeln von anderen Kunden unterwegs, das funktioniert auch definitiv nicht – dass man teilweise wirklich eine Stunde, eineinhalb Stunden unterwegs ist für eine Strecke, wo man regulär zehn Minuten braucht, weil das System das so vorgibt, das funktioniert auch noch nicht – ansonsten ist es positiv."  

Zwischendurch hat sich mehrmals das Tablet wieder bemerkbar gemacht – in der MOIA-Zentrale sind weitere Anfragen von Kunden eingegangen, der Computer hat daraus eine neue Route errechnet. Auf dem Weg zu Cordulas Ziel holt der Fahrer noch einen jungen Mann ab – das erfordert einen kleinen Umweg. Auch der neu zugestiegene Fahrgast weiß, dass er im Zweifel nicht auf dem kürzesten Weg sein Ziel erreichen wird, weil ja schon eine Mitfahrerin im Auto sitzt, die mit ziemlicher Sicherheit woanders hin möchte als er.

"Es gibt tatsächlich an manchen Tagen so Stoßzeiten, wo es dann schneller wäre, mit dem Fahrrad oder der Bahn zu fahren – allerdings muss man da vielleicht einfach als Kunde seine Prioritäten unterschiedlich setzen. Also – z.B. wenn ich weiß, dass ich wenig Zeit habe, dann rufe ich nicht unbedingt MOIA, weil ich weiß, das dauert zum einen zehn Minuten, bis es bei mir ist, zum anderen dann nochmal länger, bis es woanders ist. Deswegen gibt es ja extra das Intervall, in dem die Ankunftszeit gesetzt ist, damit man eben nicht sagen kann, genau dann bist Du da!"

VW will den Test ausweiten

Ridepooling eben – man teilt sich das Fahrzeug mit anderen Passagieren, deren Start- und Zielpositionen in ähnlicher Richtung liegen. Seit Beginn der Testphase in Hannover hat MOIA bei rund 100.000 Fahrten wertvolle Erfahrungen vor allem mit der Software gesammelt, die aus Kundenanfragen und Fahrzeugstandorten möglichst schnell möglichst intelligente Routen errechnen soll. Damit dieser Algorithmus weiter lernen kann, wurde jetzt die Zahl der Fahrzeuge auf 35 fast verdoppelt, erläutert MOIA-Chef Ole Harms.

"… und für den Tag, wo wir dann hoffentlich hier auch irgendwann kommerziell starten, werden wir dann wahrscheinlich auch die Flotte weiter ausbauen – weil … nur dann habe ich auch den richtigen Pooling-Effekt, wenn genug Fahrzeuge auf der Straße sind, um diese ganzen verschiedenen Anfragen aufzunehmen."

Übrigens – dass mit MOIA ausgerechnet eine hundertprozentige Tochter des weltweit größten Autobauers Volkswagen Ideen entwickelt, um Privatautos zumindest in Städten möglichst überflüssig zu machen … kein Problem, meint Ole Harms. Man sei schließlich angetreten, um Mobilität neu zu definieren - nicht, um Autos zu bauen und zu verkaufen! Aber – so ganz ohne "Old-School-Autobau" kommt auch MOIA nicht aus! So soll z.B. in Hamburg voraussichtlich Ende des Jahres der nächste Entwicklungsschritt in Sachen Ridepooling vorgestellt werden – dann mit vollelektrischen Fahrzeugen, speziell entwickelt und gebaut für MOIA … natürlich im VW-Konzern!

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