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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.09.2015

Neue kolumbianische LiteraturMit morbider Lust in den Untergrund

Von Tom Noga

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Fotos an Häuserfassaden in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá erinnern an die Opfer des bewaffneten Konflikts (Foto: Olaf Nussbaum)
Fotos an Häuserfassaden in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá erinnern an die Opfer eines bewaffneten Konflikts (Foto: Olaf Nussbaum)

Kolumbien - Hochburg der Schmuggler, der Drogenbarone und Kokainkriege. Kolumbianische Schriftsteller haben die Gewaltexzesse geschildert - eine neue Autorengeneration schürft tiefer und blickt in das Getriebe einer dysfunktionalen Gesellschaft.

Zitat aus "Rosario Tijeras":
"'Ich habe lange darüber nachgedacht, was Rosario eigentlich damit beabsichtigte. Ich fragte mich, weshalb zum Teufel sie Emilio mit mir untreu sein wollte, wenn sie es schon mit den Oberharten war und darüber hinaus wusste, dass Emilios Reaktion über einen bloßen Wutanfall nicht hinausgehen würde, der sich mit ein paar Gramm Koks wieder legte. Nachdem ich in alle Richtungen Mutmaßungen angestellte hatte, geschah das Schlimmste von allem: Ich gab mich Illusionen hin.'
'Rosario will mir etwas andeuten', dachte ich.
'Rosario will etwas mit mir anfangen', kam mir häufig in den Sinn.
''Rosario ist in mich verliebt' war die endgültige Lüge.'"

"Rosario Tijeras" ist ein Coming-of-Age-Roman und eine Dreiecksgeschichte über ein schönes, geheimnisvolles Mädchen und zwei junge Männer. Antonio, der Erzähler, himmelt Rosario an und fügt sich, um ihr nah sein zu können, in die Rolle des Vertrauten - soweit es in der Welt, in der sie leben, überhaupt so etwas wie Vertrauen geben kann. Emilio wäre gerne mehr als ihr Liebhaber und ist nicht einmal das exklusiv. Denn da sind noch die Oberharten, wie Antonio sie in einer Mischung aus Furcht und Ehrfurcht nennt.

Zitat aus "Rosario Tijeras":
"Die, von denen sie alles bekam, die die Kohle bereitstellten, weshalb sie sich den Luxus erlauben konnten, uneingeschränkt über Rosario zu verfügen."

Jorge Franco: "Bei den Harten der Harten hatte ich den Klan der Ochoas im Sinn und natürlich Pablo Escobar. Das waren die Köpfe des Drogenhandels in Kolumbien, wobei wir nie wussten und bis heute nicht wissen, wer über ihnen war, irgendwo in den USA oder in Europa. Da muss es jemanden gegeben haben, bei dem vielen Geld, das im Spiel war."

Luftansicht von Bogota, die Hauptstadt von Kolumbien vom Berg. Bogotá ist die Hauptstadt Kolumbiens und Verwaltungszentrum des Departamentos Cundinamarca. Mit ihren 6,8 Millionen Einwohnern im eigentlichen Stadtgebiet und 7,9 Millionen in der Agglomeration (Volkszaehlung 2005) ist Bogotá der groesste staedtische Ballungsraum Kolumbiens und ausserdem eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Suedamerikas; (picture alliance / dpa / Foto: Mika Schmidt)Luftansicht von Bogota, die Hauptstadt Kolumbiens (picture alliance / dpa / Foto: Mika Schmidt)

Jorge Franco sitzt in seinem Büro im elften Stock eines Hochhauses, das förmlich an einem Hügel im Norden von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá klebt: ein drahtiger Mann, mit schwarzen, an den Schläfen grau melierten Haaren. Von seinem Schreibtisch genießt er einen fantastischen Blick auf die Hochhausschluchten der Metropole, in der er seit zwei Dekaden lebt, die in seinem Werk aber keine Rolle spielt. Bis auf eine Ausnahme spielen alle seine bislang sieben Bücher in Medellín, der Stadt, in der Jorge Franco vor 54 Jahren geboren wurde.

