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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

Neue Medien"Es werden alle Rechte geklärt"

Wissenschaftler planen nach dem Vorbild von Wikipedia ein Musik-Wiki

Gunter Dueck im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Gunter Dueck präsentiert in Alteglofsheim (Bayern) einen Laptop mit einer Internetseite von Musik-Wiki. "Freie Musiknoten für alle", fordert eine Gruppe von Informationswissenschaftlern aus Regensburg und will im Herbst mit einem Musik-Wiki nach Wikipedia-Vorbild online gehen. (picture alliance / dpa / Foto: Armin Weigel)
Mitinitiator Gunter Dueck zeigt auf seinem Rechner eine Internetseite von Musik-Wiki. (picture alliance / dpa / Foto: Armin Weigel)

Musik komponieren, im Netz hochladen, mit anderen teilen und am besten daran verdienen - das ist die Wunsch-Idee, die hinter dem Musik-Wiki steckt. Noch müssten viele Fragen geklärt werden. Aber der ehemalige IBM-Mitarbeiter Gunter Dueck sei schon für ganz andere Ideen ausgelacht worden.

Matthias Hanselmann: Nach dem Vorbild von Wikipedia soll schon im Herbst diesen Jahres ein Musik-Wiki online gehen. Die Vision ist, Noten gemeinsam schmieden und verbreiten, und nach dieser Vision sollen Nutzer dort eigene Werke hochladen, fremde Werke bearbeiten, downloaden, verbessern und weiterverwenden können. Der Mathematiker, Philosoph und Autor Gunter Dueck ist Mitinitiator des Projektes. Er ist jetzt für uns in einem Studio in Mannheim. Willkommen im Radiofeuilleton!

Gunter Dueck: Guten Tag, Herr Hanselmann!

Hanselmann: Herr Dueck, wie soll denn dieses Musik-Wiki aussehen?

Dueck: Ja, das ist schwer zu sagen, wir sind noch in der Findungsphase, weil das sehr, sehr viele verschiedene Parteien da betrifft. Im Prinzip wollen wir einfach erst mal so die normalen Noten von Bach oder Vivaldi im Internet haben. Das Wikipedia hat jetzt eine neue Datenstruktur eingeführt. Man kann jetzt also da Noten in programmierter Form ablassen. Also jetzt nicht die Noten als Schrift, sondern wirklich als programmierte Version. Die kann man dann anklicken und sich das mal anhören. Und ich meine, es gibt so viele Leute, die zur Musikschule gehen, meine Tochter zum Beispiel früher mal – so könnte man es anklicken und mal gucken, wie sich das überhaupt anhört, bevor man das anfängt zu üben. Oder man hat da so ganz kleine Stücke, man kann sich irgendwie mal was aussuchen. Es gibt zum Beispiel nicht wirklich die Kirchenlieder der evangelischen und katholischen Kirche online. Die gibt es so versteckt mal irgendwo in passwortgeschützten Räumen. Es wäre einfach schick, wenn man so das allgemeine Kulturgut irgendwie zugänglicher machen könnte.

Hanselmann: Alles klar. Also ich verstehe das jetzt so, dass erst mal die Nutzer davon haben, dass sie, sagen wir, Volks- und Weihnachtslieder, Popsongs, bekannte Stücke der Klassik und so weiter suchen und dann finden und diese dann – Sie haben im Moment erst von Anhören gesprochen – sie auch downloaden können in Notenform?

"Mit einem normalen Bezahlknopf gleich kaufen"

Dueck: Ja, da müssen wir halt die ganzen Rechtefragen klären. Ja, also, wir suchen gerade noch immer Stimmen oder Fachleute, die uns beraten, was sie denn da eigentlich machen. Für normale Nutzer ist das klar, ich gucke mir da jetzt vielleicht ein Kinderlied an und will es mal anhören oder vielleicht auch selber spielen und ausdrucken. Man könnte auch sozusagen die eigenen Lieblingsstücke, die ich jetzt in einer Musikschule habe, zusammenpacken und, so wie ein Fotobuch bei "C wie Color" oder so was  downloaden und mir eigentlich drucken lassen, meinetwegen in Leder binden. Und da gibt es eine Fülle von möglichen Verwendungen, und die wollen wir jetzt erst mal ausloten. Zum Teil wäre es ganz schön, wenn man einfach zu jedem Musikstück der Welt daneben stehen hätte, wer die Rechte überhaupt hat und wie ich die kriege und am besten mit einem normalen Bezahlknopf gleich kaufen kann. Also dann kann ich einfach sagen, ich hab drei Abende im Heidelberger Theater, und wie viel kostet das – so was von der Art.

