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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.10.2014

Neue LeidenschaftRenaissance einer alten Weinnation

Polens Winzer wagen sich jetzt auch an Pinot Noir, Sauvignon Blanc und Riesling

Von Richard Fuchs

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Weine unterm Kloster Silberberg. Fünf Kilometer außerhalb Krakaus wurde ein alter Mönchsweinberg von Winzern vor sieben Jahren neu kultiviert. Und gilt schon jetzt als Avantgarde der polnischen Winzer von Morgen. (Richard A. Fuchs)
Weine unterm Kloster Silberberg. Der alte Mönchsweinberg wurde von Winzern vor sieben Jahren neu kultiviert. (Richard A. Fuchs)

Polen, das Land der Wodkatrinker und Wurstesser - das ist ein gängiges Klischee. Doch vor allem im Süden des Landes gibt es eine Renaissance einer alten Tradition: des Weinanbaus.

Schon von weitem ist der Silberberg - Srebrna Góra – als Landmarke vor den Toren Krakaus sichtbar. Der kleine Kegel, um den sich hufeisenförmig die Weichsel schmiegt, gilt als eines der Wahrzeichen der südpolnischen Metropole. Auf der Anhöhe thront ein Eremiten-Kloster mit zwei barocken Zwiebelkirchtürmen. An der Südflanke des Hügels ist der Ort, an dem Mirosłav Jaxa Kwiatkowski in Polen eine kleine Wein-Revolution losgetreten hat.

Mirek: "Hallo"

Reporter: "Grüß Gott"

Mirek: "Entschuldigen Sie die Verspätung, ich hatte eine große Begegnung wegen des Jungwein-Festivals, Heurigen-Fest, das erste Mal in Krakow."

Mirosłav Jaxa Kwiatkowski ist ein vielbeschäftigter Mann. Jetzt steht Mirek, wie sich der Mittvierziger gerne nennt, entspannt lächelnd da. Um ihn herum: nichts als Rebstöcke.

Mirosłav Jaxa Kwiatkowski ist Restaurantbesitzer und Gründer des Weinguts Srebrna Góra im Umland Krakaus. (Richard A. Fuchs)Mirosłav Jaxa Kwiatkowski ist Restaurantbesitzer und Gründer des Weinguts Srebrna Góra im Umland Krakaus. (Richard A. Fuchs)

Mirek ist ein Jungwinzer, der auch so aussieht: Er trägt Kapuzenpulli und Sport-Sneakers, sein sonnengegerbtes Gesicht und seine Lachfalten verraten viel über seinen Charakter, sagt er und muss lachen. Hier – im heutigen Weinberg des Weinguts Srebrna Góra – hat sich Mirek gemeinsam mit seinem 39-jährigen Geschäftspartner Mikołaj einen Traum erfüllt.

"So ungefähr vor 15 Jahren habe ich so gedacht, Ok, ich verkaufe das Wein, ich liebe das Wein, aber es fehlt mir etwas, Wein machen!"

Nach jahrzehntelanger Brache ziehen sich kerzengerade Rebstock-Reihen von der Anhöhe bis zum Fuß des Hügels hinunter. Dazwischen ernten ein gutes Duzend Mitarbeiter die Trauben.

Reihe für Reihe zupfen sie die Weinblätter ab, um an die darunter versteckten Trauben zu kommen. In bunten Plastik-Eimern werden dann die Früchte gesammelt – und mit dem kleinen Traktor zum Winzerkeller in einem Nebengebäude des Klosters gefahren: Sechs Tonnen Trauben kommen so an diesem Nachmittag zusammen. Das sind 3.500 Liter neuer, polnischer Wein.

Durch zwei Weltkriege und sozialistische Planwirtschaft fast ausgelöscht

Dass es den – im rauen polnischen Klima - überhaupt gibt, sagt Mirek, das sei auch für viele seiner Landsleute noch immer gewöhnungsbedürftig.

"Sehr viele Polen, sehr viele Leute, schauen auf uns wie auf verrückte Männer und fragen sich, was die wohl machen. Und obwohl Polen eine lange Geschichte hat, wenn es sich um die Weinberge handelt: Die Menschen haben vergessen, dass wir einmal Wein produziert haben und jetzt müssen wir alle das aufs Neue lernen."

Mireks Wein-Abenteuer am Krakauer Silberberg steht dabei stellvertretend für die Wiederentdeckung einer Tradition, die durch zwei Weltkriege und eine sozialistische Planwirtschaft beinahe ausgelöscht schien.