Franco: "Medellín ist immer eine Handelsstadt gewesen, fortschrittlich und wohlhabend. Deshalb war die Stadt immer attraktiv für Leute vom Land, besonders aber in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts, in einer Zeit, die wir in Kolumbien La Violencia nennen, eine Phase politischer Gewalt."

Ausgelöst wurde diese Phase der Gewalt durch den Mord an dem linken Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán im Jahr 1948. In der Folge bekämpften sich Anhänger der konservativen Partei und die von Gaitáns Partido Liberal bis aufs Blut. Diese Auseinandersetzungen zerstörten die Lebensgrundlagen vieler Menschen auf dem Land, die vor den Kämpfen fliehen mussten. Auch die bis heute aktive marxistische Guerilla der FARC ist dadurch entstanden.

Franco: "Damals flohen viele Menschen in die Städte und mussten dort unter ungünstigen Bedingungen leben. Medellín liegt in einem Tal, die Reichen leben traditionell unten. Also fingen die Flüchtlinge an, die Hänge zu besiedeln. In diesen Siedlungen, den comunas, gab es nichts, keine Schulen, keine Straßen oder Wege, keine öffentlichen Dienstleistungen. Als dann in den 70er- und 80er-Jahren das Medellín-Kartell entstand, brauchten die Drogenbarone einen bewaffneten Arm - für Kämpfe gegen andere Kartelle, gegen die Guerilla, später gegen den Staat. Die Leute dafür haben sie in den comunas rekrutiert. Das waren die sicarios, die Auftragsmörder."

Rosario Tijeras kommt aus einer dieser comunas. Sie ist bei ihrer Mutter aufgewachsen, - vom Vater erfahren wir nichts - , und als Jugendliche vergewaltigt worden. Dem Täter hat sie als Vergeltung den Penis abgeschnitten. Daher der Nachname, den sie angenommen hat: tijera heißt auf Deutsch Schere. Rosario ist Drogenkonsumentin, Geliebte der Bosse - und eine sicaria. Ihren Opfern haucht sie einen Kuss auf den Mund, bevor sie deren Leben auslöscht.

Zitat "Rosario Tijeras":
"'Sie tun mir Leid', erklärte uns Rosario. 'Ich finde, sie verdienen wenigstens einen Kuss, bevor sie abtreten.'
'Wenn sie dir leid tun, warum bringst Du sie dann überhaupt um?'
'Weil es an der Zeit ist. Du weißt schon.'"

Es ist eine aus den Fugen geratene Welt, in die Jorge Franco uns entführt. Gewalt ist allgegenwärtig, anders als viele kolumbianische Autoren der letzten Jahrzehnte verzichtet er aber darauf, sie mit morbider Lust zu schildern. Gewalt ist bei Jorge Franco nur die Folie, auf der sich die Handlung entfaltet, wie etwas, das immer da ist und deshalb keine große Aufregung wert ist. Damit ist "Rosario Tijeras", erschienen bereits 1999, Vorreiter einer neuen Entwicklung in der kolumbianischen Literatur. Autoren wie Evelio Rosero, Juan Gabriel Vásquez und Franco selbst in seinem bislang nur auf Spanisch erhältlichen "El mundo de afuera" richten den Blick nicht nur in die Abgründe des Landes, sondern in das Getriebe einer Gesellschaft, die sich über weite Teile des 20. Jahrhunderts als dysfunktional erwiesen hat.

Auch Juan Gabriel Vásquez thematisiert Drogenkriege

Zitat aus "Das Geräusch der Dinge beim Fallen":
"'Wo waren Sie, als Lara Bonilla erschossen wurde?' fragt die zurückgezogen lebende Maya Fritts ihren Besucher, den Juradozenten Antonio Yamarra. Typisch für unsere Generation, die heute 40- bis 50-Jährigen, denkt sich dieser.
'Wir fragen einander, wie unser Leben im Augenblick dieser Anschläge aussah, die sich fast alle in den achtziger Jahren ereigneten und es definierten oder in andere Bahnen lenkten, ohne dass wir überhaupt merkten, was da mit uns geschah. Dadurch, scheint mir, wollen wir uns vergewissern, dass wir nicht alleine sind, wollen es erträglicher machen, dass wir während dieses Jahrzehnts erwachsen wurden, wollen das Gefühl der Verwundbarkeit dämpfen, das uns seitdem begleitet.'"