Hanselmann: Da müssen wir unbedingt noch drüber reden, über die Rechte. Vielleicht erst noch mal die Frage: Komponisten von Werken aller Art, vom Schlager bis zur Neuen Musik, sollen auch ihre Werke, ihre Noten auf dieses Portal hochladen können. Was haben die denn davon, und wer kann davon profitieren?

Dueck: Ich meine, das hängt sehr von dem Künstler ab, von dem Businessmodell. Ich bin zum Beispiel relativ oft Konferenzredner, und ich kriege meine Aufträge zum Beispiel deshalb, sinnigerweise, weil fast alle meine Reden, die ich jemals gehalten habe, auf YouTube zu finden sind. Da können Sie sich 50, 60 Stunden angucken inzwischen. Und ich kriege einfach ganz viele Aufträge, weil die Leute sagen, genau das wirst du bei unserem Jubiläum auch erzählen, oder abwandeln und so weiter. Und das ist eine gigantische Reklame. Ich meine, wenn jetzt Künstler die Noten drauf stellen, hätte das gar nicht – ist das nicht so unsinnig. Also praktisch, heute sagen viele, sie verlieren da Rechte oder haben keine Lust oder finden das schwierig, wenn das einfach so public domain ist, aber im Grunde erreicht man natürlich sehr, sehr viel mehr Leute.

Hanselmann: Ich will es auch noch mal für unsere Hörerinnen und Hörer konkreter machen. Als Beispiel, stehen da nicht jedem Komponisten die Haare zu Berge, wenn er das hört. Wer garantiert mir denn, dass mein Urheberrecht geschützt bleibt. Also ein Beispiel: Ich lade die Noten eines von mir komponierten Stückes hoch, sagen wir mal, eine Erkennungsmelodie für eine Fernsehformat, und einen Tag später lädt sich in Japan ein Komponist, der gerade eine Schreibhemmung hat, meine Noten runter und veröffentlicht sie unter seinem Namen. Das kann ich doch gar nicht verhindern.

"Es werden alle Rechte geklärt"

Dueck: Das kann er im Prinzip ja heute auch. Das kann er heute auch, er kann einfach die Fernsehsendung oder irgendwas aufnehmen. Es gibt ja auch Programme, die die Noten dann automatisch setzen. Es gibt ja Software, die hören sich die Musik einmal an, und dann wird das halbwegs vernünftig gesetzt. Also, wenn er selber noch seine Schreibhemmung überwindet, kann er dann die Noten so berichtigen, dass sie stimmen. Ich meine, im Grunde hat man ja die Noten, man hört es ja doch im Theater, oder so was. Ich meine, wir wollen da gar keinem weh tun, es werden alle Rechte geklärt. Es dauert deswegen ein bisschen. Wir wollen den Leuten auch die Möglichkeit geben, wie gesagt, da einen Bezahlknopf dran zu machen und dann zu fordern, was sie wollen.

Im Augenblick ist es so, dass viele Künstler oder, sagen wir mal, Chorleiter – Chorleiter suchen jetzt meinetwegen für ein Konzert irgendwelche Noten raus oder machen sich ein Programm und dann klären sie wahrscheinlich irgendwie eine Woche am Telefon, wer überhaupt die Rechte hat, wer das kann, wie man das bezahlt. Dann sitzt der Musikverlag da und kriegt irgendwelche, lauter Anfragen und schickt dann immer Angebote raus, das kostet 30 Euro, das kostet 100 Euro, und das gibt einen fantastischen Papierkram. Im Grunde könnte  man diese ganze Verwaltung rund um die Rechte auch irgendwo so wie ein Amazon-Kaufladen viel einfacher machen. Ich könnte mir eine Lösung vorstellen, mit der alle glücklich sind. Für die müssen wir allerdings noch ein bisschen nachdenken.

Hanselmann: Das glaube ich auch. Und ich möchte eigentlich gar nicht in Ihrer Haut stecken. Da gibt es bestimmt viel zu tun. Es gibt ja auch auf der ganzen Welt in den unterschiedlichen Ländern noch unterschiedliche Rechtslagen, was zum Beispiel das Urheberrecht betrifft.