"Die ersten Weinberge gab es in Krakau Anfang des zehnten Jahrhunderts, also über 1.000 Jahre früher."

Momentan gibt es in Polen in etwa 1000 Hektar Weinberge. Zwölf davon bewirtschaften die Newcomer-Winzer vom Silberberg und besitzen damit schon heute Polens zweitgrößtes Weingut – und dass mit einem Weinberg, den sie erst vor sieben Jahren angepflanzt haben, erklärt Mirek beim Spaziergang durch die Reben.

"Das was wir hier sehen ist ein Feld, was acht Hektar hat und hier pflanzen wir zum Beispiel Solaris, Sauvignon Blanc, Hibernal oder Johanniter. Und wenn es sich um die roten Rebsorten handelt, dann ist das Rondo, Regent und Cabernet Cortis".

Was Mirek aufzählt, das sind für viele weitgehend unbekannte Rebsorten. Vielfach Neuzüchtungen, meist aus deutschen Rebschulen, die eines vereint: Sie sind besonders widerstandsfähig, gegen Frost, gegen Kälte und gegen Pilze. Insgesamt vierzehn verschiedene Rebsorten haben die Weinpioniere vom Silberberg seit 2005 gepflanzt. Das klingt experimentierfreudig. Und das soll es auch sein, sagt Mirek. Denn noch gebe es kaum Erfahrungen, welche Rebsorten wirklich zum rauen, polnischen Klima passten, meint er.

"Sehr süß, hätte ich gar nicht gedacht".

Mit Experimentierfreude und mit zusätzlichen Experten, die im Weinkeller für die nötige Qualität beim Weinausbau sorgen, will Mirek Polens schlechtes Wein-Image endgültig abschütteln. Denn bisher gilt: Entweder, die Leute haben noch nie davon gehört. Oder, sie denken bei polnischem Wein an ein säuerliches Gebräu, was zu wenige Sonnenstunden abbekommen hat.

Mirek und eine Hand voll befreundeter Jungwinzer wollen künftig jedes Jahr am 11. November den Gegenbeweis antreten. Dann, am Tag des Heiligen Martin, sollen die Krakauer die neuen polnischen Weine der Region probieren können - bei einem Fest mit über 1000 Gästen. In Mireks Restaurant, das er weiter betreibt, würden seine Weine, sagt er, gut ankommen.

"Polen trinken immer mehr Wein, das ändert sich dynamisch. Und bis jetzt haben sie immer mehr ausländische Weine getrunken und jetzt bin ich sicher - ja, ich hoffe, sie werden auch mehr die polnischen Weine trinken."

Im 300 Kilometer entfernten Wrocław, Breslau, ist von der neuen, polnischen Weinkultur auf den ersten Blick wenig zu spüren. Auf dem großen Marktplatz, dem Großen Ring, schlendern Passanten am frühen Abend zwischen den angesagten Bars und Restaurants hin und her.

Umringt von mittelalterlichen Gebäudefassenden verschwimmt der Sound von Straßenmusikern und partyhungrigen Jugendlichen zu einem wohlbekannten Lied – bei dem das Klirren der Bierflaschen noch immer tonangebend ist.

Polen ist noch ein Wein-Entwicklungsland

Und doch hat sich - auf den zweiten Blick - in der polnischen Ausgeh-Kultur viel getan: Immer mehr Weinbars schießen in Metropolen wie Warschau, Krakau oder Poznan aus dem Boden. In Breslau die OK-Winebar, wenige Meter vom alten Marktplatz entfernt.

" Noch ist die Zahl derer, die in Polen Wein kaufen, recht überschaubar. Aber die Schar der Weintrinker wächst. Von 2012 auf 2013 hat der Weinabsatz hierzulande sogar einen richtigen Satz nach oben gemacht – um satte um 20 Prozent"

...sagt Kamil Sladewski. Der Mittzwanziger steht mit kariertem Hemd, Seitenscheitel und verschmitztem Lächeln hinter dem Tresen, im seinem Rücken Regale gefüllt mit Wein. Kamil ist Sommelier und berät all jene, die in dem edlen Kellergewölbe zu Weinproben oder zum abendlichen Restaurant-Besuch kommen.

"Wir haben hier rund 300 verschiedene Weine. Und einige davon sind auch schon aus Polen ..."

Rund 500 Winzer soll es derzeit in Polen geben. So recht weiß das niemand, erzählt Kamil, weil offizielle Statistiken im Wein-Entwicklungsland Polen fehlen. Rund 100 Winzer, schätzt er, verdienen mit dem Wein wirklich Geld. Rund 20, sagt er, könnten international bereits mithalten.