Wie Jorge Franco befasst sich Gabriel Vásquez in "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" mit den 1980er-Jahren, dem Jahrzehnt des Drogenkriegs.

Zitat aus "Das Geräusch der Dinge beim Fallen": 
"Diese Art Gespräch fängt gewöhnlich mit Lara Bonilla an, dem Justizminister. Er war der erste öffentliche Feind des Drogenhandels gewesen, der mächtigste unter dessen legalen Gegnern. Die Methode der Motorradkiller, bei der ein junger Mann ans Auto seines Opfers heranfährt und eine Mini-Uzi auf ihn entleert, ohne auch nur das Tempo zu drosseln, fand bei ihm zum ersten Mal Anwendung."

Die Mafiabosse drängten damals ins Zentrum der kolumbianischen Gesellschaft, Pablo Escobar saß sogar ein Jahr lang im Parlament. Als ihm der Status als Abgeordneter auf Betreiben von Justizminister Lara Bonilla entzogen wird, ist dies der Auftakt zu einer beispiellosen Welle der Gewalt.

Juan Gabriel Vásquez (Tobias Wenzel)Juan Gabriel Vásquez (Tobias Wenzel)

Als Treffpunkt hat Juan Gabriel Vásquez das Café La Manzana in Bogotás Altstadtviertel La Candelaria vorgeschlagen. Er erscheint ganz in schwarz, in Stiefeln, Jeans, langärmligem Hemd und einem leichten Regenmantel. Kolumbiens Hauptstadt liegt auf 2.600 Höhenmetern, und das Wetter schlägt jeden Tag Kapriolen: Auf einen sonnigen Morgen bei strahlend blauem Himmel folgt oft ein wolkiger Vor- und ein kühler, verregneter Nachmittag. Oder umgekehrt. Vásquez ist Jahrgang 1973. Die Zeit des Drogenkriegs hat er als Jugendlicher erlebt.

"Das Geräusch der Dinge beim Fallen" ist sein vierter und persönlichster Roman. Für das Buch, es ist Ende 2014 in deutscher Übersetzung erschienen, wurde Vázquez mit dem renommierten spanischen Literaturpreis Premio Alfaguara de novela ausgezeichnet.

Gabriel Vásquez: "Ich habe dieses Buch geschrieben, weil über die Jahre des Narco- Terrorismus, über Pablo Escobars Krieg gegen den kolumbianischen Staat, zwar viel veröffentlicht wurde, aber nur auf Basis dessen, was der Öffentlichkeit bekannt ist. In Büchern und Reportagen finden wir Bilder der ermordeten Politiker, der ermordeten Richter, der von Bomben zerstörten Gebäude. Aber niemand hat sich damit befasst, was jene Jahre im Privatleben der Menschen angerichtet haben. Aus dieser Erkenntnis ist eine Obsession geworden. Ich wollte herausfinden, was damals mit uns passiert ist, moralisch und emotional, welche Spuren diese Zeit hinterlassen hat."

Der Roman spielt in Bogotá. In einer Stadt im ständigen Werden und Vergehen, wie Ich-Erzähler Antonio Yammara sinniert, in der man die Augen nicht zu lange schließen sollte, sonst wacht man womöglich in einer anderen Welt auf. Das Bild eines toten Nilpferds, das in der Provinz Magdalena Medio von Scharfschützen erlegt wurde, versetzt ihn zurück in die 90er Jahre. Das Tier war von der Hacienda Nápoles entflohen, dem ehemaligen Landsitz von Pablo Escobar. Dort hatte sich der Drogenboss neben einer Autorennstrecke auch einen Privatzoo gehalten.