Dueck: Ja, aber ich kann natürlich zum Beispiel alle Klassiker, die 70 Jahre tot sind, jetzt einfach noch mal raufladen. Die gibt es zum Teil auch, die Noten schon abgetippt. Ich kriege dann auch immer – also mindestens als PDF gibt es die, also dass man die ausdrucken kann. Die sind nur wahnsinnig verstreut im Netz, und man muss dann irgendwie lange suchen, bis man sein Lieblingsstück gefunden hat. Und in vielen Ländern haben sich jetzt Leute gemeldet, die das schon abgetippt haben. Und diese Dinge muss man vielleicht einfach nur zusammenführen, und da haben wir dann schon mal so einen Grundstock. Natürlich, dass die neuzeitlichen Künstler andere Ideen dazu haben, ist klar. Es melden sich aber auch welche jetzt inzwischen, die da einfach mitmachen und sagen, okay – also die sehen das jetzt so wie ich, dass man vielleicht eher mehr Reklame für sich machen kann, wenn man einfach mehr Aufmerksamkeit bekommt. Und nun wollen wir mal gucken, wie sich das entwickelt.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, ich spreche mit Gunter Dueck, er ist Mathematiker, ehemaliger Mitarbeiter bei IBM, war dort sogar Chief Technology Officer, CTO, und ist Autor weltanschaulich-philosophischer Sachbücher. Und Mitinitiator von Musik-Wiki, einer Webseite in der Art des freien Online-Lexikons Wikipedia. Herr Dueck, welche Reaktionen haben Sie denn bisher auf das geplante Musik-Wiki von den Urhebern selbst, also von den Musikern und Komponisten? Sind die alle begeistert?

"Die Deutschen wollen keine Innovationen"

Dueck: Wir haben jetzt nicht so viele gesprochen. Wir sondieren halt die Rechtslage. Es macht keinen Sinn, so viel vorher zu sprechen. Wir fahren das Ganze erst mal hoch, setzen klassische Noten rein, und dann sprechen wir mit den Leuten. Es ist so, wie Sie jetzt auch fragen, also praktisch – man schimpft doch immer über ganz Deutschland, sozusagen so pauschal, dass die Deutschen keine Innovationen wollen. Und wenn ich jetzt mal mit was Neuem komme, was eigentlich gut ist und die  Menschheit bereichert, dann sind gleich auch Sie jetzt im Radio wieder schon mal dagegen und sagen, die Rechte, und das ist schwierig, und dann kommen Sie gleich alle mit juristischen Feinheiten.

Hanselmann: Ich hab nicht gesagt, dass ich dagegen bin.

Dueck: Nein, aber ich fände es schöner, wenn man ein bisschen mal so naive Begeisterung hätte.

Hanselmann: Ja, ja, nur wissen Sie, wie schnell naive Begeisterung in Prozesse umschlagen kann, wenn die Leute dann –

Dueck: Nein, machen wir ja nicht. Wir setzen erst mal alles Legale, versuchen wir da reinzusetzen, und den Rest können die Leute ja mit einem Bezahlknopf gerne bestücken.

Hanselmann: Es gibt noch einen wichtigen Punkt, den ich ansprechen möchte. Es gilt in Deutschland folgende Regel: Bei zeitgenössischer Musik gilt schon das Kopieren oder Scannen von Noten als illegal, wenn nicht der Verleger oder der Urheber zustimmt. Musiknoten sind sogar stärker geschützt als Musikaufnahmen. Also auf Deutsch: Ich darf einen aktuellen Popsong für private Zwecke digital vervielfältigen, aber die Noten dazu nicht. Was meinen Sie eigentlich dazu? Ist das so ein typisch deutscher Schwachsinn?

Dueck: Ich meine, das muss man dann ein bisschen umgehen, indem man die Künstler dann irgendwie um Rechte, um Genehmigung fragt. Wir haben einige gefragt, die sind auch dafür, also die würden das machen, also verstehen tun sie das. Das Problem ist natürlich, dass sie sagen, sie haben eigentlich gar keine Rechte, weil die schon alle verkauft sind.

Hanselmann: Weil die erst mal bei ihrem Verlag nachfragen müssen.

Dueck: Ja, genau. Und dann ist es wieder eine andere Sache, und das braucht natürlich ein bisschen Zeit. Also da kann ich jetzt keine endgültigen Antworten geben, sondern da muss man irgendwie eine Lösung finden, mit der alle langsam leben können.

Hanselmann: Herr Dueck, ich fürchte für Sie, da müssen Sie noch durch einen großen Dschungel durch.

Dueck: Ich bin 62, also frisch pensioniert sozusagen, und – wie alt wird man? 92? Das haben wir dann, das ist ein Generationenproblem natürlich ein bisschen, aber das dauert vier, fünf Jahre. Ich meine, die Wikipedia haben Sie sicher auch im Radio gehört, und ich hab damals gewettet, dass noch das Lexikon ungefähr überlebt. Da haben mich alle laut, laut ausgelacht. Und Brockhaus hier und so gibt es ja dann auch nicht mehr so richtig.

Hanselmann: An dem Punkt haben Sie allerdings recht, und dann wünsche ich auf jeden Fall Ihnen viel Durchhaltekraft bei Ihrem Vorhaben. Mal gucken, ob wir im Herbst dann ein Musik-Wiki online haben. Danke schön, Gunter Dueck!

Dueck: Ja, auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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