"Na ja, wenn man bedenkt, dass die Weine sehr jung sind, die Winzer noch sehr unerfahren und Polen eigentlich noch kein richtiges Weinland ist, dann sind die Weine doch schon ganz gut."

"Das ist ein jetzt ein Rose-Wein aus der Region rund um Breslau - gemacht aus der Traube Rondo. Sie schmecken Birnen-Aromen, ein paar Äpfel vielleicht ... und ihnen fällt sicher die Säure auf. Da schmecken sie das kühle polnische Klima raus, die etwas geringere Anzahl von Sonnenstunden hier."

Nur eine Hand von Weinpionieren habe es bisher geschafft, derlei Probleme hinter sich zu lassen, sagt Kamil. Und einer dieser polnischen Weinpioniere sei ausgerechnet – ein gebürtiger Amerikaner.

"Mein absoluter Favorit in Polen derzeit, das ist das Weingut Adoria. Es wird von Mike Whitney betrieben, einem Amerikaner. Es ist erst ein paar Jahre alt, und trotzdem produziert Mike schon exzellente Weine. Vielleicht auch, weil er mutig ist, und weil er viel Neues probiert."

Sein Anwesen, ein herrschaftliches Landgut, liegt idyllisch inmitten von drei Hektar Rebflächen.

Einst erfolgreicher Finanzdirektor einer Baufirma, dann Aussteiger, und jetzt einer der führenden Handlungsreisenden für den polnischen Wein - das ist die Geschichte von Mike Whitney. Ein Mittfünfziger, klein, graumeliertes Haar, unauffällige Kleidung - nur seine gute Laune sticht heraus.

Mike Whitney, Kalifornier mit Vision für polnischen Wein. Aus Liebe zu seiner Frau kam er ins Umland von Breslau. Heute produziert er dort auf drei Hektar Polens renommierteste Weine. (Richard A. Fuchs)Mike Whitney, Kalifornier mit Vision für polnischen Wein. Er produziert Polens renommierteste Weine. (Richard A. Fuchs)

Mike Whitneys erstes Wagnis war der Ort, an dem er sein neues Weingut aus dem Nichts geschaffen hat. 30 Kilometer vor den Toren Breslaus suchte der Kalifornier, der aus Liebe zu seiner polnischen Frau emigrierte, den idealen Standort.

"Da drüben gibt's einen Berg, der hieß 'Weinberg'. Und ich fuhr vorbei, und dachte so bei mir, dass muss doch ein fantastischer Ort sein, um dort Reben anzupflanzen. Als ich dann gesehen habe, dass in acht verschiedenen Wappen umliegender Dörfer Reben integriert sind, wusste ich: Ja, das muss hier mit dem Weinanbau klappen."

Es dauerte noch eineinhalb Jahre und 300 Standorte länger, bis der richtige Ort gefunden war – Zachowice. Ein kleiner Weiler unweit der Autobahn Breslau Krakau. Inmitten einer sanften Hügellandschaft, in der es Äcker, Wiesen und Wälder gibt - nur keine professionellen Weinberge mehr.

"Wir fanden den Ort, schauten uns daraufhin die Klima-Karten an, ob da der Anbau von Spätburgunder, Chardonnay und Riesling möglich sein wird, dann fanden wir noch ein geeignetes Feld mit Südhanglage, unweit einer größeren Stadt, wo die Kunden nicht so weit sind, und dann fingen wir einfach an zu investieren."

Mit Leidenschaft und nüchterner Analyse

Mike Whitney begann mit Leidenschaft – und mit nüchterner Analyse. Er ließ Wissenschaftler durchrechnen, mit wie vielen Stunden im Jahr er mit Temperaturen von mehr als neun Grad Celsius rechnen kann. Erst als die Wissenschaftler grünes Licht gaben, dass es mehr als 2000 Stunden sein würden, pflanzte er seine frostempfindlichen Lieblings-Sorten Chardonnay, Pinot Noir und Riesling. Ein Wagnis – Rückschläge inbegriffen.

"Vor drei Jahren, am 1. Mai um 10 Uhr, begann es hier zu schneien. Und ich sprang auf und sagte zu mir: Mike, du bist der größte Vollidiot der Welt, dass du ein Weingut in Polen aufgemacht hast. Nur ein Depp kann so was machen!"