Vásquez: "Im Jahr 2009, in dem der Roman beginnt, bin ich tatsächlich beim Blättern in einer Illustrierten über ein Bild des Nilpferdes gestolpert, mit dem der Roman beginnt. Das hat mich an meinen Besuch in Pablo Escobars Zoo erinnert. Ich war damals 12 und in den Ferien zu Besuch bei Freunden im Tal des Río Magdalena, in der Nähe eine Dorfes names La Dorada. Jemand hatte vorgeschlagen, den Zoo auf der Hacienda Nápoles zu besuchen, der war ja öffentlich zugänglich, bei freiem Eintritt, und damals eine touristische Attraktion. Total verrückt. Ich erinnerte mich an die großen Tiere, die Elefanten und Nilpferde, aber auch an die Figuren von Dinosauriern, die überall herumstanden. Und ich erinnerte mich an die Schuldgefühle, die ich damals hatte, weil es meinen Eltern nicht gefallen hätte, dass ich dorthin gefahren war."

Ein Streifzug durch La Candelaria, das Viertel, in dem "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" beginnt. Vorbei an alten Kolonialbauten, an denen der Putz blättert und die kunstvoll gedrechselten Holzbalkone längst wurmstichig sind. Auf den Straßen verkaufen fliegende Händler Raubkopien: Sonnenbrillen, Uhren, CDs, auch Bücher. Vor dem Café de Película bleibt Juan Gabriel Vásquez stehen. Hier hat er als Jurastudent Vorlesungen und Seminare geschwänzt. Neben dem Café ein Treppenaufgang zum Billares Aventino.

Ein Billardsalon, wie er typisch ist für Bogotá. Im ersten Stock wird das Queue geschwungen, im zweiten Schach gespielt, im dritten befindet sich die Bar. Dort gibt es Kaffee, Wasser, Bier und aguardiente, billigen Schnaps. Die Besucher sind ausnahmslos männlich - und wortkarg.

In einem Billardsalon wie diesem lernt er Mitte der 90er-Jahre Ricardo Valverde kennen. Wobei: Kennenlernen ist zu hoch gegriffen. Die beiden Männer haben abseits des Spiels nur wenige Worte miteinander gewechselt. Valverde ist Pilot gewesen, hat lange im Gefängnis gesessen und erwartet zu Weihnachten Besuch von seiner Frau, einer US-Amerikanerin, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Das ist alles, was Yammara erfährt. Aber er spürt, dass diesen gut 20 Jahren älteren Mann etwas Mysteriöses umgibt. Eines Abends wird Laverde auf offener Straße erschossen. Yammara ist Zeuge des Attentats, ein Querschläger verwundet ihn. Nach seiner Genesung macht er sich auf, das Geheimnis des Piloten zu ergründen.

Im Zimmer, in dem Valverde zur Untermiete gewohnt hat, stößt Yammara auf eine Cassette, den Mitschnitt aus der Black Box von American-Airlines-Flug 965. Die Maschine ist, eine Anleihe aus der Realität, am 20.12.1995 beim Landeanflug auf Bogotá an einem Berg zerschellt. Was wir noch nicht wissen, aber bereits ahnen: Im Roman befand sich Laverdes Frau an Bord. Über die Cassette kommt Yammara in Kontakt zu Maya Fritts, der Tochter des Paares. Sie lebt auf einer Finca in der Nähe von La Dorada. Yammara macht sich auf, sie zu besuchen.

Zitat aus "Das Geräusch der Dinge beim Fallen":
"Sie hatte die hellgrünsten Augen, die ich je gesehen hatte, und in ihrem Gesicht traf eine Mädchenhaut auf den Ausdruck einer reifen, leicht verstörten Frau. Ihr Gesicht war wie ein Fest, das alle Gäste verlassen hatten. Sie trug keinen Schmuck, nur an den schmalen Ohrläppchen zwei kaum sichtbare Diamantfunken (zumindest schienen es mir Diamanten zu sein)."

