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Tonart | Beitrag vom 07.11.2018

Neue Klassik-VeröffentlichungenWie sich Schubert weiterdenken lässt

Von Rainer Pöllmann

Silke Avenhaus steht in heller Kleidung vor einer hellen Wand. (Susie Knoll)
Souveräne Schubert-Interpretation: die Pianistin Silke Avenhaus. (Susie Knoll)

Vom Repertoire der Operngeschichte bis zum zeitgenössischen Komponieren reichen unsere Klassik-Empfehlungen. Auf der CD "Trouts" interpretiert Silke Avenhaus am Klavier Franz Schuberts "Forellenquintett" - und Werke von Komponisten von heute.

Es ist schon schwer für Klassik-Interpreten. Einerseits sollen sie den großen Werken gerecht werden, andererseits aber doch nicht einfach nur reproduzieren. Und deshalb gibt es in der Klassik inzwischen wahrscheinlich mehr "Konzept-Alben" als im Pop. Besonders Sänger haben das Problem, zwischen der Scylla unbezahlbarer Opern-Gesamtaufnahmen und der Charybdis belangloser Arien-Zusammenstellungen den eigenen Weg zu finden. Das geht oft brutal schief. Manchmal aber auch nicht.

Elsa Dreisig stellt berühmte Opernfiguren gegenüber

Bei "Miroirs" zum Beispiel. Dem ersten Album der jungen Sopranistin Elsa Dreisig. Um "Spiegel" geht es (jedenfalls musikalisch-dramaturgisch) eher nicht, aber um "Spiegelungen". Immer zwei Opernfiguren werden einander gegenüber gestellt: die "Rosina" von Mozart der "Rosina" von Giacchino Rossini, die "Salome" von Richard Strauss der "Salome" von Jules Massenet. Diese Dopplungen sind durchaus geläufig, originell dagegen die Kombination von Massenets "Juliette" mit jener von Daniel Steibelt.

Und das Konzept geht auf. Weil Elsa Dreisig die Psyche ihrer sehr unterschiedlichen Figuren vokal gut erkundet und stimmlich über jeden Zweifel erhaben ist. Zu Hause ist sie im französischen Fach, aber souverän auch im weiten Feld von Mozart bis Richard Strauss.

Silke Avenhaus spielt Schubert

Und es gibt gleich noch weitere Spiegelungen. Schuberts "Forellenquintett", im Englischen "Trout", umkreist von fünf Auftragswerken zeitgenössischer Komponisten aus fünf europäischen Ländern, die sich mit dem berühmten Vorbild auseinandersetzen, Schubert weiterdenken.

Gegen Schuberts Meisterwerk kommt keiner an, aber darum geht es ja auch gar nicht. Es ist ein schönes dramaturgisches Konzept, von der Pianistin Silke Avenhaus mit befreundeten Musikern mit Sorgfalt und Einfühlungsvermögen interpretiert.

LUX:NM und die Vielschichtigkeit heutigen Komponierens

Den Zufall ins Zentrum stellt dagegen "Strandgut", die zweite CD des Neue-Musik-Ensembles LUX:NM. Strandgut – was soll das sein? Musikalische Zufallsfunde? Muscheln und Quallen? Plastikmüll? Weit gefehlt. "Strandgut" sind fünf Werke, die sämtlich für das Ensemble geschrieben wurden. Die ehrlicherweise nicht so wahnsinnig viel miteinander zu tun haben außer der Besetzung.

Aber gerade aus den unterschiedlichen Kompositionsweisen entsteht ein vielschichtiges Bild heutigen Komponierens und lebendiger Ensemblekultur. Von LUX:NM mit Leidenschaft und absolut souverän interpretiert.

Jean Rondeau spielt Domenico Scarlatti

Und zu guter Letzt eine CD, die auf alles "Konzeptuelle" zu verzichten scheint: Der Cembalist Jean Rondeau spielt 15 Sonaten von Domenico Scarlatti. Aber so ganz ohne Überbau geht es auch hier nicht. Ein Deleuze-Zitat über Einsamkeit zur Einstimmung, ein extra Pausentrack von 30 Sekunden in der Mitte der CD, der einen zum Stillhalten zwingt, ein Brief von Scarlatti im Booklet, in dem dieser unter anderem behauptet, seine Katze habe – auf der Tastatur herumtollend – einige der Melodien erfunden, die er denn verwendete.

Ein bisschen überkandidelt das alles, aber die Sonaten selbst spielt Jean Rondeau mit Verve und interpretatorischer Fantasie.


Besprochene CDs:

Elsa Dreisig: "Miroir(s)"
Elsa Dreisig (Sopran), Orchestre National de Montpellier Occitanie, Ltg.: Michael Schönwandt
Warner Classics/Erato (LC: ) 0190295634131

"Trouts"
Franz Schuberts "Forellenquintett" und Werke von fünf zeitgenössischen Komponisten
Silke Avenhaus (Klavier) und Mitmusiker
Avi-Service (LC: 15080) 8553408

Ensemble LUX:NM: "Strandgut"
Werke von Gordon Kampe, Yair Klartag, Philipp Maintz, Birke Bertelsmeier, Vassos Nicolaou
Ensemble LUX:NM
Genuin (LC: 12029) GEN 18628

Domenico Scarlatti: Sonaten für Cembalo
Jean Rondeau (Cembalo)
Warner Classics/Erato (LC: ) 010295633646

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