Jetzt schaut Mike Whitney nach vorne. Gemeinsam mit Andrew Kotlarz schlendert er durch seine Rebplantagen rund ums Haus und bespricht seine Neuanpflanzungen fürs kommende Jahr. Andrew, ein australischer Rebsorten-Profi mit polnischen Wurzeln, ist Gast und Kollege. Er baut im Jahr mehr als 250 Rebsorten in Australien an – und hat doch Respekt, wie Mike seine sechs verschiedenen Sorten hier durchbekommt.

"Wenn ich so schaue, was Mike hier macht, habe ich schon das Gefühl, dass er ganz neue Wege geht. Und das hat mich neugierig gemacht. Ich bin überzeugt, dass er andere inspirieren wird."

15.000 Flaschen produziert Mike Whitney derzeit. Und ist damit ein Zwergproduzent im europäischen Vergleich - und doch ein Riese im noch kleinen polnischen Markt.

Ob polnischer Wein aber die große Liebe der 38 Millionen Polen wird, das kann auch Mike Whitney nicht vorhersagen. Seit diesem Jahr fliegen seine Weine schon einmal mit der polnischen Airline Lot um die Welt. Seine Botschaft:

"Ein Wunder wäre es, wenn wir hier in Polen Palmen und Olivenbäume anpflanzen könnten. Das wäre wirklich ein Wunder. Aber Riesling, ne, das kriegen wir hin!"

Einige Kilometer von Polens heimlicher Weinhauptstadt Zielona Góra - früher Grünberg - entfernt, hat Roman Grad im letzten Jahr zwei Hektar neue Reben in den weichen Sandboden gepflanzt. Fast verloren stehen die kaum 30-Zentimeter-hohen Pflänzchen jetzt auf dem weitläufigen Hang außerhalb der Stadt, der Wind fegt darüber.

"Dort sehen wir Gewürztraminer ... Sehen sie, wie klein er ist. Das ist Kampf."

Roman Grads Hobby-Weingut, Winnica Julia, benannt nach seiner Enkelin, produziert so gerade einmal 1.000 Flaschen im Jahr, für Freunde und Bekannte.

Roman Grad, Hobby-Winzer aus Zielona Gora. Er produziert mit seinem noch jungen Weingut heute 1000 Flaschen Rot und Weißwein. Besonders im Weintourismus sieht er aber für Polen die Chance in Europa. ( Richard A. Fuchs)Roman Grad, Hobby-Winzer aus Zielona Gora. Er produziert mit seinem noch jungen Weingut heute 1000 Flaschen Rot und Weißwein. ( Richard A. Fuchs)

Und doch: Der ehemalige Stadtbeamte hat große Pläne. Schon im nächsten Jahr will er neue Rebstöcke pflanzen:

"Wir stehen in ihrer Probierstube, mit vielen Weinen und Weinpressen. Das sieht fast schon nicht mehr wie ein Hobby aus. Jetzt ist es mein Hobby, aber ich glaube in Zukunft wird es mein Beruf - und vielleicht auch der Beruf meiner Kinder."

Wein lockt Touristen

Wein, das ist für ihn vor allem eines: Tourismus.

"Der Weinbau in Polen hat sich den letzten Jahren richtig gut entwickelt. Dabei ist in meinen Augen jetzt nicht einmal so sehr wichtig, dass wir wirklich exzellente Weine produzieren. Viel wichtiger wird es sein, das der Weintourismus beginnt".

So war Roman Grad dabei, als die Lebuser Region, wie sich der malerische Landstrich rund um Zielona Góra nennt, neue Tourismuskonzepte entwarf. Jetzt können Touristen auf der Lebuser Wein- und Honigstraße fahren, vorbei an Kleinstproduzenten und Spezialgeschäften für regionale Produkte. Im Sommer gibt es den Weinberg-Marathon, im September traditionell das große Weinlese-Fest, seit Jahrhunderten das wichtigste Stadtfest Grünbergs.

Dass Zielona Góra in der Zukunft wieder zu einer echten Weinmetropole werden könnte, das hält Roman Grad für keineswegs ausgeschlossen. Schließlich begann hier – 120 Kilometer südöstlich von Frankfurt/Oder – der Weinbau schon einmal:

1826 produzierte August Grempler in Grünberg Deutschlands ersten Sekt. Für Roman Grad, Ansporn und Auftrag, auch für sein kleines Weingut.

Zielona Gora, früher Grünberg, war für Jahrhunderte die Weinmetropole im Osten. Hier wurde vom deutschen Fabrikanten August Grempler der erste deutsche Sekt gekeltert. Das war im Jahr 1826. (Richard A. Fuchs)Zielona Gora, früher Grünberg, war für Jahrhunderte die Weinmetropole im Osten. (Richard A. Fuchs)

 

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