Antonio Yammara und Maya Fritts sind Geschwister im Geiste. Beide leben in einem unbewältigten Gestern und sind im Heute unfähig zu echten Gefühlen. Beide sind im Grunde ihres Herzens einsam, er inmitten der Großstadt, sie zurückgezogen auf dem Land lebend. Sie klammern sich aneinander, besuchen die Hacienda Nápoles und erforschen in tagelangen Gesprächen die Wunden, die der Narco-Terrorismus ihnen geschlagen hat. Das ist facettenreich und über weite Strecken spannend zu lesen, gerät Vásquez aber manches Mal zu bemüht und langatmig, wenn er etwa wieder und wieder das beschwört, was seine Generation eint. Die tiefere Qualität des Romans aber ist eine historische: Er beleuchtet die Rolle, die Mitglieder des Friedenskorps, einer US-amerikanischen Hilfsorganisation, in der Anfangszeit des Drogenschmuggels gespielt haben.

Zitat aus "Das Geräusch der Dinge beim Fallen":
"Gut möglich, dass sie vom Kokain sprachen. Oder von den Freiwilligen, die den Bauern beigebracht hatten, wie man Kokapaste herstellt, so wie vorher die Methoden, wie man am besten Marihuana anbaut. Aber damals war es noch nicht das große Geschäft gewesen. "

Valverde nämlich, und das ist sein Geheimnis, hat Marihuana in die USA geflogen. Sein Kompagnon Mike, ein Hippie, war mit den Friedenskorps ins Land gekommen. Als die beiden ins weitaus lukrativere Kokaingeschäft einsteigen, kommen sie den Drogenbaronen in die Quere: Laverde wird verraten und nach der Landung in den USA verhaftet, Mike erschossen.

Vásquez: "In der offiziellen Geschichte des Drogenschmuggels kommt dieser Aspekt nicht vor. Vielleicht weil die Friedenscorps eine angesehene Organisation sind und man sie nicht in den Schmutz ziehen will, nur weil ein paar ihrer Mitglieder zur richtigen Zeit aus der gestiegenen Nachfrage nach kolumbianischem Marihuana in den USA Vorteile gezogen haben. Bei meinen Recherchen habe ich nur wenige Hinweise darauf in öffentlich zugänglichen Dokumenten gefunden. Unter anderem eine Fußnote in einem Zeitungsartikel, in der ein Minister off the records zitiert wurde. Im Grunde ist das ein offenes Geheimnis. Und damit sind wir auf dem Gebiete des Romans. In meinen Augen funktioniert der Roman dann am besten, wenn er uns nicht das erzählt, was wir eh schon wissen, sondern Winkel der Realität ausleuchtet, zu denen mit anderen Mitteln kein Zugang besteht."

Am Ende kehrt Yammara nach Bogotá zurück - allein. Er hat verstanden, dass eine gemeinsame Vergangenheit zwar verbindet, aber nicht in die Zukunft trägt. Er findet eine leere Wohnung vor: Seine Frau ist ausgezogen.

Zitat aus "Das Geräusch der Dinge beim Fallen":
"Den Blick starr auf die Formen und Farben gerichtet, die sich kaum merklich bewegten, dachte ich darüber nach, was ich Aura sagen würde, wenn sie wieder anrief. Sollte ich fragen, wo sie war, ob ich sie abholen oder auf sie warten durfte? Sollte ich schweigen, damit sie merkte, dass es ein Fehler gewesen war, unser Leben aufzugeben? Oder sollte ich sie zu überzeugen versuchen, dass wir uns gemeinsam dem Bösen in der Welt besser entgegenstellen konnten und dass die Welt ein zu gefährlicher Ort war, um darin ganz allein auf sich gestellt zu sein, ohne dass uns jemand zu Hause erwartet, sich sorgt, wenn wir nicht kommen, und losgeht, uns zu suchen?"

Die Liebe gibt unserem Leben Halt

Wo "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" endet, bei der Erkenntnis nämlich, dass es letztlich die Liebe ist oder zumindest die Zweisamkeit, die unserem Leben Halt gibt, da fängt "Zwischen den Fronten" von Evelio Rosero an. Ismael Pastos ist pensionierter Lehrer in San José, einem kleinen Bergdorf. Ein Tagträumer, der sich mit seiner Frau Otilia nichts mehr zu sagen hat und die schöne Nachbarin Geraldina anschmachtet, wenn sie sich nackt in ihrem Garten räkelt. Bis der Brasilianer entführt wird, Geraldinas Mann. Völlig aufgelöst, erzählt sie Ismael, was geschehen ist.

Zitat aus "Zwischen den Fronten":
"Um Mitternacht war er plötzlich da, mit ein paar Männern, und hat die Kinder mitgenommen, ohne ein Wort zu mir zu sagen, wie ein Toter. Die anderen Männer hatten die Waffen auf ihn gerichtet; bestimmt haben sie ihm verboten, mit mir zu sprechen, nicht wahr?, deswegen konnte er nichts zu mir sagen. Ich will nicht glauben, dass er aus purer Feigheit nicht gesprochen hat. Er hat die Kinder an die Hand genommen. "Los jetzt", hat er zu ihnen gesagt, "wir gehen nur spazieren", das hat er zu ihnen gesagt, und zu mir kein einziges Wort, als wäre ich nicht die Mutter. Sie sind fortgegangen und haben mich zurückgelassen, ich soll mich ums Lösegeld kümmern."

 A member of the Colombian guerilla FARC holding his weapon in the mountains of Cauca, Colombia, May 30, 2010. Colombian president Santos confirmed to the media in Bogota, Colombia, 27 August 2012, the agreement to negotiation talks with the Revolutionary Armed Forces of Colombia (FARC). (Zu dpa "Kolumbien will mit Farc-Rebellen über Frieden verhandeln"). Photo: Joana Toro/dpa/aa (dpa / picture alliance / Joana Toro)Ein Kämpfer der kolumbianischen Guerilla Farc (dpa / picture alliance / Joana Toro)

Wer sie sind, wissen wir nicht. Und wir werden es im Verlauf des Romans auch nicht erfahren. Nur so viel ist klar: In den Bergen um San José bekriegen sich die Rebellenarmee der FARC und paramiltärische Verbände. Das spiegelt die Realität in abgelegenen Gebieten. Die FARC sind politisch gescheitert und militärisch besiegt. Doch einzelne Verbände harren aus, weil sie nach der Zerschlagung der Drogenkartelle Teile des Geschäfts übernommen haben, ebenso wie ihre Gegenspieler, die Paramilitärs.

Nach der Entführung des Brasilianers rücken sie im Dorf ein, verfolgt von jenen. Oder umgekehrt. Damit beschreibt Rosero die Essenz des bewaffneten Konfliktes in Kolumbien. Bei ihm gibt es kein Gut und kein Böse, nicht einmal etwas, das durch die Brille der Ideologie betrachtet Gut oder Böse erscheint. Hier ist der bewaffnete Konflikt auf die reine Gewalt reduziert. Die staatlichen Institutionen haben abgedankt, auch die spirituellen.

Zitat aus "Zwischen den Fronten": 
"Die Ungewissheit ist für alle gleich; als Antwort breitet Pfarrer Albornoz die Arme aus, was weiß er schon?, er spricht zu ihnen wie in seinen Predigten und tut in seiner Situation wahrscheinlich genau das Richtige: aus Angst davor, falsch interpretiert, von dieser oder jener Armee angeklagt zu werden, oder einem Drogenbaron auf den Schlips zu treten - womöglich ist unter den Gläubigen, die ihn umringen, ein Spion - bringt er nur Gestammel hervor, in dem er den Glauben preist, den Himmel anfleht, dieser Bruderkrieg möge an San José vorüber gehen, die Vernunft möge siegen."

Evelio Rosero: "Mir ging es darum, einen bestimmten Teil unserer Realität darzustellen, und zwar die Hilflosigkeit der Zivilisten im Kreuzfeuer von Armeen, die manchmal gemeinsame Sache machen, wie das kolumbianische Heer mit den Paramilitärs. Das haben ja die vielen Massaker gezeigt. All das wollte ich darstellen, am Leben des Lehrers Ismael."

Der kolumbianische Schriftsteller Evelio Rosero im Dezember 2013 in Guadalajadra, Mexiko. (picture alliance / dpa / Ulises RuizBasurto)Der kolumbianische Schriftsteller Evelio Rosero im Dezember 2013. (picture alliance / dpa / Ulises RuizBasurto)

Evelio Rosero, Jahrgang 1958. "Zwischen den Fronten" ist sein zwölfter Roman, der zweite, der in deutscher Übersetzung vorliegt. Wie ein Zombie taumelt Ismael durch eine Welt, die sich mehr und mehr auflöst. Er sucht Otilia, die in den Wirren spurlos verschwunden ist und nicht mehr auftauchen wird.

Zitat aus "Zwischen den Fronten":
"Ich taste mich von Fassade zu Fassade. Plötzlich bemerke ich es, das Geschrei ist es. Es ist wie eingefroren, ich bin nicht allein auf der Straße: Die festen Stimmen kehren zurück, ich blicke ringsherum, es sind Stimmen, die sich drehen und verdrehen, weder sehr nah noch sehr fern, ein Fluss, der überall ist."

Auf seiner Suche begegnet er verschiedenen Menschen. Die einen wollen bleiben und werden am Ende des Romans tot sein. Die anderen haben sich zur Flucht entschlossen - vielleicht kommen sie durch, wenn sie unterwegs ihnen und jenen entgehen. Meisterhaft und fesselnd schildert Rosero den Zusammenbruch jeglicher Ordnung, jeglicher Struktur, die totale Desintegration.

Zitat aus "Zwischen den Fronten": 
"Jetzt tauchen die Verfolger auf, die Hintersten haben sich im Laufen zu mir umgedreht, sie kommen auf mich zu, haben sie mich entdeckt? Sie durchkämmen, sie suchen, zielen mit ihren Waffen in alle Richtungen, wollen schießen, werden in die Luft schießen oder werden sie auf mich schießen?"

Und doch gibt es Hoffnung. Denn über diese Gewalt, die Ismeal nicht begreift, nicht begreifen kann, weil sie vollkommen sinnlos ist, hat er den Verstand verloren. Und damit sie und jene die Macht über ihn. Sie oder jene mögen ihn töten, aber ängstigen kann ihn das nicht mehr.

Zitat aus "Zwischen den Fronten": 
"'Ihren Namen', schreien sie noch einmal, was soll ich ihnen sagen?, meinen Namen, einen anderen Namen?, ich werde sagen, dass ich Jesus Christus heiße, ich werde sagen, dass ich Simón Bolívar heiße, ich werde sagen, dass ich Niemand heiße, ich werde sagen, dass ich keinen Namen habe und wieder lachen, sie werden denken, dass ich mich über sie lustig mache, und schießen, so wird es sein."

Am Ende wird der Narr zum Weisen

Ein Hauch von Don Quijote weht durch die letzten Seiten von Evelio Roseros "Zwischen den Fronten": Der Narr ist am Ende zum Weisen geworden. Im Grunde könnte "Zwischen den Fronten" auch vor 50, 60 Jahren spielen, zu Zeiten von La Violencia, als sich Anhänger der Liberalen und der konservativen Partei bekriegten und die FARC entstanden. Und damit die Vorgeschichte sein für "Rosario Tijeras", Jorge Francos Roman über die Freunde Antonio und Emilio und ihre Liebe zu einer schönen Auftragsmörderin aus den comunas von Medellín, den Armenvierteln, in die Flüchtlinge damals gelandet sind. In seinem Büro in Bogotá lächelt Jorge Franco zustimmend. Es ist die Crux Kolumbiens, dass sich die Gewalt, von der das Land immer wieder heimgesucht wird, aus sich selbst speist, sich quasi recycelt. Aber dahinter, sagt Jorge Franco, verbirgt sich eine Lebenswirklichkeit. Und die wollte er mit "Rosario Tijeras" beleuchten.

Jorge Franco: "Indem der Roman vordergründig eine Liebesgeschichte erzählt, öffnet er den Blick auf die große kolumbianische Lebenslüge. In diesem Land gibt es große Klassenunterschiede. Und hier ist eine Frau vom Rand der Gesellschaft mit zwei Typen aus der Oberschicht. Das ist die typische Konstellation in unseren Telenovelas. Und die Telenovela ist Ausdruck unserer Kultur, sie fesselt sehr, sehr viele Menschen. Abends hängt das ganze Land vor dem Fernseher und guckt sich an, wie sich Menschen aus unterschiedlichen Klassen ineinander verlieben. Im wirklichen Leben gibt es das nicht, also gaukelt man es den Leuten in der Fiktion vor."

In "Rosario Tijeras" ist diese Begegnung eingebettet in einen historischen Kontext: Im Medellín der 80er-Jahre sind nicht nur die Drogenbosse unvorstellbar reich geworden, auch der Jugend in den comunas, den Armenvierteln, hat der Drogenschmuggel Geld in die Taschen gespült. Und damit Zugang verschafft zu den Vergnügungstempeln der Oberschicht.

Zitat aus "Rosario Tijeras": "Es war im Acuarius, Freitag oder Samstag, den Tagen, an denen wir immer hin gingen. Die Diskothek war eine von den vielen Plätzen, an denen sich die trafen, die unten waren und aufzusteigen begannen, und die, die oben waren und sich auf Talfahrt befanden. Sie hatten genug Kohle, um sie da auszugeben, wo wir noch anschreiben ließen. Sie waren risikofreudig, tollkühn, sie verschafften sich Respekt. Sie waren, was wir nicht waren und im Grunde immer sein wollten. Wir sahen ihre Waffen, die im Hosenschlitz steckten und die Ausbuchtung vergrößerten, und die tausend Arten, auf die sie männlicher waren als wir. Sie flirteten mit unseren Frauen und führten uns ihre vor. Hemmungslose Frauen, so resolut wie sie selbst, bedingungslos in der Hingabe, scharf, mestizisch, mit Beinen, die vom Erklimmen der zahlreichen Hügel ihrer Viertel straff waren. Gefälliger und weniger nervtötend. Zu ihnen gehörte Rosario."

Natürlich kann das nicht gut gehen. Für Antonio und Emilio ist die Zeit mit Rosario Episode, ein Flirt mit dem Anderen, dem Fremden und damit Zwischenschritt auf dem Weg zum erwachsenen Leben, auch wenn sie das noch nicht verstehen. Für Rosario dagegen ist das bereits das ganze Leben. Ihr sind nur wenige Jahre beschert, und das weiß sie. Und sie mag noch so viel Geld haben, in einer Klassengesellschaft wie der kolumbianischen gibt es keinen sozialen Aufstieg für sie. Das erfährt Rosario als Emilio sie zu einer Abendgesellschaft in seinem Elternhaus mitnimmt.

Zitat aus "Rosario Tijeras": 
"Kaum war ich da, kommt dieses Miststück daher und glotzt mich an, als wär ich ein Stück Scheiße. Lächeln und Schmuck hin oder her, ich fing an zu Stottern wie eine Schwachsinnige, verschüttete den Wein, ließ das Essen aufs Tischtuch fallen, verschluckte mich am Reis und konnte den ganzen Abend nicht mehr aufhören zu husten. Und alle stellten mir Fragen, aber nicht aus Nettigkeit, sondern weil sie mich fertig machen wollten. Was ich denn so mache, wer mein Papa und meine Mama sind, wo ich studiere und diesen ganzen Scheißdreck, als hätten sie außer mir kein anderes Thema."

Auch in "El mundo de afuera", seinem neuen Roman, lässt Jorge Franco zwei Welten aufeinander prallen, die des alten Geldadels in Medellín und die der Marginalisierten. Die Handlung spielt Anfang der 70er-Jahre, in einer Gesellschaft, die noch nicht vom Drogenhandel korrumpiert ist. Aber aus "Das Geräusch der Dinge beim Fallen" wissen wir, dass die Saat längst gelegt war. Die Auseinandersetzung mit den Drogenschmugglern wird auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda bleiben. Und damit eine Thema fürs die kolumbianischen Schriftsteller.

 

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